Jüdisches Mahnmal in der Grünanlage am Lindenufer (Foto: Ralf Salecker)

Erweiterung des jüdischen Mahnmals am Lindenufer wird eingeweiht

9. November 2012
10:00

Eine Mauer mit den Namen der bekannten Opfer

Jüdisches Mahnmal (ohne Erweiterung) in der Grünanlage am Lindenufer (Foto: Ralf Salecker)
Jüdisches Mahnmal (ohne Erweiterung) in der Grünanlage am Lindenufer (Foto: Ralf Salecker)
Gedenktafel für die ehemalige Synagoge in der Kammerstraße (Foto: Ralf Salecker)
Gedenktafel für die ehemalige Synagoge in der Kammerstraße (Foto: Ralf Salecker)

Eine Gedenktafel an der Hauswand in der Kammerstraße und ein Denkmal in der optischen Verlängerung der Kammerstraße erinnern an die Zerstörung der Spandauer Vereinssynagoge. Schöpfer des Mahnmals sind Ruth Golan und Kay Zareh. Am 9. November um 10 Uhr wird die Erweiterung des Mahnmals eingeweiht. In einem sanft ansteigenden Bogen erhebt sich nun eine Ziegelsteinmauer mit den Namen aller 115 bisher bekannten Opfer.

Den ermordeten Spandauer Mitbürgern einen Namen geben

Entstanden ist die Idee dazu im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Novemberpogrome. Mehr als 100 handbeschriebene Feldsteine wurden damals am Mahnmal niedergelegt. Auf diesem Weg sollen die Opfer ihrer Anonymität entrissen werden.

Spandauer Vereinssynagoge um 1900 (Quelle: Wikipedia)
Spandauer Vereinssynagoge um 1900 (Quelle: Wikipedia)

Es ist schon recht lange her, da gab es noch ein blühendes jüdisches Leben in Spandau. Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts lebten etwa 700 jüdische Bürger in Spandau. Die jüdische Gemeinde groß und selbstbewusst genug, sich eine eigene Synagoge zu errichten. Am Lindenufer 12/Ecke Kammerstraße entstand in den Jahren 1894 bis 95 ein bemerkenswertes Gebäude. Fast 300 Menschen konnten sich in dessen Räumen versammeln. Spandaus damaliger Oberbürgermeister Friedrich Koeltze weihte am 15. September 1895 die Synagoge ein. Ein aufgesetzter kleiner Turm war Blickfang für alle Spaziergänger am Lindenufer.

In der Pogromnacht, am 9. November wurde die Vereinssynagoge geschändet und angezündet. Die Feuerwehr wollte/sollte nicht löschen, sondern verhinderte nur ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbargrundstücke. Überall in Deutschland brannten damals jüdische Gotteshäuser und Geschäfte.

Vor Übergriffen sind Menschen auch heute nicht gefeit …

Heute erscheint uns solch ein Geschehen unfassbar. Andererseits muss man nicht weit in Vergangenheit gehen, um zu sehen, wie dünn die Tünche aus Vergessen und Kultur manchmal ist. Im August 1992 brannte in Rostock-Lichtenhagen zwar kein Gotteshaus, aber ein Mob meinte seinen Frust an einem Wohnheim von Asylbewerbern mit Molotowcocktails ausleben zu wollen. Ein Jahr zuvor gab es massive gewalttätige Übergriffe in Hoyerswerda. Brandanschläge in andere Städten folgten …

Die aktuelle Diskussion und der Streik am Brandenburger Tor zeigt: Asylbewerber haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Wir sollten nicht vergessen, wie wohlbehütet wir leben. Krieg, Hunger und Not kennen wir selbst nur aus dem Fernsehen.

Konrad Birkholz, Spandaus ehemaliger Bürgermeister brachte es bei einer älteren Veranstaltung auf den Punkt:

„Die Zeichen der Ausgrenzung und Missachtung von Menschen in unserer Gesellschaft sind fast täglich sichtbar, die Ausübung körperlicher und psychischer Gewalt gehört schon fast zum Alltagsleben. Ich sehe es als unser aller – völlig egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – Verpflichtung an, dieser bedauerlichen Entwicklung in friedlicher Form entgegenzuwirken.“

Helmut Kleebank, als neuer Spandauer Bezirksbürgermeister wies im letzten Jahr darauf hin, wie wichtig es ist, auch heute gegen Ausländerhass und Intoleranz einzustehen.

Den Weg dazu beschrieb Lala Süsskind, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin:

„Je besser Menschen sich gegenseitig kennenlernen, ums so geringer ist die Gefahr, einander mit Vorbehalten zu begegnen, die schnell in Schlimmeres umschlagen können. Die interessierte Teilhabe am Leben der Anderen und ein steter offener Austausch, lassen erst keinen Nährboden entstehen, auf dem Gewalt keimen könnte.“

 

Ralf Salecker

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.