Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Weihnachten und Bombenalarm an der Scharfen Lanke

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 5

Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949
Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Nur Einige, aus meiner Sicht besonders heftige, verfolgen mich seit meiner Kindheit. Da war der 1. März 1942, unsere erste Bekanntschaft mit Bomben (ich habe bereits darüber berichtet), der 16. Dezember 1943, auf den ich noch eingehen werde und der legendäre 6. Oktober 1944, ein Tagesalarm bei dem der Turm der Nikolai-Kirche ausbrannte. Es war der 16. Dezember 1943, also kurz vor Weihnachten. Wieder eine Kriegsweihnacht, bereits die fünfte.

Große Höhepunkte waren nicht zu erwarten, aber meine Mutter, zusammen mit den Großeltern, versuchte doch immer das Weihnachtsfest zu gestalten. Einige Überraschungen waren immer noch drin. Also am 16. 12. 43 verzichteten wir auf unseren Aufenthalt im Bunker, in der Hoffnung dass es keinen Alarm gibt und meine Mutter wollte die Wohnung auf „Weihnachtsglanz“ bringen. Da meine Mutter tagsüber arbeitete, ging abends das Großreinemachen los. Das ganze Programm, mit Staubsaugen usw..

Es kam dann doch anders als wir es uns gedacht haben, am späten Abend heulten die Sirenen: es war Fliegeralarm. Die Frage war jetzt wohin? Der Luftschutzstollen, der gegenüber dem Werfteingang, in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig und unseren etwas unsicheren Hauskeller wollten wir nicht mehr benutzen. Da fiel uns ein, dass man am Ende der Scharfen Lanke, also direkt neben uns vor dem Segelklub S.V. U. H. einen kleinen Luftschutzbunker in den Sand hinein gebaut hatte.

Es waren hölzerne Balkenrahmen zur Hälfte ins Erdreich versenkt mit Holzbohlen verbunden und das Ganze mit ca. 2 m Sand bedeckt. Das ganze Gebilde war ca. 15 m lang und hatte an jedem Ende eine Holztür. Entgegen aller Vorschriften hatte dieser kleine Splittergraben in der Mitte keine Abknickung, die Druckwellen der Sprengbomben und Luftminen konnten uns also ungehindert um die Ohren pfeifen. Die Druckwelle einer Luftmine z.B. war noch in 1000 m Entfernung zu spüren. Wir 4 Personen, mein Freund Horst mit Mutter und ich mit meiner Mutter, wir waren an diesem Abend die einzigen Personen im Hause, suchten also schleunigst diesen kleinen Splittergraben auf denn das Flakfeuer setzte schon ein.

Es wurde, soweit ich mich erinnern kann, der schlimmste Luftangriff den unsere Gegend abbekommen hat. Vom Anfang bis zum Ende des Angriffes lagen wir auf den Holzfußboden des Bunkers, die Türen wurden aufgerissen und die Druckwellen schossen durch den Splittergraben. Über die Länge des Angriffes kann ich heute keine Angaben mehr machen, aber dieses Feuerwerk aus Bombeneinschlägen und Flakfeuer hielt mindestens über eine Stunde an.

Nach der Entwarnung, also nach Beendigung des Angriffes krochen wir buchstäblich aus dem Splittergraben und stellten als erstes fest, dass unser Haus noch stand. Fenster und teilweise auch Türen waren raus bzw. eingedrückt, der Putz war in großen Flächen von der Wand gefallen, aber man konnte alles wieder notdürftig reparieren.

Wie überhaupt die Werft etliche Bombentreffer abbekommen hatte aber die Hallen und Gebäude blieben stehen und konnten nach Aufräumungsarbeiten wieder benutzt werden. Viele der Bomben sind, trotz der überall brennenden Häuser, offensichtlich in die Havel oder in den Sand der Haveldüne gefallen. Wir haben in den Kriegsjahren viele schreckliche Bombennächte und später auch Tage erlebt, aber dieser 16. Dezember 1943 wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

Nach dieser schrecklichen Bombennacht zogen wir es vor, die Nächte wieder im Bunker zu verbringen, denn unser im Bau befindliche Luftschutzbunker, der gegenüber dem Werfteingang in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig. Für mich persönlich waren die Bombennächte ab Februar 1944 erstmals zu Ende. Mit anderen Spandauer Jungs, alle zwischen 10 und 14 Jahre, wurde ich im Rahmen der Kinderlandverschickung in ein KLV-Lager in die Slowakei verschickt. Dort hatten wir andere gefährliche Abenteuer, vor allem bei unserer überstürzten Rückkehr und Flucht im September 1944, zu bestehen.

Ab Ende 1944 hatten uns die Luftangriffe wieder voll im Griff, die ja auch während meiner Verschickung unvermindert angedauert hatten. Da jetzt auch vermehrt Tagesangriffe geflogen wurden hatte sich die Situation noch verschärft. Auf unserem Schulweg und auch während des Unterrichts wurden wir oft von den Alarmsirenen überrascht und mussten dann versuchen irgendeinen in der Nähe liegenden Luftschutzkeller oder Bunker aufzusuchen. Während meiner Kinderlandverschickung ist auch unser lang ersehnter, in die Haveldüne hineingebauter, Luftschutzbunker fertig geworden.

Dieser Bunker, gebaut mit dicken Eichenbalken und mit mehreren Metern märkischen Sand darüber, bot uns endlich den Schutz, den wir uns in den davor liegenden Jahren immer gewünscht hatten. Gegen Ende des Krieges wurden die Angriffe unregelmäßiger und auch heftiger. Aber auch diese schwere Zeit musste überstanden werden. Bei aller Schrecklichkeit, die uns das Jahr 1945 mit Kriegsende und Besetzung noch brachte, waren wir letztendlich froh dass wir ab Mai 45 wenigstens wieder nachts durchschlafen konnten. Es gab jetzt andere Widrigkeiten und Notsituationen die überwunden werden mussten.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende Teil 5 von 5

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