Große Eiswerderbrücke bei Nacht

Luftbrücke - Flugplatz Gatow und die Havel wird zur Landebahn

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 10

Lebensmittelkarte 1945

Lebensmittelkarte 1945

Die Lebensmittel die wir auf Karten bekamen änderten sich gewaltig, es war die „Trockenzeit“ angebrochen, es gab: Trockenmilch, Trockenkartoffeln, Trockengemüse und auch Trockenobst. Um Transportraum in den Flugzeugen zu sparen wurden diese getrockneten Lebensmittel zur Versorgung verwendet. Kartoffeln gab es auch fertig gekocht in Konservenbüchsen, oder in Pulverform, genannt „Pom“, entfernt vergleichbar mit dem heutigen „Pfanni-Produkten“.

Pom mit Wasser angerührt, gab eine graue Masse die sich hervorragend als „Tapetenkleister“ eignete. Die Berliner hatten in Anspielung auf die Russische Besetzung auch gleich wieder eine witzige Bemerkung dazu, die hieß: „Lieber Trockenmilch und Pom, als Uri, Uri und Frau komm“! Die Lebensmittel blieben jedenfalls knapp und rationiert. Wir Jugendlichen (ich war mit der Zeit 14) hatten ein neues Betätigungsfeld, wir fuhren mit dem Fahrrad zu den Landebahnen des Flugplatzes Gatow. Dort landeten die Airlift- Maschinen der britischen „Royal-Airforce“ in Abständen von ca. 3 Min. Die Briten hatten ihre alten Weltkrieg 2-Bomber, vom Typ „Lancaster“, „Halifax“ oder „Blenheim“ als Transportmaschinen Umfunktioniert und setzten sie jetzt zur Versorgung Berlins ein.

Diese Maschinen starten und landen zu sehen löste bei uns ein eigenartiges Gefühl aus, es waren die gleichen Flugzeug die uns vor 3 Jahren noch mit Bomben bepflastert haben. Zur Versorgung mit Kohlen setzten die Briten Flugboote vom Typ „Sunderland“ ein, sie wasserten auf der Havel in Höhe der Großen-Badewiese. In Kladow hatte man extra eine Rampe gebaut um die Maschinen zu entladen.

Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit auf dem Flugplatz-Gatow in der Autowerkstatt. Die vielen LKWs die die eingeflogenen Versorgungsgüter in die Stadt bringen mussten, wollten schließlich gewartet werden. Ein Vorteil hatte diese Arbeitsstelle meines Vaters für uns, wenn mal Konservendosen kaputt gingen oder mal ein Sack mit Mehl oder auch Trockenkartoffeln platzte und diese Sachen noch verwertbar waren, wurden sie an die dort Arbeitenden verteilt. Ich kann mich noch erinnern, dass mein Vater öfter mal einen Beutel mit Mehl mit nach Hause brachte. Da diese Schäden meistens auf den LKWs passierten, war dieses Restmehl auch manchmal mit etwas Sand in Berührung gekommen. Aber da damals alles verwertet wurde gab es dann eben „Knirsch-Suppe“, bei Hunger ist man nicht wählerisch.

Es ist auch ein paar Mal vorgekommen, dass ein Flugzeug schon vor der Landebahn aufsetzte und in der Gatower-Heide zu Bruch ging. Es lag dann die Ladung verstreut im Wald. Die wurde dann bewacht und wieder eingesammelt. Manchmal gelang es uns aber doch, auf Schleichwegen an die herumliegenden Schätze zu kommen. Einmal hatte ein zu Bruch gehendes Flugzeug Rohkaffee geladen und es lagen viele Kaffeebohnen verstreut im Wald. Da uns keiner daran hinderte, fingen wir an zu sammeln und mühselig bekamen wir auch ein oder zwei Hände voll zusammen. Für meinen Vater, der ohne Bohnenkaffee nicht leben konnte war das ein Geschenk des Himmels. Die Bohnen wurden in einem Kaffeesieb über dem Herdfeuer geröstet und es ergab einen trinkbaren Kaffee. Zwar keine Tchibo-Qualität, aber trinkbar.

Jedenfalls brummten die Flugzeuge Tag und Nacht über unseren Köpfen und es war für die Berliner immer beunruhigend wenn die Maschinen mal nicht zu hören waren. Es gab übrigens zu dieser Zeit keine Aktion „Gegen Fluglärm“ oder ähnliche Proteste. Die Schule hatte 1948 ein großes Thema und das hieß: „100 Jahre Revolution von 1848“. Wir Jugendliche waren von Krieg, Bomben und Hunger noch so gezeichnet, dass wir eigentlich gar nicht recht begriffen haben worum es hier eigentlich ging. Unsere Lehrer waren aber pädagogisch so einfühlsam, dass sie uns die Begriffe Revolution, Freiheit und Demokratie verständlich machen konnten.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Gedenken an die Revolution war ein Schulfest, hierzu sollte jede Klasse ein Beitrag leisten. Unser Lehrer hatte sich für unsere Klasse etwas Großes vorgenommen, wir wollten ein Theaterstück aufführen. Ausgewählt hatte er „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann. Obwohl die 5 Akte gekürzt wurden, war es immer noch ein gewaltiges Unternehmen. Für die weiblichen Rollen „borgten“ wir uns einige Mädchen von der gegenüberliegenden Mädchenschule aus. Es gab viel zu lernen aber alle waren bei der Sache und es machte Spaß, zumal die Fächer die bei uns nicht so beliebt waren jetzt in den Hintergrund traten. Aufführungsort sollte unsere Turnhalle werden.

 

Jörg Sonnabend

 

Ende von Teil 10

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

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