Erinnerungen an Gatow

Jugenderlebnisse eines Spandauers

Die Ankündigung, das Gatow den 750. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung feiert, löste bei mir eine Vielzahl von Erinnerungen an meine Kindheit aus. Wir wohnten damals zwar nicht direkt in Gatow, sondern ca. 2 km nördlich, an der Havel, kurz vor der Biberburg. Ich spreche hier von den Jahren 1945 bis ca. 1949. Also von meinem 11. bis zum 15. Lebensjahr. Wir, d. h. unsere Jungenclique von Weinmeisterhorn und der Weinmeisterhöhe, hielten uns oft in Gatow auf. Der Weg dorthin war zu Fuß oder mit dem Fahrrad, nicht weit. Da ein Privatwald dazwischen war (den Uferweg bis zur Villa Lemm gab es damals noch nicht) mussten wir den Weg über die Gatower Str. oder durch den „Rieselwald“ nehmen. Der Rieselwald, das war das Waldstück das die Gatower Str. von den Rieselfeldern trennte. Das erste Haus im Ort und damit der Ortseingang, war die Bäckerei.

So hieß auch die Autobushaltestelle. Uns zog der Weg aber weiter bis zur kleinen Badewiese, an der damaligen S-Kurve. Durch die spätere Begradigung der S-Kurve wurde dem Dorf schon etwas von seiner Ursprünglichkeit genommen. Die kleine Badewiese war damals ein beliebter Treffpunkt von Jugendlichen. Hier wurden die ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht und die ersten Kofferradios präsentiert. Gebadet wurde natürlich auch und während der Blockadezeit konnten wir hier gut die auf dem Wasser landenden britischen Sunderland-Flugboote beobachten. Die andere Attraktion die Gatow uns bieten konnte, war das Film-Theater-Gatow. Untergebracht im Tanzsaal des Wirtshaus-Gatow. Man saß auf Gartenstühlen die mit Draht zu Stuhlreihen zusammengebunden waren. Ob Nachmittagsvorstellungen mit Charly Chaplin oder abends die ersten Wild-West-Filme, für 80 Pfennige. oder eine Mark war es billiges Vergnügen. Das Wirtshaus-Gatow hatte nach dem Krieg noch eine andere Bedeutung.

Da es aus verständlichen Gründen noch kein Busverkehr nach Gatow/Kladow gab, richtete die BVG (?) eine Schiffsverbindung von der Stößensee-Brücke 1 nach Kladow ein. Haltestellen waren, das Wirtshaus-Gatow und die „Große-Badewiese“. Hier fuhren aber noch keine modernen Motorschiffe sondern noch richtige „Dampfer“. Sportlich betätigten wir uns auch in Gatow. Mit mehreren Freunden spielte ich Fußball im SC. Gatow. Damals eine abenteuerliche Angelegenheit, denn den heutigen Sportplatz gab es noch nicht. Gespielt wurde hinter dem Dorf, auf einem abgesteckten Acker auf losem märkischen Sand. dementsprechend dreckig sahen wir nach dem Spiel aus. Abgesehen von den materiellen Mängeln nach dem Krieg verlebten wir eine unbeschwerte Jugend zwischen Wasser und Wald. Heute als Rentner genieße ich oft den Uferspazierweg zwischen Lanke-Werft und Villa Lemm und denke an vergangene Zeiten.

 

Jörg Sonnabend

1) Anmerkung der Redaktion von Unterwegs in Spandau:

Ehemalige BVG-Fährverbindung zwischen Stößensee-Brücke und Kladow:

Die BVG eröffnete am 26. Juni 1944 Personen-Fährverbindung (Linie 2) zwischen der Stößensee-Brücke und Kladow um den kriegsbedingten Ausfall der Busline 34 von Pichelsberg nach Kladow zu kompensieren. In 65 Minuten wurde die 9,1 Kilometer lange Strecke zurückgelegt. Zu Hochzeiten verkehrten 16 Schiffe, die bei unterschiedlichen Reedereien gemietet wurden, auf der dann zusammengelegten Strecke zwischen Stößensee-Brücke und Wannsee.

Am 3.Oktober 1949 wurde der Streckenabschnitt zwischen Stößensee-Brücke und Kladow von der BVG aufgegeben.

ehemalige BVG-Fährverbindung Potsdam nach Wannsee:

Die 1944 von der BVG begründete Linie 1 wird seit Mai 1956 von der Stern- und Kreisschifffahrt betrieben und trägt heute die Bezeichnung F1. Gefahren wird zum BVG-Tarif vom S-Bf. Wannsee nach Alt-Kladow.

Ausführliche Informationen über die alte Personen-Fährverbindungen finden sie hier.


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