Rentier (Quelle: U.S. Fish and Wildlife Service, Fotograf: Jon Nickles)

Karriere eines „Lappen“

Ein oller Vierbeiner macht Karriere

Rentier (Quelle: U.S. Fish and Wildlife Service, Fotograf: Jon Nickles)
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Rentier (Quelle: U.S. Fish and Wildlife Service, Fotograf: Jon Nickles)

Wie sich doch die Moden ändern. Vor mehr als 50 Jahren noch kam 24, eine weißbär­tige, vermummte und brummige Gestalt mit Reisigrute und Jutesack, alleine oder als Beglei­ter des Nikolaus auf einem Schlitten sitzend, ab dem 6. Dezember in unsere Städte und Dör­fer. Beide Symbolgestalten entstammen, wenn auch aus verschiedenem, in Europa verwur­zeltem Volks­brauch­tum. Als Kind wartete man zwar mit Vorfreude, aber auch mit gewis­sem Respekt, ja teilweise sogar Angst, auf diese Herren, denn wenn man das Jahr über nicht immer artig gewesen war, brachte Knecht Ruprecht auch schon mal seine Rute zum Einsatz.

Mit seinem sonorig-brummigen Bass rief er einen gleich bei Namen, sobald er in die Wohn­stube gestapft war. Und er wusste auch immer bestens über sämtliche Verfehlungen, die man sich im vergangenen Jahr geleistet hatte, Bescheid. Gnadenlos wurden einem die Missetaten aufgezählt und dabei jedes Mal bedrohlich mit der Rute gewedelt. Das kleine Geschenk aus dem Jutesack gab es auch nicht umsonst: Zuerst musste man Besserung, weiterhin gutes Betragen versprechen und auch, dass man seinen Eltern immer zur Hand gehen würde. Dann musste man noch ein Gedicht oder ein Lied vortragen. Sobald man dann aber das Geschenk überreicht bekam und er sich verabschiedete, war alles gut – und man konnte sich endlich entspannt und glücklich auf  Weihnachten freuen.

Heutzutage beginnt die Vorweihnachtszeit bereits im An­schluss an die Sommerferien

Die Kaufhäuser geben im September das erste Signal und rüsten spätestens ab Oktober ihre Re­gale und Auslagen auf Weihnachtsartikel um. In keiner Dekoration fehlt mehr das Ren­tiergespann oder einzelne Rentiere. Wer aber macht sich überhaupt noch Gedanken über den Hintergrund solcher Symbolträger?

Rentiere sind ursprünglich in den nördlichen, klimatisch kühleren Breiten, besonders in den Tundren und Nadelwäldern, beheimatete Wildtiere. Lediglich über das Volk der Lappländer ist seit dem 9. Jahrhundert überliefert, dass sie sich Rentiere als Haustiere hielten und sogar züchteten, unter anderem zum Ziehen von Schlitten, die ihnen als Trans­portfahrzeuge dienten. Rentiere sind somit also auch „old Eu­rope“.

Im Amerika von 1822 schließlich veröffentlichte ein Schriftsteller namens Clemens Clarke Moore eine Weihnachtsgeschichte, in der acht Rentiere im Gespann den voll beladenen Schlitten des „San­ta Claus“ ziehen.

Diese Geschichte wurde unter den amerikanischen Kin­dern immer bekannter, so dass eine Kaufhauskette 1939 auf die Idee kam, den acht Rentieren aus der Weih­nachtserzählung ein weiteres,  rotnasiges, namens Rudolph, hinzuzugesellen: Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolf. Durch Marktforschung hatte man herausgefunden, dass Kinder Außenseiter lieben. Man er­fand die passende Geschichte dazu, dass nämlich Rudolph aufgrund seiner feuerrot leuchten­den Nase von den acht anderen Rentieren verspottet, gehänselt und gemieden wurde, und erst volle Anerkennung erlangte, als „Santa Claus“ sich seiner Vorzüge, dem Wege-Ausleuchten-Können bediente und Rudolph als Leittier dem Gespann voranstellte. Dieses rotnasige Rentier sollte nun in seiner Außenseiterolle die Herzen der Kinder gewinnen – und damit den Weihnachts­ge­schenkeverkauf ankurbeln. Dieses gelang bestens und wurde von der amerikanischen Marketingin­dus­trie immer noch weiter präzisiert. Ein 1949 passend komponiertes Weihnachtslied und schließlich ein 1964 gedrehter Zeichen­trickfilm machten „Rudolph“ zum weihnachtlichen Shooting-Star, auch über Amerikas Gren­zen hinaus.

Inzwischen ist auch bei uns vom ermahnenden, Furcht oder mindestens Respekt einflößenden Knecht Ruprecht kaum noch etwas zu hören. Auch ein Zeichen des Wertewandels. Natürlich ist die Geschichte vom „rednosed-reindeer“ weitaus kinderfreundlicher. Aber wenn diese „gewollte“  Kinderfreundlichkeit einzig und allein dem Zweck der Konsumsteigerung dient und damit gleichzeitig überlieferte Symbolfiguren völlig in den Hintergrund gedrängt werden, sollte es erlaubt sein, sich auch einmal über Sinn und Werte von Advents- und Weihnachtsfei­erlichkeiten Gedanken zu machen. Natürlich ist es für unsere Wirtschaft von Vorteil, wenn mehr konsumiert wird.

Der Brauch des weihnachtlichen Schen­kens verkommt immer mehr zur Ersatzbefriedigung

Doch zu welchem Preis? Der Brauch des weihnachtlichen Schen­kens verkommt immer mehr zur Ersatzbefriedigung für mangelnde Zeit, Werte- und Sinnmangel und Mangel an Zuwen­dung. Deshalb: Vorsicht vor solchen Trends! Die Geschichte lässt sich schließlich immer noch weiter steigern: Man schafft sämtliche Ladenschlusszeiten und sämtliche Feiertage, natürlich ohne Lohnausgleich, ab. Somit hätten erstens, die Unternehmen weniger unproduktive Lohnkosten und zweitens, jedermann könnte jährlich Tag und Nacht durchgehend vom 1. Oktober bis zum 26. Dezem­ber, Weihnachtsgeschenke für seine zuhause vor dem Fernseher sitzenden, wurzellos und sinnent­leert jeden Konsumtrend aufsaugenden Kinder kaufen.

Natürlich ist es lustig und herzerwärmend, wenn Kinder die Geschichte von Rudolph mögen und mittlerweile überall auf der Welt den englischen Text: „Ru­dolph, the red-nosed reindeer had a very shiny nose, …“ trällern. Warum aber sollte man Kindern an Nikolaus und Weih­nachten aufgrund dieser Geschichte etwas schenken?

ej

 

 

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