Stapellauf einer Marinebarkasse im Kriege

Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau

Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 6

Stapellauf einer Marinebarkasse an der Scharfen Lanke im Krieg
Stapellauf einer Marinebarkasse an der Scharfen Lanke im Krieg

Man hat also immer wieder Mittel und Wege gefunden um an zusätzliche Nahrung zu kommen, denn die sog. „Lebensmittelgrundkarte“ mit 1200 Kalorien täglich reichte vorne und hinten nicht. Meine Erinnerung an diese Zeit, die alles Andere immer wieder überschattet, ist: ich hatte ständig Hunger!

Schwarzmarkt an der Wilhelmstraße

In diesem Zusammenhang fällt mir etwas ein, das sich vielleicht heute niemand mehr vorstellen kann. Wenn ich durch kleine „Schiebereien“ an ein paar Reichsmark gekommen bin, kaufte ich mir auf dem Schwarzmarkt für 70 oder 80 Reichsmark, je nach Tageskurs, ein 1000 g Brot.

Mit kleinen Schiebereien, und diese Geschäftchen machte jeder, meine ich z.B. den Verkauf von „geklauten“ Kohlen oder Rieselfeldgemüse oder auch nicht mehr altersgemäßem Spielzeug. Irgendetwas gab es immer zu „organisieren“. Der von uns am schnellsten zu erreichende Schwarzmarkt befand sich übrigens in der Grünanlage um die Melanchthonkirche, an der Wilhelmstraße. Wenn man genug Reichsmarkscheine hatte, konnte man dort vom Klopapier bis zum Pfund-Butter praktisch alles kaufen.

Zurück zum Thema Brot: mit diesem, auf dem schwarzen Markt gekauftem 1000 g Brot, zog ich mich in eine stille Ecke zurück und aß dieses Brot in einem Zug, trocken und ohne Flüssigkeit, komplett auf. Heute nicht mehr vorstellbar, aber traurige Wahrheit.

Improvisiertes Wintervergnügen

Aber es gibt auch andere und angenehme Erinnerungen an diese ersten Nachkriegsjahre. Die Winter waren sehr schneereich, also war Schlittenfahren angesagt. Rodelbahnen hatten wir in unserer Gegend genug, Unsere Hausbahn ging von der Weinmeisterhöhe runter zur Lanke-Werft, heute ist alles bewachsen und kultiviert aber damals war alles noch möglich. Aber die größte und längste Rodelbahn (heute auch alles zugewachsen) befand sich am Küfersteig und ging neben der Treppe runter bis in den Keltererweg und Weinmeisterhornweg. Komischerweise hatte jeder noch seinen Schlitten, da die Russen im Sommer kamen, hatten sie wohl keine Verwendung dafür. Jedenfalls vergnügten wir uns hier bis in den späten Abend.

Durchnässt und hungrig zogen wir dann nach Hause. Da die Kleidung und das Schuhwerk alles nur behelfsmäßig war und man eigentlich nur ein Paar Schuhe und eine Hose besaß, musste alles bis zum Morgen wieder trocken sein. Wenn man heute im Winter spazieren geht und im Park die angelegten gepflegten Rodelbahnen sieht, die beinahe überhaupt nicht mehr genutzt werden, kann man nur verständnislos staunen. Wir hatten nur „wilde“ Rodelbahnen und die waren bis zum späten Abend immer dicht bevölkert. Es hat uns immer Spaß gemacht und es war ein Lichtblick in dieser trüben Zeit.

Ein anderes Wintervergnügen war bei uns das Schlittschuhlaufen. Die zugefrorene Scharfe-Lanke, der Grimmnitzsee oder der Südpark eigneten sich besonders dafür. Natürlich hatten wir keine kompletten Schlittschuhschuhe wie sie heute üblich sind, unsere alten Schlittschuhe mussten mittels eines Vierkantschlüssels an normale Schuhe angeklemmt werden. Da die hinteren Klammern kleine Spitzen hatten, damit sie sich am Hacken besser halten konnten, hießen diese Schlittschuhe „Hackenabreißer“. Sie machten ihrem Namen auch alle Ehre: man legte einen Sturz hin und der Schlittschuh mit dem Hacken machte sich selbstständig und schlitterte über das Eis. Vater, der meine vielfach geflickten Schuhe immer wieder reparieren musste hat sich natürlich darüber „gefreut“.

Abends in der Dunkelheit machte das Schlittschuhlaufen auf der großen Fläche der Scharfen-Lanke besonderen Spaß und war natürlich auch wieder mit allerlei jugendlichen „Streichen“ verbunden. Besonders gerne „borgten“ wir uns von den angrenzenden Grundstücken, eiserne Gartenstühle aus, die man dann mit großer Geschwindigkeit über das Eis schieben konnte. Einmal erwischten wir einen Strandkorb, das war herrlich: zwei Mann setzten sich rein und die anderen schoben das Gefährt über das Eis.

Oder wir spielten Eishockey, als Schläger dienten umgedrehte Spazierstöcke und als Puck musste eine Schuhcremedose, gefüllt mit Teer, herhalten. Ganz ungefährlich war dieses abendliche Schlittschuhlaufen nicht, denn da wo das stehende Wasser der Scharfen-Lanke in das fließende Wasser der Havel überging war das Eis immer dünner und brüchig. Man durfte sich also nicht zu weit nach Süden vor wagen.

Sommer in der Wilhelmstadt

Im Sommer war die schwere Nachkriegszeit natürlich leichter zu ertragen, wir brauchten keine Schuhe und als Kleidung genügte meistens eine Turnhose. Da wir an der Havel wohnten, spielte sich viel am oder im Wasser ab. Wir hatten zwar weiter unsere Indianerspiele und Cliquen-Kämpfe und bauten weiter unsere Höhlen im Wald, auch den „Kontakt“ zu den Obstplantagen und Rieselfeldern ließen wir nicht abreißen, aber das Wasser hatte eine besondere Anziehungskraft. Da wir alle frühzeitig Schwimmen gelernt hatten war das Wasser unser Element. Wobei das Schwimmen in der Havel nach dem Kriege nicht ganz ungefährlich war, das Wasser war aufgrund der Kriegsereignisse mit Krankheitskeimen verseucht. Erkrankungen an Kinderlähmung, auch bei Erwachsenen, sind vorgekommen.

Unsere Clique wurde Gott sei Dank davon verschont. Herrenlose Ruder oder Paddelboote gab noch genügend, die wir uns „ausborgten“ um damit unsere Touren zu machen. Beliebte Ziele war das gegenüberliegende Ufer mit Schildhorn oder der Schilfgürtel am Pichelsdorfer Gemünd. Hier konnte man sich herrlich zum Angeln verstecken. In dieser Zeit habe ich auch meine ersten Erfahrungen mit Segelbooten gemacht, ein Hobby das ich heute noch ab und zu ausübe.

 

Jörg Sonnabend

Ende von Teil 6

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

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