Werftchef Hanne Twelkmeyer (mit Mütze) mit Mitarbeitern

Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Jörg Sonnabend hat sich freundlicherweise die Mühe gemacht, ein Spandau zu beschreiben, wie es sich heute kaum noch jemand vorstellen kann. Wir alle können froh sein, dass wir in solch friedlichen Zeiten leben, in denen Krieg ein abstrakter Gedanke zu sein scheint. Jörg Sonnabend beschreibt das kriegszerstörte Spandau mit den Augen des Kindes, welches er damals war – auch wenn dieser Blick im Alter schon deutlich reflektierter ist. Auferstanden aus Ruinen, begann einmal eine andere deutsche Hymne. Auch Spandau hatte unter den Bombardierungen des Krieges zu leiden. Vom alltäglichen stinknormalen Leben in dieser Zeit ist nur wenig bekannt. Darum freut es mich ganz besonders, dass Herr Sonnabend sich die Mühe gemacht hat, einmal ganz anders „Unterwegs in Spandau“ zu sein. Wir können so Orte in Spandau entdecken, die schon weit in der Vergangenheit liegen. Es wäre schade, wenn diese Erinnerungen in Vergessenheit gerieten. Darum ist es wichtig, diese aufzuzeichen. Jede Facette, jeder Baustein, lässt auch diese Vergangenheit wieder lebendig werden. Da der Text recht lang geworden ist, gibt es ihn in Fortsetzungen über die nächsten Tage. Anschließend werden diese Erinnerungen mit „Die Geheimnisse des Teufelsbergs (1946)“ und  “ Ein Berliner Junge erlebt die schweren Luftangriffe auf Berlin „1942-1945“ fortgeführt werden. Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Menschen finden würden, die „Spandauer Geschichten“ zu erzählen haben. Niemand muss ein begabter Autor sein. Ein kleines Diktiergerät tut es auch. Viel wichtiger ist es, gerade die scheinbar kleinen Dinge in Erinnerung zu behalten.

Ralf Salecker

Teil 1

Nachkriegstage und russische Soldaten in Spandau

Werftchef Hanne Twelkmeyer (mit Mütze) mit Mitarbeitern
Werftchef Hanne Twelkmeyer (mit Mütze) mit Mitarbeitern

Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen. Es bewahrheitete sich der Spruch, der zu Kriegszeiten noch die Runde machte: Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich! Das einzig Positive, dass die Bevölkerung empfand, war, dass man einigermaßen durchschlafen konnte und nicht mehr nachts den Luftschutzbunker aufsuchen musste. Da saßen wir nun auf den Trümmern, die der Krieg uns hinterlassen hatte.

Wenn auch Politiker später das große Wort „Befreiung“ im Munde führten, in meiner näheren Umgebung und in unserem Bekanntenkreis hat das keiner so empfunden. Im Gegenteil, man machte Witze: Wir sind von allem befreit worden, von unseren Uhren, von unserem Schmuck und von unseren Fahrrädern. Wir Jungs, ich war zu dieser Zeit 11 Jahre alt, betrachteten die Hinterlassenschaften des Krieges so etwa wie einen Abenteuerspielplatz. Der „Mongolensturm“ mit allen seinen Schrecklichkeiten der letzten Kriegstage hatte sich beruhigt. Es zogen zwar manchmal noch Russen durch die Gegend, die auch noch einiges „mitgehen ließen“, aber man konnte sich jetzt schon dagegen wehren. Ausschlaggebend dafür war der sog. „Befehl Nr.1“ des russischen Stadtkommandanten Generaloberst Bersarin, vom April 45. Übergriffe und Plünderungen waren den sowjetischen Soldaten damit verboten und unter Strafe gestellt. Wir selbst, d. h. Meine Mutter und ich, konnten uns von der Ernsthaftigkeit dieses Befehls überzeugen.

Rotarmisten hatten uns aus unserer Wohnung geschmissen, um sie als Liebesnest mit russischen Frauen zu nutzen. Diese Frauen waren russische Zwangsarbeiterinnen, die aus irgendwelchen Gründen nicht gleich nach Russland zurückgekehrt sind.

Ergänzend muss ich sagen, dass sich dies und die folgenden Ereignisse auf der Lanke-Werft in Berlin-Spandau abgespielt haben, meine Mutter arbeitete dort und wir bewohnten dort eine Werkwohnung. Man gab uns den Rat: wendet euch an den Russischen Kommandanten. Wir, d. h. meine Mutter und ich gingen also zur Russischen Kommandantur. Diese befand sich in der Wilhelmstraße, ungefähr dort wo sich später das Kriegsverbrecher-Gefängnis befand. Wir wurden auch zum Kommandanten vorgelassen und konnten unser Anliegen vorbringen. Hört sich jetzt so einfach an, aber uns war nicht ganz wohl dabei. Es war Anfang Mai, der Krieg war offiziell noch nicht beendet, überall standen noch Panzer herum. Erdstellungen waren noch besetzt und sowjetische Soldaten waren in Gruppen unterwegs. Es war also ein gefährlicher Slalom den wir laufen mussten, ehe wir zum Kommandanten gelangten.

Der Russische Offizier, der übrigens überraschenderweise deutsch sprach, hörte uns an. Dann sagte er, er würde zwei Militärpolizisten dorthin beordern, die würden die Sache bereinigen. Wir marschierten also mit den Soldaten los, Richtung Lanke-Werft.

Ein Weg von ca. einer halben Stunde. Also meine Mutter und ich vorne weg und die 2 russischen Soldaten hinter uns. Leute die wir unterwegs begegneten sahen uns mitleidig hinterher, jeder dachte wir werden abgeführt. Zu Haus angekommen, zeigten wir auf unsere Wohnung, die beiden Soldaten gingen rein und kamen mit 2 Frauen und einem Russen wieder raus. Die Gruppe setzte sich in Bewegung und sie marschierten wieder zurück. Das spielte sich alles wortlos ab, sie sprachen offenbar kein deutsch.

Wir hatten unsere Wohnung wieder. Die Wohnung war zwar furchtbar verdreckt, aber auf den ersten Blick war alles noch vorhanden.

 

Verrücktes Spielzeug für Kinder

Für uns Jungs war natürlich viel interessanter was draußen passierte. Die Russen hatten mit ihrem Tross das Werftgelände wieder verlassen und so allerlei hinterlassen. Da waren z. B. erbeutete deutsche Offiziersdegen, die hat man einfach in den Sand gesteckt und dort vergessen. Mit diesen Degen hatte es eine Bewandtnis. Die Leute hatten vielfach Schmuck und andere Wertgegenstände, um sie vor Plünderungen zu bewahren, einfach in Kisten verpackt und im Garten vergraben. Die Russen hatten das sehr schnell mitbekommen, sie stachen mit Degen, Säbel oder anderen spitzen Gegenständen, an Stellen die ihnen verdächtig vorkamen, einfach in den Sand. Manchmal fanden sie auch etwas und fingen an zu buddeln, manchmal waren es aber auch nur Steine. Andere Hinterlassenschaften waren Mengen von Gewehrpatronen die überall herumlagen und sogar russische Eierhandgranaten. Da uns damals noch nicht klar war, wie gefährlich diese Sachen waren betrachteten wir sie als willkommenes Spielzeug.

Wenn ich hier immer von „wir“ spreche, so meine ich unsere sog, Clique, die immer so aus 4 bis 6 Jungs bestand, im Alter von 11 bis 14 Jahre. Wir kamen auf die abenteuerlichsten Gedanken und waren zu jedem Blödsinn bereit. Man kann von Glück sagen, dass nichts ernstliches passiert ist. Zurück zu unserem „Spielzeug“. Wir hatten beobachtet wie die Russen mit Handgranaten in der Havel Fische fingen. Es war klar, dass wir mit den zurückgebliebenen Handgranaten das Gleiche vorhatten. Eine einfache Sache, man schraubte den Verschluss ab, dann fiel ein blauer Blechknopf heraus.

Dieser Knopf, der an einer Strippe hing, war der Zünder. Daran musste man ziehen und die Handgranate ins Wasser werfen. Durch die Detonation, die unter Wasser nicht zu hören war, sprudelte das Wasser auf und die betäubten Fische trieben nach oben.

Heute würde man sagen, nicht sehr umweltfreundlich, aber daran hat damals noch Niemand gedacht. Mit den zurückgelassenen Degen konnte man herrliche Fechtkämpfe veranstalten. Besonderes Interesse fanden bei uns die überall herumliegenden Gewehrpatronen, mit denen konnte man ein herrliches Feuerwerk veranstalten. Dazu brauchte man nur mit Hilfe zweier Zangen das Geschoss aus der Hülse herausziehen und das Schießpulver raus schütten. Das Pulver streuten wir dann schlangenförmig aus und steckten es an einem Ende an, das Ergebnis war eine herrlich zischende Feuerschlange.

Oben auf der Weinmeisterhöhe, auf der Haveldüne befanden die Reste einer Scheinwerferstellung. Die Spiegel in den beiden Flakscheinwerfern waren zwar zerstört, aber die Scheinwerfer drehten sich noch auf ihren Gestellen, damit konnte man prima Karussell fahren.

Eine weitere traurige Hinterlassenschaft des Krieges waren die vielen Soldatengräber. Im Wald oder auf der Haveldüne, überall hatte man die Gefallenen der letzten, eigentlich sinnlosen Kämpfe, begraben. Egal ob Russen oder Deutsche. Ein großes Massengrab befand sich am Berghang des Keltererwegs, hier hatte man die Toten des letzten Gefechtes vom Weinmeisterhornweg notdürftig eingebuddelt. Wissen muss man, dass wir 1945 einen heißen Sommer hatten und die Seuchengefahr sehr groß war. Im Laufe des Junis wurden die Toten wieder ausgegraben und zum Friedhof gefahren. Die Gräber kann man heute noch auf den Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ besuchen. Was hier so mit einfachen Worten beschrieben wird war eine grausige Angelegenheit. Die Toten wurden in Papiertüten gesteckt und zum Transport auf einem Pferdewagen „gestapelt“. Ich kann mich heute noch an den ekligen Leichengeruch erinnern, der überall in der Luft lag. Eine Genugtuung für die Anwohner war es, dass für diese nicht erfreuliche Arbeit ortsbekannte Nazigrößen herangezogen wurden.

 

Fleisch für Unterhosen

Eine wenig bekannte Tatsache ist, dass von Mai bis Ende Juni 45 in dem der Lanke-Werft benachbarten Segelclub Segelvereinigung Unterhavel (S.V.U.H.) eine kleine russische Marineeinheit stationiert war. Alles junge Soldaten, um die 20 Jahre. Meine Großeltern hatten zu dieser Zeit eine Notwohnung auf dem Gelände des Segelclubs. Vor dem Kriege hatte dort der Clubwart seine Unterkunft.

Bemerken möchte ich dazu, dass meine Großeltern im Februar 45 in Berlin-Kreuzberg ihre Wohnung durch Bomben verloren hatten. Da wir sie in unserer kleinen Wohnung nicht aufnehmen konnten hat sich meine Mutter dafür eingesetzt, dass sie diese Notwohnung bekamen.

Meine Großmutter war Schneiderin, keine gelernte aber perfekt im nähen von Kleidung. Ihre Nähmaschine hatte sie zwar durch die Ausbombung verloren aber durch Tauschgeschäfte u. ä. hatte sie schon wieder eine Neue. Die russischen Marineangehörigen hatten die Tatsache, dass meine Oma nähen konnte sehr schnell mitbekommen.

Eines Tages schleppten sie einen Ballen weißen Leinenstoff zu meiner Oma, dazu eine lange weiße Leinenunterhose als Muster. Nach diesem Muster sollte sie aus dem Leinen Unterhosen nähen. Die Form dieser Unterhosen werde ich nie vergessen, sie waren keilförmig und hatten unten zwei Bänder zum zubinden. Scherzhafter weise sagten wir dazu: „Flohsäcke“. Die Russen schleppten als Gegenleistung dafür jede Menge Verpflegung an, hauptsächlich Fleisch. Jeder Tross oder Kompanie der Russen hatte nämlich immer einige Rinder dabei, praktisch als Frischfleisch Reserve. Diese Rinder wurden bei Bedarf einfach erschossen und zerteilt.

Also brachten sie meiner Oma eimerweise Fleisch an, manchmal fertig gekocht manchmal auch roh. Das kurioseste Erlebnis war, dass eines Tages zwei Russen mit einem Rinderkopf zu uns kamen. Das Bild ist mir noch heute gegenwärtig: ein Russe rechts, ein Russe links und in der Mitte der „Kuhkopf“, Die Hörner dienten als Griffe zum Tragen. Mit den Worten: „Oma, du Kuhkopf“, stellten sie uns das Gebilde vor die Tür. Mein Großvater der auf dem Lande groß geworden war stellte gleich fest, dass das Beste fehlte, nämlich die Zunge. Was weiter mit dem Kopf geschah weiß ich nicht mehr, aber an diese kuriose Geschichte kann ich mich noch gut erinnern. Da die Produktion der Unterhosen noch anhielt, hatten wir weiter ein gutes Verhältnis zu den Russen, die erst Ende Juni 45 abzogen um den Engländern Platz zu machen.

 

Jörg Sonnanbend

Ende Teil 1

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

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