Constanze Kraft, die neue Pfarrerin der Zuflucht-Gemeinde im Falkenhagener Feld (Foto: Ralf Salecker)

100 Tage im Falkenhagener Feld

Ein Gespräch mit Constanze Kraft, der neuen Pfarrerin der Zuflucht-Gemeinde

Constanze Kraft, die neue Pfarrerin der Zuflucht-Gemeinde im Falkenhagener Feld (Foto: Ralf Salecker)
Constanze Kraft, die neue Pfarrerin der Zuflucht-Gemeinde im Falkenhagener Feld (Foto: Ralf Salecker)

Ich möchte die Dinge nicht völlig umkrempeln

Die neue Pfarrerin der Zuflucht-Gemeinde, Constanze Kraft, ist nun rund 100 Tage im Amt. Ein kurzer Blick darauf, wie sie „ihr“ Falkenhagener Feld sieht, das in diesem Jahr sein 50jähriges Jubiläum feiert.

Was ist Ihnen bisher im neuen Kiez besonders aufgefallen?

Das Falkenhagener Feld und sein Neubaugebiet kannte ich anfangs gar nicht. Als ich das erste Mal hier entlang ging, war ich ein wenig bedrückt von der „Ödnis“. Ich empfinde das mittlerweile als Herausforderung. Ich kenne die Geschichte dieses Fleckens inzwischen besser, sehe den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner, nehme wahr, wo sie sich engagieren oder was sie laufen lassen. Gelernt habe ich, dass sich das Leben hier nicht auf der Straße, sondern hinter den Wohnungstüren abspielt – deshalb möglicherweise auch der Eindruck der Ödnis auf den Straßen.

Dabei stellt sich mir immer wieder die Frage: Was waren die Zeitbedingungen in den 60er Jahren, dass man so gebaut hat? Wieso ist es zu so vielen Versäumnissen gekommen? Warum gibt es  heute noch immer so wenig Belebendes auf den Straßen? Andererseits komme ich aus dem Wedding, von der Seestraße, durch die fahren pro Stunde 30.000 Autos – so genieße ich die Ruhe hier über alles.

Welche vordringlichen Aufgaben sehen Sie für die Zukunft in Ihrer Gemeinde?

Ich habe keine besonderen Ambitionen oder Pläne. Mir ist bewusst, dass die Kirche kein großer gesellschaftlicher Faktor mehr ist und es auch nie wieder sein wird. Andererseits steht die Zuflucht-Kirche hier mitten auf dem „Dorfplatz“. Es werden ganz bestimmte Erwartungen an uns herangetragen, auch vom Quartiersmanagment. Was ich möchte, ist, mit den Menschen zusammen zu leben, sie in ihrer Verschiedenartigkeit kennen zu lernen, sie zu entdecken. Die Zuflucht-Kirche ist ein für alle offenes Haus. Wer möchte, darf eintreten, sich umschauen, Kontakt aufnehmen. Ganz wichtig ist mir dabei, auf die Bibel hinzuweisen. Sie ist ein herausforderndes Buch, mit dem man auch heute noch die Welt  verstehen lernen kann.

Was können Sie aus Ihrer Erfahrung im Wedding hier im Falkenhagener Feld nutzbringend einbringen? Die kulturelle Durchmischung im Wedding war sicherlich anders, als hier im Kiez?

Die kulturelle Durchmischung im Wedding ist sicherlich etwas größer. Schaut man sich aber den sozialen Level an, so sehe ich keinen großen Unterschied zwischen dem Wedding und dem Falkenhagener Feld. Das kommt mir auch entgegen, ich hätte mich z.B. nicht nach Schlachtensee beworben. Was mir Sorgen macht, ist die soziale Abwärtsspirale. Kirchlicherseits wird sie hier und woanders z.B. mit der Lebensmittelausgabe „Laib und Seele“ abgefedert. Doch sie wird sich weiter nach unten drehen. Einen wirksameren Weg, etwas dagegen zu unternehmen, sehe ich darin, bei den Leuten ein stärkeres Bewusstsein für große gesellschaftliche Zusammenhänge zu  entwickeln, also über Ursachen und Wirkung zu reden. Menschen zu politisieren und dadurch zu aktivieren – das finde ich wichtig.

Mit dem Falkenhagener Feld und den Gemeinden Gatow und Kladow haben Sie ganz unterschiedliche Welten erlebt. Wie würden Sie die Unterschiede beschreiben und wo liegen die Überschneidungen?

Die Volkskirchlichkeit in den mittleren bürgerlichen Schichten im Süden Spandaus war damals noch viel stärker präsent und lebendig, als sie es hier ist. Im Falkenhagener Feld – aber anderswo natürlich auch – kann man von der Tatsache, dass Menschen selbstverständlich  zur Kirche gehören, längst nicht mehr ausgehen. Das ist ganz bestimmt nicht nur eine finanzielle Frage, sondern auch eine nach der Sinnstiftung. In der Kirche wird sie nicht mehr gefunden. Das ist in Gatow und Kladow, wo die Kirche noch mehr zum gesellschaftlichen Leben dazugehört, etwas anders. Obwohl es auch da brüchig wird.

Natürlich habe ich auch beobachtet, dass es dort, wo die soziale Absicherung noch funktioniert, ein geringeres Problembewusstsein für soziale Brüche im täglichen Leben gibt. Ich will keine Klischees aufbauen, auch nicht übertreiben, aber in Kladow ist die Welt noch etwas mehr in Ordnung als hier.

Wie viele Menschen im Falkenhagener Feld von Hartz-IV leben, weiß ich noch nicht genau. Hartz-IV bedeutet ja nicht, dass Menschen hungern. Hartz-IV bedeutet, dass ein Mensch kaum noch an der bestehenden Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens teilnehmen kann. Hartz-IV reduziert positive gesellschaftliche Erfahrungen und kommunikative Kompetenzen spürbar. Möglicherweise erleben wir im Falkenhagener Feld eben diesen Prozess. Das ist aber nur ein erster Eindruck …

Sie haben die Ursachen sozialer Not und das theologische Arbeiten als besondere Schwerpunkte Ihrer Arbeit bezeichnet. Kann die Kirche auf die Ursachen von Not einen Einfluss nehmen? Muss da das theologische Arbeiten nicht zwangsläufig hintenan stehen? Sind junge Menschen in nennenswertem Ausmaß erreichbar?

Theologie, die nicht auf gesellschaftliche Not zugeht, ist keine biblische Theologie. Und sofern gesellschaftliche Not in der Theologie nicht vorkommt, ist diese keine biblische Theologie. Die Bibel ist ein Buch, das um Gerechtigkeit ringt. Es gibt jüdische Theologen, die auf die Frage, worum es in der Bibel eigentlich geht, antworten: um das Zusammenleben von Menschen, um Gerechtigkeit, um Fairness, um Alternativen. Soziales und Theologie fallen nicht auseinander, sie bedingen sich und gehen zusammen.

In Lateinamerika gab es die Theologie der Befreiung. Aus ihr gingen hoch motovierte Basisgemeinden hervor. Nun will ich dies nicht mit hier und jetzt vergleichen. Aber die Theologie der Befreiung ist in ganz besonderer Weise bahnbrechend gewesen. In den Favelas begannen die Menschen, die biblischen Geschichten als ihre eigenen Geschichten zu lesen und zu verstehen. Auch Jugendliche. Darum geht es. Alles andere bleibt Schreibtischrede oder Kanzelrede.

Die Falkenseer Chaussee wird von vielen als „Grenze“ empfunden, die nur selten überschritten wird. Schon „immer“ reden auch Jugendliche von denen „da drüben“. Brauchen Menschen solche Grenzen? Wie können Sie Einfluss auf eine Überwindung dieser gedachten Grenze nehmen?

Ich weiß es nicht. Ja, von dieser Grenze habe ich gleich gehört, als ich hier ankam. In meiner bisherigen Gemeinde im Wedding gab es eine vergleichbare Zweiteilung durch die Seestraße. Es war im Grunde kaum ein Zusammenkommen. Sind die Menschen so? Durch ein wenig Flexibilität sollte doch eine solche Grenze überwindbar sein! Meine allererste Idee war, zum Bezirksamt zu gehen und zu sagen: Baut doch eine Straßenbrücke über diese entsetzliche Straße, ohne Ampel, einen Ort, an dem man sich begegnen kann, an dem man nicht dem Autoverkehr so unmittelbar ausgesetzt ist …

Auch wir als Kirchengemeinde haben mit diesem Problem zu kämpfen. Die Jeremia- und die Zuflucht-Gemeinde liegen keine 250 Meter auseinander. Es gibt natürlich viele Berührungspunkte und so manche Zusammenarbeit. Aber im Grunde empfinden auch die Gemeindeglieder diese Grenze. Wenn wir gemeinsame Gottesdienste feiern, dann kommt es nur tröpfchenweise zu einem Herüber und Hinüber. Es ist kein Verbundenheitsgefühl da – wegen dieser baulichen Kluft.

Es gibt ja schon einen gewissen Austausch mit der Jeremia-Gemeinde. Wie könnte sich dieser in Zukunft weiter entwickeln?

Nicht nur, weil es in perspektivisch gar nicht anders geht, als dass die beiden Gemeinden zusammenarbeiten und zusammenrücken, wollen wir eine gemeinsame Zukunft entwickeln. Das  gehört zu unseren Zielen. Schön wäre es, wenn es den beiden Gemeinden schon jetzt  gelänge, beispielhaft für die Bevölkerung des Falkenhagner Feldes eine Brückenfunktion zu entwickeln – trotz der Falkenseer Chaussee.

Wir befinden uns gerade an einer gewissen Zäsur. Noch sind wir am Tasten, versuchen neu zu definieren, was die Zuflucht-Gemeinde gegenwärtig braucht. Ganz sicher gehört dazu  die Senioren- und Familienarbeit. Es soll auch wieder das Angebot einer biblischen Lektüre geben. Geplant ist außerdem eine Film- und Gesprächsreihe über mutige Menschen, die in den sozialen Bewegungen unserer Zeit Widerstand leisten und um Verbesserungen kämpfen. Damit soll demnächst losgehen.

Gibt es vielleicht einen Aufruf, einen Wunsch an die Bewohner des Falkenhagener Feldes?
Ja, ich wünsche mir, dass wir neben den vielen kleinen ermutigenden Projekten nicht die große Linie von Ursache und Wirkung aus den Augen verlieren. Wir sollten uns bewusst machen, woher diese Verarmungs- und Verdrängungstendenzen kommen, und woher die leeren Kassen. Wo ist das Geld, was wir nicht haben? Es ist ja nicht weg … Ich möchte mich nicht damit begnügen, mich über kleine nette Projekte zu freuen. Wir dürfen nicht vergessen, über Armut und Reichtum zu reden – und über die Reichen vor allen Dingen. Nicht über die Armen, denn das kostet nichts. Über den Reichtum zu reden, das ist angesagt heute …

Herzlichen Dank, Frau Kraft, für dieses Gespräch.

Ralf Salecker

 

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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