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„Mitgliederschwund der Kirchen unaufhaltsam“

Reformbemühungen von Papst und Kirchen wenig wirksam

Prof. Dr. Detlef Pollack (Foto: Exzellenzcluster "Religion und Politik"/ Brigitte Heeke)
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Prof. Dr. Detlef Pollack (Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“/ Brigitte Heeke)

Die christlichen Kirchen in Deutschland müssen selbst bei intensiven Reformbemühungen weiter mit sinkenden Mitgliederzahlen rechnen. Das prognostiziert Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Der Mitgliederschwund ist nahezu unaufhaltsam. Auch Reformsignale von Papst Franziskus und Neuerungen in den evangelischen Landeskirchen halten den Trend nicht auf.“ Schwerer als der Einfluss aller kirchlichen Bemühungen wiege die Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext der Kirchen. „Das Wohlstands- und Bildungsniveau ist so hoch und die soziale Absicherung so gut, dass immer weniger Menschen die seelsorglichen und sozialen Angebote der Kirchen nachfragen.“ Über die Zukunft der Kirchen in Deutschland diskutieren führende Vertreter der Kirchensoziologie in der kommenden Woche, am 8. November, auf einem Symposium in Münster. Anlass ist der 70. Geburtstag des renommierten Sozialethikers Prof. Dr. Karl Gabriel.

Die Zahl der Kirchenmitglieder und Kirchgänger in Deutschland geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück, wie Prof. Pollack erläutert. Während es 1949 in Deutschland Ost und West fast nur Protestanten und Katholiken gab, sind heute etwa je ein Drittel der Bevölkerung Katholiken, Protestanten und Religionslose. Zehn Prozent gehören etwa Islam, Judentum und Orthodoxie an. Seit 1990 treten aus der evangelischen Kirche jährlich etwa 0,7 Prozent der Mitglieder aus, aus der katholischen Kirche im Schnitt 0,5 Prozent. Nur für das Jahr des Missbrauchsskandals 2010 sei ein Ausschlag von 0,73 Prozent festzustellen; andere kirchliche Ereignisse wie der Papstwechsel zeigten kaum Einfluss. „Diese Austrittszahlen summieren sich über die Jahre auf Millionen Menschen.“

„Die Kirchen gehen längst auf die Menschen ein“

Ein entscheidendes Motiv für die Kirchenaustritte sind finanzielle Erwägungen, wie der Forscher sagt. „Man fühlt sich oft seit Jahren nicht mehr eng mit der Kirche verbunden und entscheidet sich dann in einer Situation des finanziellen Engpasses für den Austritt, um die Kirchensteuer einzusparen.“ Außerdem sei es durch die Wiedervereinigung 1990 und durch den hohen Anteil an Konfessionslosen im Osten kein Minderheitenphänomen mehr, keiner Kirche anzugehören. Das habe viele Menschen auch im Westen zum Nachdenken gebracht, wo die Kirchenaustritte seitdem stark anstiegen.

„Solche gesellschaftlichen Prozesse, wie auch der Zuwachs an Wohlstand und individueller Freiheit, wiegen als Gründe für den Mitgliederschwund wesentlich schwerer als alle Versuche der Kirchen, mehr auf die Menschen einzugehen“, unterstreicht Prof. Pollack. „Tatsächlich zeigen sich die Kirchen – von den Gemeinden bis zu den Bischöfen – längst viel offener für die moderne Gesellschaft als früher, sie gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen ein, auf ihr Bestreben nach Autonomie, Transparenz und Mitbestimmung. Der neue Papst vollzieht da etwas nach, was auf Gemeindeebene häufig schon geschieht.“ Engagierte Kirchenmitglieder wird das nach den Worten von Prof. Pollack auch stärker an die Kirchen binden. „Doch zugleich lassen sich weitere Austritte damit nicht verhindern.  Die Kirchen beweisen also großen Realitätssinn, wenn sie für die Zukunft vorsorgen und ihre Gemeinden zusammenlegen, Gebäude aufgeben und Einsparungen vornehmen.“

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