Verzzokkt, ein Film aus Spandau von Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan

Verzzokkt – Spannendes Kino aus der Spandauer Neustadt

Lynarwood verbindet erfolgreich unterhaltsames UND sozialkritsches Kino

Verzzokkt, ein Film aus Spandau von Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan
Verzzokkt, ein Film aus Spandau von Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan

Am Donnerstag lud das Kulturhaus in der Spandauer Altstadt zu einer Filmpremiere. Verzzokkt (ja, die Schreibweise stimmt, nicht verzokkt und auch nicht verzockt …) ist ein Film der beiden Filmemacher Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan darüber, wie Spielhallen und Spielsucht Familien zerstören können. Gedreht wurde mit Laiendarstellern in der Spandauer Neustadt. Beide stammen selbst aus dem Kiez rund um Kurstraße und Lynarstraße, wissen also, worüber sie berichten. Darum trägt ihre Filmfirma den treffenden Namen Lynarwood.

Großer Andrang vor dem Kulturhaus Spandau

Verzzokkt von Lynarwood - Großer Andrang im Kulturhaus Spandau
Verzzokkt von Lynarwood - Großer Andrang im Kulturhaus Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Wie der Zufall es wollte kam ich etwa 25 Minuten vor Beginn des Films am Kulturhaus an. Ein Andrang, wie ich ihn noch nie dort erlebt habe, erwartete mich dort. Ich schätze, die halbe Spandauer Neustadt war dort vertreten – naja, fast alle unter 20-jährigen Türken. Alle wollten die Filmpremiere von Verzzokkt um keinen Preis verpassen. Wahrscheinlich, weil einige von ihnen einmal kurz darin auftauchten. Es gestaltete sich ein wenig schwierig, bis zum Kinosaal vorzudringen. Bis oben hin, drängten sich dichte Menschentrauben. Alle waren sehr gespannt, auf ihren Kiez-Film.

Der Film wird, weil ein großer Andrang erwartet wurde, nicht im Kinosaal, sondern im Theatersaal aufgeführt. Kulturstadtrat Gerhard Hanke spielt den Türöffner und löst damit eine Lawine aus. Alles drängelt durch den schmalen Eingang und will sich die besten Plätze sichern. Gerhard Hanke und Uli Funk, der Leiter des Kulturhauses haben alle Hände voll zu tun, den Ansturm zu lenken.

Video-Trailer zu „Verzzokkt“

 

Viel Prominenz hatte sich eingefunden

Sigurd Hauff und Raed Saleh (Foto: Ralf Salecker)
Sigurd Hauff und Raed Saleh (Foto: Ralf Salecker)

Spandaus aktueller Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Sigurd Hauff, Spandaus Bürgermeister a. D. und Stadtältester von Berlin, Renate Schmidt, bis 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Burgunde Grosse, bis 2011 Mitglied des Abgeordnetenhauses, Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD im Berliner Abgeordnetenhaus und sein Kollege Swen Schulz, der SPD Bundestagsabgeordnete Daniel Buchholz, Gerhard Hanke, Spandaus Bildungsstadtrat, Thorsten Schatz, bildungs- und kulturpolitischer Sprecher der CDU -Fraktion … ein paar habe ich bestimmt vergessen …

Verzzokkt – Worum geht es in diesem Film?

Spielsucht und ihre Folgen wäre die viel zu banale Zusammenfassung des Filminhalts. Spielhallen sind eine Seuche, die sich in den Berliner Bezirken immer weiter ausbreitet. Inzwischen gibt es mehr davon, als Bäckereien. Spandau ist davon nicht verschont geblieben. Besonders in der Wilhelmstadt und der Neustadt schießen sie wie Pilze aus dem Boden. Sie sind untrügliches Zeichen für den Niedergang der Kieze. Hier suchen die „kleinen Leute“ den Kick auf einen Gewinn – oder versuchen verzweifelt, die Verluste wieder auszugleichen. Sie wollen ihr Schicksal versuchen – und scheitern doch stets. „Es gewinnen nur die Betreiber der Spielhallen“ versucht in Verzzokkt Jebrail, der große Bruder, dem kleinen Bruder Fiko klarzumachen.

Verzzokkt, ein Film von Regisseur Kubilay Sarikaya und Produzent Sedat Kirtan (Foto: Ralf Salecker)
Verzzokkt, ein Film von Regisseur Kubilay Sarikaya und Produzent Sedat Kirtan (Foto: Ralf Salecker)

Drei türkische Brüder sind die Hauptfiguren des Films. Jebrail (Danyal Kirtan), der Älteste kommt gerade aus dem Knast. Er ist für einen Spielhallenbesitzer ins Gefängnis gegangen. Zwei Jahre seines Lebens hat er geopfert, um anschließend 50.000 Euro als Entschädigung dafür zu erhalten. Mit diesem Geld möchte er seiner Familie einen neuen Anfang ermöglichen. Während der Älteste seine Zeit im Gefängnis verbrachte, sollte der Jüngste, Fiko (Mesut Gürbüz) auf den kranken Bruder Muhammed (Muhammed Kirtan) achten. Muhammed ist stark übergewichtig und leidet unter dem Down Syndrom.

Das Leben ist nicht nett. Der Jüngste wählte den leichten Weg im Leben. Er möchte sein Glück erzwingen. In der Spielhalle des besagten Casinobesitzers verzockte Fiko den größten Teil der 50.000 Euro. Jebrail ist sich dessen schnell bewusst. Seine erste Wut auf den gedankenlosen Bruder verraucht sehr schnell. Wütend ist er vielmehr auf denjenigen, der die Spielsucht Fikos zu seinem doppelten Vorteil nutzte – und damit seine Familie angriff.

Die Familie steht bei alledem immer wieder im Vordergrund. Während der Jüngste, diese in Gefahr bringt, der Älteste sie retten möchte, geht immer wieder der Blick auf Muhammed. Scheinbar konsumiert er nur das, was seine Umgebung ihm bietet. Er ist eine offene freundliche Seele, ein unschuldiges – erwachsenes – Kind. Er ist der Grund, weswegen Jebrail alles riskiert.

Der Bestohlene plant seine Rache an dem Spielhallenbesitzer. Jebrail setzt alles auf eine Karte. Der Dieb und Verführer soll nicht nur bestohlen, sondern, als Teil des Plans, auch ins Gefängnis kommen. Konsequent läuft die Geschichte ihrem bösen Ende entgegen.

Was macht den Film so besonders?

 Produzent Sedat Kirtan, Regisseur Kubilay Sarikaya, Kulturstadtrat Gerhard Hanke (Foto: Ralf Salecker)
Produzent Sedat Kirtan, Regisseur Kubilay Sarikaya, Kulturstadtrat Gerhard Hanke (Foto: Ralf Salecker)

Er ist authentisch. Er unterhält und ist sozialkritisch zugleich. Obwohl er in der Spandauer Neustadt spielt, könnte der Schauplatz in allen vergleichbaren Kiezen Berlins und Deutschland spielen. Das betonen Regisseur (Kubilay Sarkaya), Produzent (Sedat Kirtan) und Stadtrat (Gerhard Hanke) gleichermaßen.

Gerade läuft in Berlin ein Film, der mit Oskar-Nominierungen überhäuft wird – „The Artist“. In Schwarz-Weiß und als Stummfilm gedreht, beeindruckt er Publikum ebenso, wie Kritiker. Verzokkt ist viel kürzer, keine 40 Minuten lang, auch in Schwarz-Weiß gedreht, aber ganz bestimmt kein Stummfilm. Er kommt laut daher. Seine Musik und die kontrastreichen Bilder, die nichts beschönigen, treiben die Geschichte gewalttätig voran. Schnell ist klar, es kann nicht gut gehen. Trotzdem weckt der Film keine Verzweiflung.

Spielsucht und die Beschaffungskriminalität erreichen immer jüngere Menschen. Trotzdem will der Film nicht oberlehrerhaft mit erhobenem Zeigefinger daherkommen. Verzzokkt zeigt das Milieu im Kiez, der Spandauer Neustadt und anderswo. Ohne lang etwas zu erklären, spielt er seine Geschichte ab. Das Leben ist so, wie es ist. Er fragt nicht näher nach dem warum.

Bei einem Film, der ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht wurde, erwartet niemand eine große Schauspielerische Leistung. In Verzzokkt überzeugen die Darsteller. Man nimmt ihnen das Geschehen ab.

Goldener Bär für Verzzokkt

Raed Saleh, Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya (Foto: Ralf Salecker)
Raed Saleh, Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya (Foto: Ralf Salecker)

Raed Saleh, Abgeordneter u.a. für die Neustadt, ließ es sich nicht nehmen, einen symbolischen Preis zu überreichen. Ein Wunsch der Filmemacher war es gewesen, ihren Film auf der gerade noch laufenden Berlinale präsentieren zu dürfen. Das hat nicht geklappt.

Ihren Goldenen Bären bekamen sie dafür in Spandau überreicht, versehen mit der Inschrift „Behandle jeden anderen Menschen so wie du selbst behandelt werden willst“, die ein wenig an Kants Kategorisches Imperativ erinnert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Noch ist der weitere Weg des Films nicht klar. Eine Aufführung vor den Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses ist im Gespräch. Natürlich sollen möglichst viele Spandauer Schüler in den Genuss des Films kommen.

Berliner Spielhallengesetz

Verzzokkt: Filmemacher und Hauptdarsteller. Drei Brüder, 50 000 Euro, Spielsucht, Überfälle, Knast. (Foto: Ralf Salecker)
Verzzokkt: Filmemacher und Hauptdarsteller. Drei Brüder, 50 000 Euro, Spielsucht, Überfälle, Knast. (Foto: Ralf Salecker)

Im Juni letzten Jahres trat das Berliner Spielhallengesetz in Kraft. Die Erkenntnis, dass rund 400.000 Euro täglich in Berlin „Einarmigen Banditen“ landen, hat jetzt ein gemeinsames Handeln bewirkt. Neue Spielhallen dürfen nur noch bei Einhaltung eines Mindestabstands von 500 Metern zu bestehenden Spielhallen und Jugendeinrichtungen wie Schulen eröffnet werden. Es ist nur noch eine Spielhalle pro Gebäude erlaubt mit maximal 8 Spielgeräten. Die Öffnungszeiten werden drastisch eingeschränkt und die Steuer von 11 auf 20 Prozent erhöht.

Das ändert nichts an den bestehenden Spielhallen. Es ändert nichts an den Bedingungen, die die Spielsucht begünstigen, aber es ist ein Anfang.

 

Ralf Salecker

 

 

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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