Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Paddelbootsbau im Spandau der Nachkriegszeit – 1953

Erinnerungen von Jörg Sonnabend

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Im September 53 hatte ich meine Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG beendet und arbeitete als Junggeselle im Vorrichtungsbau der AEG-Maschinenfabrik Brunnenstraße.

Gerd Langner, ein ehemaliger Lehrkollege der ebenfalls dort arbeitete, hatte eines Tages eine Idee. Er sagte, du wohnst doch in Spandau am Wasser, auf der Lanke-Werft, meine beiden Freunde und ich wollen uns Paddelboote bauen, wenn du dich daran beteiligst, könnten wir 4 Boote auf Kiel legen.

Ich war begeistert und da wir im Garten genug Platz hatten, stimmte ich zu. Es begann also die Planungsphase. Zuerst wurde ein Bauplan besorgt. Wir entschieden uns für ein Boot in Schapi-Bauweise, d. h. ein einfaches Boot mit einem flachen Boden. An ein geklinkertes Boot, mit überlappenden Planken haben wir uns doch nicht ran getraut. Die Boote hatten eine Länge von ca. 4,10 m und eine Breite von ca. 90 cm.

Start mit kleinen Schwierigkeiten

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Die Vorarbeiten begannen mit der Materialbeschaffung. Das Material kauften wir natürlich immer nach und nach je nach Bauphase. Zuerst benötigten wir das Leistenmaterial für die Spantenrahmen und die dazugehörigen Kupfernieten, wie sie im Bootsbau verwendet werden. Da es schon Spätsommer war, der Herbst stand vor der Tür, konnten wir diese Arbeiten im Freien nicht mehr ausführen.

Wir hatten aber eine Lösung: Gerd wohnte in der Luxemburger Straße, in der Nähe des Leopold Platzes und hatte einen geräumigen Keller mit Werkbank und Schraubstock. Also konnten wir unsere Vorarbeiten während des Winters dort ausführen.

Wenn ich hier immer nur Gerd beim Namen nenne, so muss ich sagen die Namen der anderen beiden fallen mir nicht mehr, es waren ja Freunde von Gerd, ich weiß nur noch dass der eine Viktor hieß.

Wir begannen also mit den Vorarbeiten. Es mussten immerhin 36 Spantenrahmen gefertigt werden, pro Boot 9 Stück. Mühsam war das Ausarbeiten der gebogenen Decksbalken, es gab noch keine Elektrowerkzeuge aus dem Baumarkt, alles wurde in Handarbeit gefertigt.

So trafen wir uns, je nach Verabredung, ein bis mehrmals in der Woche nach der Arbeit und verwandelten den Keller in der Luxemburger Straße in eine Bootswerft. Die Arbeit machte Spaß, zog sich aber beinahe den ganzen Winter hin, wir fieberten dem Frühling entgegen um im Garten zu weiteren Aktivitäten zu kommen.

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ein kleines Problem hatten wir nicht bedacht: die 4 Stapel Spanten mussten nach Spandau transportiert werden. Heute, wo jeder ein Auto besitzt, kein Problem, wir aber mussten auf Fahrrad oder BVG zurückgreifen. Wir entschieden uns für die BVG.

Da wir damals noch sonnabends arbeiten mussten, trafen wir uns an einem Sonnabend-Nachmittag in unserem „Werkstattkeller“, bündelten unsere Spanten und zogen so bepackt mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus nach Spandau. Da die U-Bahn nach Spandau erst 20 Jahre später eröffnet werden sollte war die Fahrerei zu dieser Zeit noch etwas komplizierter.

Materialbeschaffung und Vorarbeiten

Bei uns im Garten wurden die vorgefertigten Teile erst einmal eingelagert, denn wir mussten uns mit der Planung der weiteren Schritte befassen. Mein Vater, in seiner Jugend selbst begeisterter Wassersportler und im Bootsbau sehr versiert, gab uns hier manch wertvollen Tipp.

Der nächste Schritt, der jetzt anstand war die Berechnung und Bestellung des weiteren Materials. Im Bauplan vorgeschrieben war die Verwendung von wasserfestem Sperrholz, damals eine teure Variante.

Da unsere Mittel aber nicht unbegrenzt waren, unser Wochenlohn betrug gerade mal ca. 50,- DM, mussten wir eine andere Lösung finden. Unsere Lösung hieß: wasserfeste Hartfaserplatten, 5 mm dick. Dieses Material war gerade neu auf dem Markt, ließ sich leicht verarbeiten und war, wie sich auch später herausstellte, auf Dauer haltbar. Wir bestellten also die Platten, die etwas über 4m lang und etwa 2 m breit waren und ließen sie uns anliefern.

Wenn ich mich recht erinnere, benötigten wir 6 solcher Hartfaserplatten. Da wir mit den über 4 m langen Leisten für Kiel, Stringer und Deck nicht im Bus fahren konnten, mussten wir sie uns auch anliefern lassen. Für die Montage entschlossen wir uns einen damals üblichen 2-Komponenten Bootsbauleim und Messing-Holzschrauben zu verwenden.

Da wir bei den Planken, Deck und Boden alle 5 cm eine Schraube setzen mussten, benötigten wir an die 2000 Messingschrauben. Bei den damaligen Materialkosten war das der größte Kostenfaktor. Soweit die Materialbeschaffung und die Vorarbeiten.

Erste Arbeiten

Der Frühling war gekommen und an einem warmen Sonntag konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Um den Tag richtig zu nutzen, begannen wir immer schon ziemlich früh mit der Arbeit. Wobei ich es hier am bequemsten hatte, ich brauchte praktisch nur aus dem Bett fallen und war im Garten. Meine drei Kumpels hatten es etwas schwieriger, sie mussten immer erst vom Wedding aus „anreisen“. Da sie sportliche Typen waren bewältigten sie den Weg meistens mit dem Fahrrad.

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Unsere Arbeit begann damit, dass wir uns eine Helling errichteten. Wie auf Bild 1 zu erkennen ist wurden dazu 4 Pfähle, in einem bestimmten Abstand, in die Erde gerammt. Um den Sprung bzw. die Durchbiegung der Kielleiste zu berücksichtigen, wurden die beiden mittleren Pfähle demensprechend tiefer gelegt. Auf diese so errichtete Helling wurde die Kielleiste geschraubt und die vorgefertigten Spantenrahmen, in den entsprechenden Abständen, befestigt. Auch der Vor- und der Achtersteven wurden auf die Kielleiste geschraubt, siehe. Bild 1.

Im nächsten Arbeitsschritt mussten, wie auf Bild 2gut zu sehen ist, die Stringerleisten angebracht werden. Die Arbeit wurde jetzt schon etwas schwieriger. Da ich auf einer Werft groß geworden bin, meine Kindheit und Jugend auf und zwischen Booten verbracht habe, hatte ich hier die meiste Erfahrung und habe auch hier etwas die Führung übernommen.

Die Boote nehmen Form an

Da wir alle Handwerker waren, wussten wir immer, was zu tun war und es klappte. Es gab natürlich auch kleine Pannen oder Missgeschicke, die aber immer mit Humor und etwas Lästerei überwunden wurden.

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Mit der Anbringung der Steven und der Deck- und Kimmstringer hatten wir den ersten Aufbau fertig. Wir bezeichneten dieses Gebilde nicht ganz fachmännisch als „Gerippe“, sehr schön auf Bild 3zu bewundern. Dieses „Gerippe“ konnten wir jetzt von der Helling lösen und in der gleichen Weise mit dem Bau des nächsten Aufbaues beginnen. Dreimal mussten wir diese Arbeitsschritte noch wiederholen dann lagen die 4 „Gerippe“ vor uns und wir konnten mit der Beplankung beginnen.

Da uns die Arbeit zu langsam vorankam, trafen wir uns jetzt auch manchmal am Sonnabendnachmittag um das Ganze etwas zu beschleunigen. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück, es gab nur wenige Wochenenden an denen wir nicht draußen arbeiten konnten. Mit dem Frühaufstehen am Sonntag hatte ich zu dieser Zeit sowieso immer ein Problem. Ich war damals 19, John Travolta gab es noch nicht aber das „Saturday Night Fever“ hatten wir schon erfunden.

Der Spaß kam nie zu kurz

Diese Nacht gehörte uns, d. h. meinen Freunden und mir. Kino, Tanzen oder auch Jazzkonzerte, je nach dem was geboten wurde. Außerdem machte ich zu dieser Zeit selbst noch Musik, ich spielte Schlagzeug. Also Schlaf war in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag immer Mangelware. Ich ließ mir aber nichts anmerken, am Sonntagmorgen stand ich immer wieder pünktlich an der Helling bzw. an den Böcken. Wie ich aber bald merkte, ging es den Mitstreitern ebenso.

Die Beplankung der Boote begann mit der Anbringung der Bodenplanke. Das Material wurde mit Aufmaß zugeschnitten, alles wieder von Hand mit der Säge, der Boden wurde aufgeleimt und verschraubt und das überstehende Material mittels Raspel und Hobel entfernt.

Wie ich schon erwähnte wurden die einzelnen Arbeitsschritte immer erst an allen Booten durchgeführt, ehe wir einen neuen Arbeitsschritt begannen. Nachdem die Bodenplanken angebracht waren, begannen wir in ähnlicher Weise mit der Seitenbeplankung, wie auf Bild 4gut zu sehen ist.

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Um nach der Seitenbeplankung das Deck aufbringen zu können, mussten die mittleren Decksbalken für die Einstiegsöffnung aufgeschnitten werden und mit Leisten begrenzt werden (auf Bild 5 gut zu sehen).

Alle, mit gleicher Sorgfalt

Die Arbeit machte uns großen Spaß, wir kamen auch gut voran und unser Ziel noch im Sommer die erste Bootstour zu unternehmen rückte näher. Damit keiner sagen konnte, ihr habt in mein Boot diesen oder jenen Fehler eingebaut, hatten wir vor die im Rohbau fertigen Boote zu verlosen. Das hatte zur Folge, dass alle Boote mit der gleichen Sorgfalt gefertigt wurden. Nach der Verlosung sollte jeder an sein Boot die fertigstellenden Arbeiten allein ausführen.

Zu diesen Arbeiten gehörten der Einbau der Reling und der Rückenlehnen, die Anbringung der Zierleisten und natürlich die Lackarbeiten. Aber soweit waren wir noch nicht, es mussten jetzt erst einmal die Bootsdecks aufgebracht werden.

Es war eigentlich die komplizierteste Arbeit, weil wir das mit Aufmaß ausgeschnittene Deck geschlossen aufschrauben mussten und dann erst den Ausschnitt für die Plicht, sprich Einstieg, ausschneiden konnten. Aber da wir als Werkzeugmacher an präzises Arbeiten gewöhnt waren gelang uns auch diese Arbeit, wie auf Bild 6 gut zu sehen ist.

Nach diesem Arbeitsschritt hatten wir die Boote im Rohbau fertig. Im Bild 6 rechts unten ist eins der Boote im Rohbau zu sehen. Das Boot, das wir im Übermut senkrecht zum Fotografieren aufs Heck gestellt haben, hat bereits eine Reling.

Jetzt folgte die bereits angekündigte Verlosung der Boote. Jeder kennzeichnete sein Boot und es begann der Endspurt. Wir hatten jetzt eine „Parallelfertigung“, denn jeder werkelte jetzt allein an sein Boot, wobei gegenseitige Hilfe natürlich immer noch Bestand hatte und auch nötig war.

Schlussarbeiten, der Sommer naht

Einige Wochenenden gingen natürlich noch drauf, denn es gab noch einiges zu tun. Die Sitzlehnen und die Bodenbretter mussten angefertigt werden und die Boote bekamen eine Scheuerleiste. Wie auf Bild 7 zu sehen ist, brachte jeder je nach Geschmack auch noch ein paar Zierleisten an, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und jeder hatte eine andere Vorstellung wie ein Boot auszusehen hat.

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Ich hatte mein Boot (auf Bild 7 rechts) betont schlicht gehalten, es sollte mehr nach Kajak aussehen und die sportliche Note sollte betont werden. Der Vorteil den ich jetzt hatte, war, dass ich an mein Boot jetzt auch Wochentags nach Feierabend arbeiten konnte. So hatte ich Zeit, am Wochenende den anderen zu helfen.

Die wichtigste Arbeit hatten wir noch vor uns: die Boote mussten lackiert werden und natürlich einen Unterwasseranstrich bekommen. Zuerst wurden die Boote geschliffen und mit Leinölfirnis gestrichen. Nach dem Trocknen erfolgte abermals ein leichtes Anschleifen. Jetzt erfolgte der für Paddelboote traditionelle grüne Unterwasseranstrich. Danach wurden das Deck und die Seitenwände mit Bootslack zweimal lackiert. Wir hatten Glück mit dem Wetter, denn wenn man ein Boot im Freien lackieren muss ist man sehr vom Wetter und besonders von der Staubentwicklung abhängig, ich kannte das von größeren Booten. Aber wir hatten Glück und bald konnten wir unsere fertigen Boote präsentieren.

Stapellauf

An einem schönen Sommertag des Jahres 1954 trugen wir stolz unsere Boote einzeln zum Wasser, ein Weg von ca. 150 m. Wir freuten uns eigentlich sehr über unsere gelungene Arbeit denn trotz aller Erfahrung die vor allem ich mit Booten hatte, waren wir doch alle Laien.

Jedenfalls gratulierten wir uns gegenseitig und es erfolgte der langersehnte „Stapellauf“. Wie auf Bild 8 gut zu sehen ist, lagen die Boote gut im Wasser und vor allem, sie waren dicht. Damit war die Arbeit der kleinen „Bootswerft“ bei uns im Garten beendet.

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Rückschauend möchte ich sagen, es war für Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung. Den Begriff „Teamwork“ gab es damals noch nicht, aber wir hätten ihn erfinden können. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche heute auf die gleiche Idee kommen würden.

Ein Wort noch zu den Kosten, sie lagen pro Boot bei ca. 120,- DM, bei unserem damaligen Verdienst waren das ca. 2 ½ Wochenlöhne. Die Boote haben sich bewährt, ich habe mit meinem Boot viele Touren unternommen und konnte es 1962 noch verkaufen.

 

Jörg Sonnabend

2012

 

 

Anmerkung der Reaktion:

Unterwegs in Spandau sucht weitere Erinnerungen an Spandaus vergangene Zeiten.

Wer gerne Begebenheiten aus seinen Erinnerungen weitergeben möchte, der ist auf Unterwegs in Spandau herzlich willkommen. Auch fragmentarische Stichpunkte sind wichtig. Ich erstelle gerne einen fertigen Text aus Ihren Notizen.

Werfen Sie alte Fotos und Postkarten nicht weg!

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