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Bombentreffer auf der Lanke Werft

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 3

Kai-Anlagen der Lanke-Werft 1943

Kai-Anlagen der Lanke-Werft 1943

Die Bomber griffen jetzt in immer größeren Pulks an. Das tiefe Gebrumme der Britischen Blenheim-, Halifax- oder Lancaster-Bomber erfüllte manchmal den ganzen Himmel. Wenn sich das Ganze mal nicht direkt über uns abspielte durften wir auch mal einen Blick nach draußen werfen. Wobei man immer darauf achten musste, dass man immer überdacht stand, oder wie die Luftschutzwarte, einen Stahlhelm trug. Denn die größte Gefahr beim Aufenthalt im Freien waren die rumfliegenden Granatsplitter der Flakgranaten.

Ansonsten bot der Himmel immer ein riesiges Feuerwerk. Man sah die sog. „Weihnachtsbäume“, das waren Bündel von Leuchtkugeln mit denen die Vorhut Bombardierungsgebiete für die nachfolgenden Maschinen absteckte, Scheinwerfer suchten den Himmel ab und dazwischen die Mündungsfeuer der Flak und die Leuchtspur der 2 cm Schnellfeuer-Vierlings Flak. Die Luft war außerdem erfüllt mit einem gewaltigen Schlachtenlärm. Für uns, d. h. für die Bewohner unseres Hauses wurden die nächtlichen Angriffe beinahe zur Routine.

Geweckt von der Sirene zog man sich, noch schlaftrunken, notdürftig an, schnappte sich den Notfallkoffer und dann ab in den Keller. Dann setzte auch schon der Flakbeschuss ein und die ersten Bomben pfiffen durch die Luft. Wir konnten von Glück sagen, dass die Lanke Werft, trotzdem sie ja als Bombenziel interessant war, zwar etliche Bombentreffer erhielt aber immer weiter produzieren konnte.

Auch unser Wohnhaus erhielt, Gott sei Dank, nur Brandbombentreffer, die aber von der Luftschutzwache immer rechtzeitig gelöscht werden konnte. Den größten Schaden auf der Werft richtete der Treffer einer Luftmine an. Zu dem Begriff „Luftmine“ muss folgendes gesagt werden.: Es waren sehr große Bomben mit mindestens 500 kg Sprengstoff. Die Zünder waren so eingestellt, dass die Bombe nicht erst in der Erde sondern bereits kurz vor dem Aufschlag explodierte. Sie hinterließ dadurch keinen großen Trichter, entwickelte aber eine sehr große Druckwelle, die noch in ca. 1000 m Entfernung ihre Wirkung zeigte.

Ich kann mich an diesen Angriff noch genau erinnern. Die Mine traf die hintere Slip Anlage der Werft, also ca. 250 m von unserem Luftschutzkeller entfernt. Wie immer, wenn wir das Pfeifen einer Bombe hörten lagen wir bereits auf dem Boden. Es setzte ein unbeschreibliches Grollen, Pfeifen und prasseln ein, die Erde bebte, das Licht ging aus und alles war mit dichtem Staub erfüllt.

Trotzdem kein Gebäude der Werft direkt getroffen wurde ging doch ziemlich viel zu Bruch. Die Fenster sind teilweise mit Rahmen rausgeflogen, Türen waren eingedrückt. Balken, Transportkisten und anderes Arbeitsmaterial waren über den ganzen Werft Hof verstreut. Ein großes Trümmerfeld. In unseren Wohnungen waren natürlich auch keine Fensterscheiben mehr ganz, Putz war von den Wänden gefallen und lag teilweise auf den Betten. Um noch ein paar Stunden zu schlafen musste erst einiges aufräumt werden.

Bomben dieses Kalibers hat die Werft nicht mehr abbekommen, für kleinere Sprengbomben und Brandbomben waren wir aber immer noch ein lohnendes Ziel.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 3 von 5

Vier Familien überstehen mit viel Glück die ersten Angriffe gemeinsam in einer Wohnung

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 2

Volksempfänger ve301w, Baujahr 1939 (Hihiman)

Volksempfänger ve301w, Baujahr 1939 (Hihiman)

Später installierte man im Rundfunk eine Einrichtung, die nannte sich „Luftlagemeldung“. Diese Durchsage kam nach jeder Nachrichtensendung. Brenzlig wurde es für uns, wenn dort hieß: „Schwere Bomberverbände im Anflug auf Nordwestdeutschland“. Wir wussten dann, dass entweder Hamburg oder Berlin „Maß genommen“ wird.

Hieß es dann später: „Schwere Bomberverbände im Raum Hannover Braunschweig“, dann wussten wir, dass Berlin das Ziel war. Das funktionierte natürlich nur in den Abendstunden oder auch später am Tage. Nachts wurde man von der Luftschutzsirene aus dem Schlaf gerissen, oder wenn man die Sirene nicht gehört hatte, von den Nachbarn geweckt. Das notdürftige Anziehen und greifen des Notfall-Koffers, hier waren immer die wichtigsten Papiere drin, musste dann innerhalb von Minuten geschehen. Es setzte dann schon das Flakfeuer ein.

Der erste schwerere Angriff, der unsere Gegend erreichte und an den ich mich gut erinnern kann, war der 1. März 1942. Unser erster Luftschutzkeller unter dem Haus war noch nicht fertig, wir mussten also in den Wohnungen bleiben. Da ja geteiltes Leid bekanntlich halbes Leid ist, versammelten sich die vier Familien, die das Haus bewohnten in einem Raum des Hauses. Es heulte und knallte und zwischendurch die Detonationen der Flakabwehr. Wie lange der Angriff gedauert hat kann ich heut nicht mehr sagen, man hat in der Gefahr kein Zeitgefühl. Jedenfalls kauerten wir uns auf den Fußboden und warteten buchstäblich, dass uns die Decke auf den Kopf fällt.

Dass wir diesen Angriff heil überstanden haben und dass sogar die Fensterscheiben überwiegend ganz geblieben sind haben wir dem Umstand zu verdanken, dass bei den ersten Angriffen noch nicht die schweren Sprengbomben und Luftminen eingesetzt wurden, sondern überwiegend Stabbrandbomben. Diese Brandbomben waren sechseckig, ca. 60 cm lang und hatten einen Durchmesser von ca. 5cm (alles nur geschätzt). Beim Aufschlag versprühten sie brennendes Magnesium und setzten die Umgebung in Brand. Wenn man schnell zur Stelle war konnte man sie noch löschen, allerdings nur mit Sand, Wasser war wirkungslos.

Die Werft und auch unser Wohnhaus bekamen an diesem 1. März etliche von diesen Brandbomben ab, die aber sämtlich von der Luftschutzwache gelöscht werden konnten. Trotzdem sind aber in unserer Nähe, in der Siedlung Weinmeisterhorn und Weinmeistergrund zwei Häuser abgebrannt. Unser erster Luftschutzkeller unter dem Haus, musste also schnellstens fertiggestellt werden. Fertigstellen hieß, er musste luftschutzmäßig hergerichtet werden.

Es wurden Holzbalken zur Unterstützung der Kellerdecke eingesetzt, Löschutensilien wurden deponiert. Dazu gehörten: ein Sandkasten, Wasserbehälter, eine Feuerpatsche und ein Einreißhaken. Auch ein großer Verbandskasten wurde an der Wand befestigt. Wenn ich mir heute die Statik dieses Kellers vor Augen führe so kann ich nur sagen, dass wir Glück hatten dass unser Haus nicht von schweren Bomben direkt getroffen wurde. Der Keller war weder bombensicher noch hätte er die Last des einstürzenden Hauses getragen, außerdem war er eine Mausefalle denn einen zweiten Ausgang gab es nicht. In diesem Keller haben wir die schweren Angriffe 1942/43 überlebt.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 2 von 5

Ein Berliner Junge erlebt die schweren Luftangriffe auf Berlin-Spandau

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 1

Geboren bin ich 1934, als im Kriege die Luftangriffe auf Deutschland und damit auch auf Berlin begannen war ich 8 Jahre alt. Es war also das Jahr 1942. Erlebt habe ich dies alles in Berlin-Spandau, Scharfe Lanke auf der damaligen Lanke Werft.

Spandau, Haveldüne 1941

Spandau, Haveldüne 1941

Meine Mutter arbeitete dort als Buchhalterin und wir hatten auf der Werft eine Werkwohnung. Das wir in unserer relativ ruhigen und grünen Gegend von den Alliierten dermaßen mit Bomben „bepflastert“ wurden ist uns erst nach dem Kriege bewusst geworden.

Meinem Vater, der nach dem Kriege bei den Engländern auf dem Flugplatz Gatow arbeitete, fiel eine Angriffskarte der Royal-Air Force (RAF) in die Hände. Auf dieser Karte war die Lanke Werft als Rüstungsbetrieb markiert. Der Hintergrund hierfür war folgender: die Lanke Werft, der damalige Besitzer hieß Hugo Reinicke, baute für die Kriegsmarine Pinassen und Barkassen und gegen Kriegsende auch noch Sprengboote für die K-Verbände. Dies Alles wurde von den Alliierten als Rüstungsproduktion angesehen.

Ende 1941 fingen die Angriffe relativ harmlos an und wurden von der Bevölkerung quasi als Feuerwerk zur Volksbelustigung angesehen. Zumal der Reichsluftfahrtsminister Herrmann Göring lautstark verkündet hatte, wenn eine feindliche Maschine die Reichshauptstadt erreicht, wolle er „Meyer“ heißen. Da die Realität aber anders verlief, hieß er fortan „Herrmann Meyer“, jedenfalls wurde er nur noch so genannt.

Wie wir aber wissen wurde aus dem „Feuerwerk“ sehr schnell blutiger Ernst, dem ca. 500.000 Deutsche, hauptsächlich Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Ende 1941und auch noch Anfang 1942 kamen noch nicht die großen „Bomberverbände“ wie sie genannt wurden, sondern es waren einzelne Maschinen. Diese wurden von der zum Anfang des Krieges noch sehr massiven Flak-Abwehr erfasst und meistens auch abgeschossen.

Zu bemerken wäre hierzu, dass unsere Abwehr hauptsächlich aus der 8,8 Flak (Fliegerabwehrkanone) bestand. Diese „8,8“ war das Standardgeschütz der Wehrmacht, es wurde auch im Erdkampf zur Panzerabwehr eingesetzt. Diese Flak hatte ein sehr hochfrequentes Detonationsgeräusch und war sehr gut von den mehr dumpfen Bombeneinschlägen zu unterscheiden.

Wie bereits erwähnt konnte man zum Anfang des Bombenkrieges dieses Schauspiel noch relativ gefahrlos beobachten. Ich kann mich erinnern, dass ich mit den Männern der Luftschutzwache unser Dach besteigen durfte um das Geschehen am Himmel zu beobachten. Am Himmel, im Schnittpunkt der Scheinwerferstrahlen, sah man silberglänzend ein Flugzeug.

Über die Höhe kann ich nichts sagen, aber aus der heutigen Literatur weiß ich, dass die Angriffshöhe der Bomber immer ca. 3000 m war. Um dieses Flugzeug herum sah man die weißen Wölkchen der detonierenden Flakgranaten. Bis man durch ein helles Aufleuchten erkannte, dass ein Treffer erzielt wurde. Die Scheinwerfer erloschen dann oder suchten sich ein anderes Ziel.

Mit diesem Schauspiel war es aber bald vorbei als die Bomber in größeren Pulks anflogen. Das Spiel der Flakscheinwerfer konnten wir besonders gut beobachten da sich in unserer unmittelbaren Nähe, oben auf der Weinmeisterhöhe, eine Scheinwerferstellung mit 2 Scheinwerfern befand. Zuerst trafen uns die Angriffe überraschend, aber man hatte sich schon ein Gespür angeeignet, die Erwachsenen sagten dann immer: heute kommen sie wieder. Bei besonders hellen Nächten habe ich heute noch, nach ca. 70 Jahren, das „erwartungsvolle“ Kribbeln auf der Haut.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 1 von 5

Erkundung der Wehrtechnische-Fakultät im Grunewald

Die Geheimnisse des Teufelsbergs

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1946 – Teil 2

Charlottenburg-Wilmersdorf, der Teufelsberg im Grunewald mit Radarstation

Charlottenburg-Wilmersdorf, der Teufelsberg im Grunewald mit Radarstation - Foto: Ralf Salecker

Es begann also unser erster Erkundungsgang. Nach Dem Betreten des Gebäudes umfing uns eine schummrige Atmosphäre, nur durch die Fensteröffnungen fiel etwas Sonnenlicht ein. Alles war nur grauer, roh gegossener Beton. Steine und anderer Bauschutt lagen herum. Jeder Schritt wirbelte Staubwolken auf. Die Aufgänge im Treppenhaus waren nur schräge Betonflächen ohne Stufen. Treppengeländer waren nicht vorhanden.

Es war also schon ein gefährliches Unternehmen, nur dass wir uns damals der Gefahr nicht bewusst waren. Stockwerk um Stockwerk wurde erkundet, kleinere und größere Säle entdeckten wir. Die größeren Säle sollten bestimmt einmal als Hörsäle fungieren. Aber überall das gleiche Bild: Bauschutt mit einer dicken Staubschicht bedeckt.

Als Überbleibsel des Krieges fanden wir eigenartigerweise auch noch deutsche Gewehrpatronen, vielleicht hatten sich hier während der Endkämpfe Soldaten verschanzt. In einem der Räume entdeckten wir Papiersäcke mit farbigen Glassteinchen. Die Säcke waren aufgerissen und die bunten Steinchen waren auf dem Betonboden verstreut. Es handelte sich um ca. 20 x 30 mm große farbige Mosaikteilchen, vorherrschend waren die Farben gold, rot, schwarz und weiß. Die Bedeutung dieser Mosaikteilchen sollte uns bei weiteren Erkundungen noch bewusst werden.

Nachdem wir uns die Hosentaschen mit diesen Glassteinchen vollgestopft hatten setzten wir unseren Rundgang fort. Neues gab es aber nicht mehr zu entdecken, überall nur grauer staubiger Beton. Wir traten den Rückweg an und befanden uns wieder im Erdgeschoss. Es blieb nur noch das Untergeschoss bzw. der Keller. Die Treppenschrägen setzten sich nach unten fort und endeten irgendwo im Dunkeln.

Wir tasteten uns noch eine Etage nach unten und standen ziemlich im Dustern, wie wir Berliner sagen. Unsere Taschenlampe war am Ende und wir trauten uns nicht weiter. Steine, die wir in den Treppenschacht warfen brauchten einige Zeit bis zum Aufschlag. Wir vermuteten, dass es noch weitere Untergeschosse gab. Aber um hier weiter vorzudringen fehlte uns doch der Mut. Der Rückzug war angesagt und nach kurzer Zeit standen wir wieder vor dem Gebäude.

Nach der langen Zeit in der Dämmerung des Gebäudes, empfanden wir das Sonnenlicht jetzt besonders hell. Wie ich eingangs erwähnte befand sich an der Innenseite des Gebäudes ein Arkadengang, der sich bestimmt mal über den ganzen Hof erstrecken sollte. Als wir zur Decke der Arkaden blickten war uns der Verwendungszweck der gefundenen Mosaiksteinchen klar: an der Decke befand sich ein farbiges Mosaik. Noch nicht fertig aber es war schon einiges zu erkennen. Dargestellt waren Hakenkreuze, Adler und andere nationalsozialistische Symbole, genaues kann ich aber nicht mehr beschreiben.

Damit war unsere erste Erkundung der „Wehrtechnischen Fakultät“ beendet und wir traten hungrig und etwas verstaubt den Rückzug nach Pichelsdorf an. Wir haben diese Ausflüge noch einige Male wiederholt, bis das Interesse so im Jahre 1947 erlahmte und wir uns anderen „Abenteuern“ zuwandten.

Ab 1951 wurden hier die Trümmer der ehemaligen Reichshauptstadt bis zu einer Höhe von 115 Metern aufgeschichtet und damit die „Wehrtechnische-Fakultät“ begraben. Erst in späteren Jahren als ich mit meiner Frau Wanderungen durch den Grunewald und über den Teufelsberg unternahm fiel mir ein, dass sich ja unter diesem „Hügel“ noch Gebäude befinden müssen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass man sich damals die Mühe gemacht hat diesen Betonklotz abzureißen.

Ein sog. Berliner Heimatforscher, dem ich mal diese Geschichte erzählt habe entgegnete mir skeptisch und wollte mir keinen Glauben schenken. Versichern kann ich nur, dass ich alles so erlebt habe und die Lage sich so darstellte. Die genaue Höhe und auch die äußeren Umrisse des Gebäudefragments können natürlich von meiner Schilderung abweichen, meine Erinnerungen sind immerhin 65 Jahre alt. Es gibt aber bestimmt noch genaue Pläne und Unterlagen. Der Teufelsberg hat sich so in die grüne Landschaft des Grunewalds eingefügt, dass ich heute eigenartiger Weise nicht mehr sagen kann unter welcher Stelle des Berges sich die Gebäudereste befinden.

Ein anderes angefangenes Bauvorhaben, dass auch mit der Planung der „Hochschulstadt-Berlin“ in Verbindung stand, aber heute überhaupt nicht mehr erwähnt wird ist die U-Bahn Verbindung dorthin. Geplant war eine U-Bahnlinie vom Theodor-Heuss-Platz (im Kriege noch Adolf-Hitler-Platz) über den Bahnhof Heerstraße zur Hochschulstadt. Auch diese angefangene Baustelle wurde bei Kriegsbeginn stillgelegt. Für diese U-Bahnlinie, die in offener Bauweise ausgeführt werden sollte, war vom Theodor-Heuss-Platz bis in Höhe des Bahnhof Heerstraße der Fahrschacht bereits ausgehoben und mit Stahlträgern gesichert.

Der Verlauf der Linie war, vom „Theo“ aus gesehen, links neben dem Gleiskörper der Straßenbahn. Da man bei Kriegsbeginn die Ausschachtung rechts und links mit einem Bauzaun sicherte, fuhr man während des ganzen Krieges vom „Adolf-Hitler-Platz“ bis zum Bahnhof Heerstraße mit der Straßenbahn an einer hohen Bretterwand vorbei. Erst nach dem Kriege schüttete man diese Baustelle wieder zu und brachte die Heerstraße wieder auf ihre ursprüngliche Breite.

In Spandau ging zu dieser Zeit das Gerücht um es handelt sich hier um die Anfänge einer, zu damaliger Zeit sehr herbei gewünschten, U-Bahnlinie nach Spandau.

Es gibt in Berlin einen Verein der sich mit den „Berliner Unterwelten“ beschäftigt. Vielleicht kommt diese Gruppe mal auf die Idee, die Geheimnisse des Teufelsbergs zu lüften.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende Teil 2 von 2

Von Spandau aus, über die zerstörte Freybrücke zur Wehrtechnischen Fakultät

Die Geheimnisse des Teufelsbergs

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1946 – Teil 1

Freybrücke nach der Sprengung; Fotograf/Quelle unbekannt.

Freybrücke nach der Sprengung; Fotograf/Quelle unbekannt.

Jeder Berliner kennt den Teufelsberg mit der weithin sichtbaren, oben thronenden ehemaligen amerikanischen Radarstation. Er ist mit seinen 115 m zusammen mit dem Müggelberg, die höchste Erhebung Berlins. Entstanden ist dieser künstliche Berg aus dem Trümmerschutt des im 2. Weltkrieg zerbombten Berlins. Der Teufelsberg hat sich durch seine Begrünung seiner Umgebung angepasst, sodass man ihm heute seinen Ursprung nicht mehr ansieht. Die Wenigsten wissen, dass sich dort mal eine Skisprungschanze befand und dass hier sogar mal ein Ski-Weltcuprennen ausgetragen wurde.

In Berlin kursierte zu damaliger Zeit folgender Witz: Ein Berliner sagt zu einem Bayrischen Besucher: „Eure Berge sind zwar höher, aber unsere sind selbst gebaut!“

Als ich kürzlich das hochinteressante Buch „Hauptstadt der Spione“ las, in dem die Entstehung und die Geschichte der Amerikanischen Radarstation auf dem Teufelsberg beschrieben wurde fiel mir die folgende Begebenheit wieder ein. Zum besseren Verständnis, hier noch einige geschichtliche Hintergründe: Vor der Aufschichtung der ca. 12 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt befand sich hier, zwischen Heerstraße und Teufelssee, ein weitläufiges Gelände. Nach dem Willen Hitlers, sollte auf diesem Areal die sog.“Hochschulstadt Berlin“ entstehen. Mit der Planung wurde der spätere Rüstungs-Minister Albert Speer beauftragt, Speer war in den dreißiger Jahren noch Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt.

Das erste und auch einzige Gebäude das errichtet wurde bzw. errichtet werden sollte war die „Wehrtechnische-Fakultät“. Baubeginn war 1937, den Grundstein soll Hitler selbst gelegt haben. Der Kriegsbeginn 1939 unterbrach die Bautätigkeit und die Bauruine der „Wehrtechnischen Fakultät“, ein fünf- oder sechsstöckiger Betonklotz, überdauerte den Krieg. Soweit ich mich erinnern kann war es ein L-förmiges Gebäudefragment mit einem Arkadengang, ähnlich dem ehemaligen „Reichsluftfahrt-Ministerium“ in der Wilhelmstraße (heute Bundes-Finanzministerium).

Soweit die Vorgeschichte bzw. die Situation, wie sie sich nach Kriegsende 1945 dort darstellte. 1946 war ich 12 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern in Spandau-Pichelsdorf, in der Scharfen Lanke auf der Lanke-Werft (heute Marina-Lanke-Werft). Einige Freunde von mir, die quasi „über uns“, d.h. auf der Weinmeisterhöhe wohnten besuchten die Waldschule, die heute noch existiert und sich in der Nähe der Teufelssee-Chaussee befindet.

Auf ihrem Schulweg hatten sie die Bauruine der „Wehrtechnischen Fakultät“ von weitem schon immer beäugt, sich aber noch nicht so richtig ran getraut. Da sie wussten, dass ich für Abenteuer immer zu haben war, machten sie mir eines Tages den Vorschlag die Bauruine zu erkunden. Gesagt, getan, wir rüsteten unsere kleine „Expedition“ aus und zogen los. Der Ausdruck“ Ausrüsten“ ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, aber auf alle Fälle bewaffneten wir uns mit Stöckern und besorgten uns eine Taschenlampe.

Das wir unsere „Katschis“ (Katapulte) mitnahmen war natürlich selbstverständlich, wir wussten ja nicht was uns erwartet. Zu Fuß war dieser Weg dorthin zu lang, wir mussten die Straßenbahn benutzen. Unsere Jahrzehnte lange Spandauer Straßenbahn-Verbindung nach Berlin, die Linie 75, war 1946 noch unterbrochen, weil die Frey-Brücke noch zerstört war. Die Bahn fuhr nur von Hakenfelde bis Pichelsdorf, dann musste man über die schwankende Notbrücke laufen, die Britische Pioniere an der Nordseite der zerstörten Frey-Brücke errichtet hatten, um auf der anderen Seite der Havel in Richtung Zoo weiterzufahren.

Wir bestiegen also an der Frey-Brücke die Straßenbahn und fuhren bis zum Bhf.-Heerstraße. Nach einem kurzen Fußweg über die Teufelssee-Chaussee erreichten wir die besagte Bauruine. Ein Schlauer von uns hatte damals schon herausgefunden, dass es sich hier um die einmal geplante „Wehrtechnische-Fakultät“ handelte. Da uns dieses Wort zu monströs war, sprachen wir nur noch von der „Fakultät“, obgleich wir damals die Bedeutung dieses Begriffes überhaupt noch nicht verstanden hatten.

Da lag nun das besagte Bauwerk vor uns, ein grauer vier- oder fünfstöckiger Betonklotz mit vielen Fensterhöhlen. Auf der Innenhofseite befand sich am Gebäude ein Arkadengang. Da die Fakultät mal ein quadratischer Gebäudekomplex werden sollte, kann es sich bei dem was wir sahen und was halbwegs fertiggestellt war nur um einen Seitenflügel gehandelt haben. Der Rest des Baugeländes war mit Baumaterialien übersät, Baugruben und angefangene Fundamente waren zu erkennen. Soweit ich mich heute erinnern kann war das alles eine ziemliche „Klamottenwüste“.

 

Jörg Sonnabend

 

Ende Teil 1 von 2