Evangelisches Johannesstift - Wichern

Prügel im Evangelischen Johannesstift in Spandau

Studie offenbart Gewalt an Heim-Kindern

Gewalt in Heimen war bisher ein Thema, welches keine Relevanz für Spandau hatte. Anscheinend geschah so etwas nur „anderswo“. Die Veröffentlichung einer Studie des Diakoniewerkes bringt Erschreckendes zu Tage. In den 50er und 60er Jahren wurden Kinder und Jugendliche in den Heimen Birkenhof, Jungborn, Heidenborn und Ulmenhof des Evangelischen Johannesstifts körperlich gezüchtigt.

Ohrfeigen und Schläge mit dem Stock gehörten anscheinend zum Alltag. Die Studie zur „Heimerziehung in den Jahren 1945-1970 im Evangelischen Johannesstift“ wertete Akten aus dem vorgenannten Zeitraum aus. Fast jeder fünfte Heimbewohner wurde Opfer dieser Gewalt. körperliche Züchtigung in Heimen war schon seit 1948 offiziell verboten. Da solche Einträge regelmäßig in den Akten auftauchten, kann man davon ausgehen, dass ein solches Handeln zum Alltag gehörte. Es dürfte auch kein weit hergeholte Annahme sein, wenn nicht alles Eingang in die Akten fand. Von einer höheren Dunkelziffer muss man ausgehen.

In der Studie wird explizit von einem Strafkatalog gesprochen. Der Rohrstock, als Instrument der Strafe, war als übliche Züchtigungsform – trotz Züchtigungsverbot. Bis in die 60er Jahre soll es Strafe in Form von Prügel gegeben haben. Zu den nicht körperliche Strafen, die ebenso bis in die 60er Jahre hinein Anwendung fanden, war der Arrest im „Bunker“.

„Mit großer Betroffenheit und aufrichtigem Bedauern stellen wir fest, dass auch in unseren Heimen in den 50er und 60er Jahren Unrecht geschehen ist.“, erklärt Stiftsvorsteher Pfarrer Martin von Essen. „Schläge oder Ohrfeigen waren in den 50er und 60er Jahren Teil eines von Strafen und Gehorsam bestimmten Erziehungssystems, das auf Unterordnung und nicht hinterfragten Gehorsam zielte. „Wir wissen heute, dass wir dem Anspruch unserer christlichen Verpflichtung und dem Wohle der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen nicht bei jedem der Kinder und Jugendlichen gerecht geworden sind“. Das Evangelische Johannesstift bittet die ehemaligen Heimkinder für erlittene und leidvolle Erfahrungen um Verzeihung.

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hatten die Schläge zwar keine schweren körperlichen Nachwirkungen. „Aber selbst scheinbar ‚leichtere Züchtigungen‘ können im individuellen Fall zu Traumatisierungen führen“, so von Essen, „ebenso wie Demütigungen und soziale Strafen, die damals angewandt wurden, etwa Arreststrafen, Ausgangssperren, Strafarbeiten oder gar Heimentlassung“.

Der Johannesstift erklärte sich bereit, in den Entschädigungsfond für Misshandlungsopfer einzuzahlen, der vom runden Tisch „Heimerziehung“ in Höhe von 120 Millionen Euro vorgeschlagen wurde.

Weiterhin untersuchte die Studie die Arbeitsverhältnisse im Stift. Die Arbeit der Kinder in der Landwirtschaft, im Garten oder den Werkstätten als „Arbeitsbursche“  gehörte dort zur Praxis der „Berufsausbildung“.

Als eine Art „Arbeitstherapie“ sollten Selbstdisziplin und Arbeitswillen geprüft und eingeübt werden. Die Arbeit galt als sozialpädagogische Maßnahme und stellte den damaligen Bestimmungen nach keine Beschäftigung im Sinne des Arbeitsrechts dar; sie war deshalb nicht arbeitslosen- oder sozialversicherungspflichtig. Die Arbeitsburschen wurden, von Prämien abgesehen, nicht entlohnt, sondern erhielten ein Taschengeld. Der Lehrvertrag war an den Heimaufenthalt gebunden, endete also mit der Heimentlassung.

Die offene Auseinandersetzung des Evangelischen Johannesstift mit seiner Vergangenheit ist ein wichtiger und notwendiger Schritt. Dem Verein ehemaliger Heimkinder genügt dies aber nicht. Er fordert unabhängige Historiker zur Aufbereitung der Geschehnisse.

Infostelle des Runden Tisches Heimerziehung:

  • Hier erhalten ehemalige Heimkinder individuelle, telefonische und persönliche Beratung und Unterstützung. Sie erreichen die Infostelle unter der Telefonnummer: (030) 27576777 oder der E-Mail: info@rundertisch-heimerziehung.de
  • Ehemalige Heimkinder, die Kontakt zum Evangelischen Johannesstift suchen , können sich per Mail an info@evangelisches-johannesstift.de wenden.

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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