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Zwei Jahre Quartiersmanagement in der Spandauer Neustadt

Es hat sich viel getan im Kiez

Lesezeichen: Spandau Neustadt, Hinterhof
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Die Neustadt ist in den letzten beiden Jahren wieder verstärkt ins Bewusstsein Spandaus gerückt. Nur ein paar Schritte von der Altstadt entfernt, war sie trotzdem für viele schon „zu weit weg“, uninteressant oder mit einem schlechten Ruf behaftet.

Der Neustadt geht es nicht gut. Arbeitslosigkeit, schlechte Infrastruktur, Geschäfte-Leerstand, verwahrlostes Umfeld, hoher Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund … Daran ist nicht zu zweifeln. Andererseits nützt es niemandem, in ausgetretenen Pfaden zu verweilen und nur auf bekanntes Schlechtes zu schauen. Dies zu finden ist sicherlich leicht.

Um das Quartier vor dem weiteren Abrutschen zu bewahren – das Kind war also schon in den Brunnen gefallen – wurde vor 2009 zwei Jahren ein Quartiersmanagement für einen Kernbereich von 44,6 Hektar Fläche mit 8493 Einwohnern eingerichtet. Der  Bereich erstreckt sich zwischen der Falkenhagener Straße und Neuendorfer Straße; im Westen begrenzen die Ackerstraße und im Norden der Gebäudekomplex des Klinikums Spandau zwischen Lynarstraße und Neue Bergstraße das Gebiet, den nordöstlichen Teil begrenzen die Neuendorfer und die Schützenstraße.

Christine Otto (QM), Charlotte von Uslar-Gleichen (Künstlerin), Ulrike Herrmann (QM), Samira Jamal (coopolis), Öztürk Kiran (QM)
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Christine Otto (QM), Charlotte von Uslar-Gleichen (Künstlerin), Ulrike Herrmann (QM), Samira Jamal (coopolis), Öztürk Kiran (QM)

Das QM soll in den Gebieten durch eine Vielzahl von Mitteln für eine Aufwertung der Quartiere sorgen. In anderen Bezirken, aber auch in anderen Ortsteilen Spandaus wird das QM-Verfahren im Programm „Soziale Stadt“ seit Jahren erfolgreich angewendet.

Ziel ist es, möglichst viele lokale Akteure mit ins Boot zu holen. Nur mit den Menschen aus dem Kiez kann eine Veränderung des Bewusstseins und des Ist-Zustandes erreicht werden. Eine überraschende Erkenntnis ist die Feststellung, dass man sich an schlechte Umstände auch schnell gewöhnen kann. Fatalistisch wird etwas hingenommen, weil es ja sowieso nicht zu ändern ist. Diese Haltung gilt es zu durchbrechen.

Darum kann eine Veränderung nicht mit wenigen Großprojekten gelingen. Vielmehr ist ein sehr kleinteiliges, vernetztes Handeln angesagt. Wenn es gelingt der Verwahrlosung der Quartiere Einhalt zu gebieten verändert sich auch etwas in den Köpfen der Menschen. Wer gerne in einem Kiez lebt, weil er nicht nur „schöner“ wird, sondern auch „lebenswerter“ empfunden wird, der engagiert sich auch eher. Dort, wo Engagement erkennbar ist, sind andere bereit, selbst tätig zu werden. Die Steigerung des Image ist also ein wichtiger Bestandteil. Für die Innen- wie auch die Außensicht.

Ein Blick in die Zukunft stimmt positiv. In naher Zukunft wird es den Flughafen Tegel nicht mehr geben. Schon jetzt entstehen nahe bei der Neustadt neue Wohnquartiere in begehrter Wasserlage. Die Schließung des Flughafens wird mit Sicherheit einen deutlichen Entwicklungsimpuls bewirken. Klaus Wowereit sprach während einer Wahlkampfveranstaltung von den „Helden“, die lange Jahre den Fluglärm ertragen hätten. Das war sicherlich ein wenig dick und plakativ aufgetragen. In jedem Fall wird der zukünftig nicht mehr vorhandene Fluglärm auch in der Neustadt Veränderungen bewirken.

In der Neustadt wurde in den letzten beiden Jahren ein Vielzahl von Projekten initiiert, die ein positives Bild fördern. Vor einigen Tagen wurde im Zuge des „Tags des Handwerks“ auf Handwerksbetriebe hingewiesen, die – entgegen landläufiger Vorstellung – dann doch existieren. Mit dem Kaufhaus am Park gelang es um die Weihnachtszeit im letzten Jahr, gemeinsam mit coopolis, ein positives Zeichen für eine erfolgreiche Zwischennutzung von – seit Jahren – leerstehenden Geschäftsräumen zu starten. Alle Räume sind inzwischen vermietet. Ohne diese Aktion würde sie wohl immer noch leer stehen und ein graues Stadtbild befördern. Eine musikalische Begehung von leerstehenden Geschäftsräumen am 16.9. ist ein nächster kreativer Schritt um Leben in die Neustadt zu holen. In diesem Jahr soll es in der Schönwalder Allee ein ähnliche Aktion geben, diesmal nur länger, nämlich ein Monat lang – wieder unter der Beteiligung der Inselspinnen von der Insel Eiswerder.

Der Lutherplatz, als zentraler Platz im Kiez, erfährt eine deutliche Aufwertung. Nicht nur die Mitglieder der sehr aktiven Kirchengemeinde haben sich engagiert. Unter Beteiligung der Bürger wurden Vorschläge entwickelt, den Platz neu zu gestalten. Ideen wurden gesammelt, werden diskutiert und dann mit finanzieller Unterstützung umgesetzt. Aktive Beteiligung und ein anschließend greifbares Ergebnis machen Mut auf mehr.

Das „Trinkerproblem“ wird durch SPAX „Aufsuchende Sozialarbeit zur Problematik des Alkoholmissbrauchs in der Spandauer Öffentlichkeit“ angegangen. Sozialarbeiter auf der einen, ein eigener Raum für die Abhängigen auf der anderen Seite, haben Veränderungen zum Guten bewirken können. Natürlich erreicht man nicht alle. Selbst die dort beschäftigten Abhängigen müssen sich von ihren „Mitabhängigen“ manch derbe Bemerkung gefallen lassen. Vor ein paar Jahre war es nicht vorstellbar, Alkoholiker als aktive Partner im Kiez zu sehen. Es geht, wenn auch in sehr kleinen Schritten.

Die Lynar-Grundschule wird saniert. Gelder aus dem Topf „Soziale Stadt“ unterstützen dies. „Kur“-Konzerte im Költzepark fördern ein positives Lebensbild, wirkt gegen die Tristesse. Auch die Volkshochschule kam vor kurzem direkt in den Kiez und bietet Kurse „vor Ort“ an.

Die Vernetzung der Generationen, Kulturen, Vorstellungen und Geschlechter ist ein mühseliger Akt. Arbeit, Beschäftigung und Qualifizierung sind rare Güter. Der Jobkiosk unterstützt seit Oktober 2010 Arbeitslose, mit den Auflagen der Jobcenter umgehen zu lernen, gibt Tipps beim Schreiben von Bewerbungen. Ein großes Schaufenster und die fast stets offene Tür wecken Vertrauen. Über eine Ausbildungsplatzbörse sollen Arbeitssuchende und Anbieter von Arbeitsplätzen zusammengeführt werden.

Im Quartier selbst gibt es immer wieder Führungen, bei denen sich Interessierte mit ihrem Kiez auseinandersetzen. Anwohner hatten vor einiger Zeit angefangen, sich selbst um das Hundekot-Problem zu kümmern. Eine Aktion, die natürlich die Kommunikation fördert – natürlich nur mit denen, die ein Interesse daran haben. Es geht darum Präsenz zu zeigen, nicht den anderen kritiklos das Feld zu überlassen.

Daneben gibt es ein Vielzahl weiterer Initiativen, die zeigen, dass der Kiez aus sich heraus gestaltend wirken kann – mit der entsprechenden Unterstützung. In diesem Jahr wurde es kurzzeitig kritisch, weil die Finanzierung aus dem Topf „Soziale Stadt“ Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnte. Das Land Berlin sprang glücklicherweise „in die Bresche“. Hoffentlich nicht nur, weil Wahlen anstanden.

 

Ralf Salecker

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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