Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Angriffsbefehl Napoleons auf Spandau ersteigert

Das historische Dokument hat früher niemanden im Bezirk interessiert

Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)
Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

1806 befahl Napoleon nach dem Sieg über Preußen den Angriff auf Spandau, sowie den Beschuss der Zitadelle. Die Original Handschrift des Kaisers mit Angriffsbefehl für General Bertrand konnte für rund 3000,- Euro von der Heimatkundlichen Vereinigung bei einer Versteigerung in Wien erworben werden. Ein passendes Weihnachtsgeschenk im 200ten Jubiläumsjahr der Befreiung Spandaus von den Franzosen. Vor einigen Jahren bot der ehemalige Besitzer das historische Dokument aus dem Nachlass des französischen Generals Bertrand in Spandau an. Damals wollte es niemand haben. Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr erhielt Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank eine Nachricht, in der er über die bevorstehende Versteigerung informiert wurde. Das Mindestgebot überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Bezirkes. Er fragte bei der Heimatkundlichen Vereinigung nach, ob diese nicht in der Lage wäre, das Schriftstück zu erwerben, schließlich geht es um ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Spandaus.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)
Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)

Karl-Heinz Bannasch, der Vorsitzende der Heimatkundler, ließ sich für diese Idee begeistern, deren Umsetzung aber wenig wahrscheinlich erschien, da allein die bloße Unterschrift Napoleons betuchte Sammler interessieren könnte. Für ein historisches Dokument dürften die Gebote schnell Preisregionen erreichen, die jenseits der Möglichkeiten der Heimatkundlichen Vereinigung liegen. Einen Versuch war es in jedem Fall wert. Das Glück war Spandau hold. Der Zuschlag erfolgte für das Mindestgebot.

Eine öffentliche Präsentation ist noch ungewiss

Nun stellte sich natürlich schnell die Frage ob und wann das Dokument der Spandauer Öffentlichkeit präsentiert werden solle. Auf diese Frage der anwesenden Journalisten gab es erst einmal keine Antwort. Bannasch betonte, das Dokument befinde sich nun im Besitz der Heimatkundlichen Vereinigung. Anders, als vergleichbare Vereine, müssten die Heimatkundler in Spandauer Geld für ihre Leistungen an den Bezirk bezahlen, so der 1. Vorsitzende…

1806 befahl Napoleon die Zerstörung der Festung Spandau

Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)
Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)

Die verlorene Doppelschlacht der Preußen gegen Frankreich bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 führte zur endgültigen Niederlage Preußens. König Friedrich Wilhelm III. forderte er von allen Festungskommandanten, dass sie ihre Stellungen aufs Äußerste zu verteidigen hätten. Er selbst entzog sich der Niederlage durch eine Flucht nach Ostpreußen.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Rückseite (Foto: Ralf Salecker)
Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Rückseite (Foto: Ralf Salecker)

Berlin wurde am 14. Oktober durch französische Truppen besetzt. Der an General Henri-Gatien Bertrand gerichtete Befehl Napoleons ließ keinen Zweifel. Dieser sollte kurz vor Tagesanbruch am 25. Oktober die Stadt Spandau besetzen und sichern. Das tat er dann auch. Mit 100 Reitern stürmten die Franzosen durch das Potsdamer Tor bis zum Marktplatz. Bertrand wurde befohlen, die Einwohner der Stadt darüber zu befragen, was in den letzten 3-4 Tagen im Bereich der Festung geschehen sei. Napoleon wollte über jedes Detail informiert werden. Alle drei Stunden erwartete er den Bericht Bertrands. Dem General wurde ferner aufgetragen, die Geschütze auf die Zitadelle auszurichten und diese zu beschießen. Mit einem weiteren Teil der Truppen sollte der Weg nach Hennigsdorf ausgekundschaftet werden. Dort würde sich der General der Brigade Muhann am Morgen mit seiner Kavallerie versammeln. Dazu kamen noch weitere Truppen, die insgesamt eine vielfache Übermacht darstellten. Spandau wurde vollständig von feindlichen Truppen eingeschlossen.

Spandau ist eine Kloake

"Vue de Spandau" - Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)
„Vue de Spandau“ – Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)

Auf der Zitadelle befand sich eine bunt gemischte Besatzung von gerade einmal 900 Mann. 500 davon waren Invalide. Dem standen etwa 20.000 kampferprobte französische Soldaten gegenüber. Über den Ausgang eines Kampfes konnte folglich kein Zweifel bestehen. Erst nach der dritten Aufforderung entschloss sich der Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, zur Kapitulation.

Die Festung erschien ihm wegen ihres schlechten Bauzustandes nicht verteidigungsfähig. Zu dieser Zeit galt die Zitadelle eher als Staatsgefängnis. Die drohenden Geschütze an den Freiheitswiesen (also dort, wo heute Ikea steht) sowie am Oranienburger Tor ließen ihm keine Wahl.

Eine Weigerung hätte unweigerlich die Zerstörung der Zitadelle bedeutet. Kaiser Napoleon I. ritt am 26.10.1806 in Begleitung des Prinzen Murat und seiner Garde durch das Potsdamer Tor in die Stadt, die er angewidert als Kloake bezeichnete, und besichtigte anschließend die Zitadelle. Erstaunt über ihren desolaten Zustand ordnete er umgehend ihre Instandsetzung an. Benneckendorff hatte mit seiner Einschätzung also Recht. Noch am selben Tag reiste Napoleon weiter nach Berlin, wo er am 27. Oktober ankam. Dort wurde ihm zeremoniell der Stadtschlüssel von Berlin überreicht.

Besatzerlasten für die Spandauer Bevölkerung

Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)
Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)

Für die Spandauer Bevölkerung war das Leid mit der Niederlage nicht vorbei. In jede Wohnung wurden französische Soldaten einquartiert, die von den Bewohnern versorgt werden mussten. Oft nahmen sich die Besatzer von Händlern und Bewohnern was sie wollten – ohne zu bezahlen.

Bis 1808 musste Spandau die Besatzung erdulden. Am 27. November verlassen die letzten Franzosen gemäß den Vereinbarungen von Tilsit (7. Juli 1807) die Stadt, wenn auch mit einem Jahr Verspätung. Im Dezember zogen wieder preußische Truppen nach Spandau ein. Gouverneur von Spandau wurde Oberst von Thümen.

Der ehemalige Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, wurde 1808 von einem preußischen Gericht wegen seiner angeblichen „Feigheit“ zum Tode verurteilt. Seine Strafe wird auf Königliche Gnade in Festungshaft auf der Zitadelle umgewandelt. Damit erging es ihm besser als den Kommandanten zweier anderer Festungen. Diese wurden hingerichtet. 11 Jahre später wird Benneckendorff wieder freigelassen.

Wieder Franzosen in Spandau

Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)
Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)

Im März 1812 erfolgten entsprechend den Verträgen zwischen Preußen und Frankreich erneute Einquartierungen von Franzosen in Spandau. Nach der Niederlage Napoleons in Russland erreichten Reste der „Großen Armee“ die Stadt. Russische Truppen rücken nach. In der Folge verhängen am 20. Februar 1813 die Franzosen den Belagerungszustand über der Stadt, mit dramatischen Auswirkungen für die Bevölkerung.

Einen Tag haben die Bewohner der Vorstädte nun Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Verzweifelt senden sie eine Abordnung nach Berlin, um das Niederbrennen der Häuser zu verhindern. Nach Hause gehen sie mit einer wenig beruhigenden Antwort: Nur im äußersten Notfall sollen die Häuser abgebrannt werden. Dieser tritt aus Sicht der Franzosen kurz darauf ein, als Preußen und Russland sich am 28. Februar gegen Frankreich verbünden.

Vereint bewegen sich die Truppen Anfang März auf Spandau zu. Vor dem Potsdamer und Oranienburger Tor, sowie auf dem Stresow brennen die Häuser. Ende März erging es den Häusern auf dem Kiez und am Burgwall ähnlich. Am 23.3.1813 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Im März 1813 belagern russische und preußische Truppen unter Leitung von Generalmajor August von Thümen, vormals Gouverneur von Spandau, die Zitadelle. Anders, als beim Angriff der Franzosen auf die nur schlecht besetzte Zitadelle, sieht es diesmal etwas anders aus. 3000 Soldaten sitzen diesmal innerhalb der Mauern, ausgerüstet mit rund 110 Geschützen. Noch einmal soll zur Sicherheit der Zitadelle etwas in Spandau brennen. Den Franzosen ist der Turm der Nikolai-Kirche ein Dorn im Auge. Sie wollen ihn gerne niederbrennen, lassen sich dann aber davon überzeugen, dass es genügt, die Holztreppen herauszuschlagen.

Spandau und Zitadelle unter Beschuss

Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)
Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)

Preußischen Truppen beschießen am 17. und 18.4.1813 Spandau und die Zitadelle, auf der Feuer ausbricht. Der Treffer durch eine Kanonenkugel bringt gegen 11 Uhr das Pulvermagazin der Bastion Königin zur Explosion. Die Zitadelle wird schwer beschädigt.

Das »alte Zeughaus« vor der Südkurtine, der Juliusturm, das Laboratorium im Palas, sowie Teile des Torhauses brennen aus. Die Verteidigungsfähigkeit der Festung wird stark eingeschränkt. Etwa 30 bis 40 Prozent der Spandauer Altstadt werden durch die Kanonade zerstört und 25 Prozent der Zitadelle.

Erstaunlicherweise kamen nur zwei Spandauer bei dem Angriff ums Leben. Noch verweigern sie die Kapitulation. Erst, als die Belagerer beginnen, auch die Altstadt zu beschießen, geben die Franzosen auf, nachdem ihnen freier Abzug gewährt wurde. Am 23.April 1813 kapitulierten die Franzosen und übergaben am 26. April 1813 die Zitadelle an die Preußen unter General v. Thümen. Eine Gedenktafel am Toreingang zur Zitadelle erinnert daran.

Einen Tag später zogen die französischen Truppen aus Spandau ab. Schon damals gab es Schaulustige, die sich gerne zerstörte Orte anschauen wollten. Gegen Zahlung einiger Silbergroschen darf sich die Bevölkerung Berlins die beschädigte Festung anschauen. Die eingenommenen Gelder sollen der Spandauer Bevölkerung zum Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser zugute kommen. Das Schinkeldenkmal auf dem Reformationsplatz in der Spandauer Altstadt erinnert an die Befreiungskriege.

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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