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Ein Berliner Junge erlebt die schweren Luftangriffe auf Berlin-Spandau

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 1

Geboren bin ich 1934, als im Kriege die Luftangriffe auf Deutschland und damit auch auf Berlin begannen war ich 8 Jahre alt. Es war also das Jahr 1942. Erlebt habe ich dies alles in Berlin-Spandau, Scharfe Lanke auf der damaligen Lanke Werft.

Spandau, Haveldüne 1941

Spandau, Haveldüne 1941

Meine Mutter arbeitete dort als Buchhalterin und wir hatten auf der Werft eine Werkwohnung. Das wir in unserer relativ ruhigen und grünen Gegend von den Alliierten dermaßen mit Bomben „bepflastert“ wurden ist uns erst nach dem Kriege bewusst geworden.

Meinem Vater, der nach dem Kriege bei den Engländern auf dem Flugplatz Gatow arbeitete, fiel eine Angriffskarte der Royal-Air Force (RAF) in die Hände. Auf dieser Karte war die Lanke Werft als Rüstungsbetrieb markiert. Der Hintergrund hierfür war folgender: die Lanke Werft, der damalige Besitzer hieß Hugo Reinicke, baute für die Kriegsmarine Pinassen und Barkassen und gegen Kriegsende auch noch Sprengboote für die K-Verbände. Dies Alles wurde von den Alliierten als Rüstungsproduktion angesehen.

Ende 1941 fingen die Angriffe relativ harmlos an und wurden von der Bevölkerung quasi als Feuerwerk zur Volksbelustigung angesehen. Zumal der Reichsluftfahrtsminister Herrmann Göring lautstark verkündet hatte, wenn eine feindliche Maschine die Reichshauptstadt erreicht, wolle er „Meyer“ heißen. Da die Realität aber anders verlief, hieß er fortan „Herrmann Meyer“, jedenfalls wurde er nur noch so genannt.

Wie wir aber wissen wurde aus dem „Feuerwerk“ sehr schnell blutiger Ernst, dem ca. 500.000 Deutsche, hauptsächlich Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Ende 1941und auch noch Anfang 1942 kamen noch nicht die großen „Bomberverbände“ wie sie genannt wurden, sondern es waren einzelne Maschinen. Diese wurden von der zum Anfang des Krieges noch sehr massiven Flak-Abwehr erfasst und meistens auch abgeschossen.

Zu bemerken wäre hierzu, dass unsere Abwehr hauptsächlich aus der 8,8 Flak (Fliegerabwehrkanone) bestand. Diese „8,8“ war das Standardgeschütz der Wehrmacht, es wurde auch im Erdkampf zur Panzerabwehr eingesetzt. Diese Flak hatte ein sehr hochfrequentes Detonationsgeräusch und war sehr gut von den mehr dumpfen Bombeneinschlägen zu unterscheiden.

Wie bereits erwähnt konnte man zum Anfang des Bombenkrieges dieses Schauspiel noch relativ gefahrlos beobachten. Ich kann mich erinnern, dass ich mit den Männern der Luftschutzwache unser Dach besteigen durfte um das Geschehen am Himmel zu beobachten. Am Himmel, im Schnittpunkt der Scheinwerferstrahlen, sah man silberglänzend ein Flugzeug.

Über die Höhe kann ich nichts sagen, aber aus der heutigen Literatur weiß ich, dass die Angriffshöhe der Bomber immer ca. 3000 m war. Um dieses Flugzeug herum sah man die weißen Wölkchen der detonierenden Flakgranaten. Bis man durch ein helles Aufleuchten erkannte, dass ein Treffer erzielt wurde. Die Scheinwerfer erloschen dann oder suchten sich ein anderes Ziel.

Mit diesem Schauspiel war es aber bald vorbei als die Bomber in größeren Pulks anflogen. Das Spiel der Flakscheinwerfer konnten wir besonders gut beobachten da sich in unserer unmittelbaren Nähe, oben auf der Weinmeisterhöhe, eine Scheinwerferstellung mit 2 Scheinwerfern befand. Zuerst trafen uns die Angriffe überraschend, aber man hatte sich schon ein Gespür angeeignet, die Erwachsenen sagten dann immer: heute kommen sie wieder. Bei besonders hellen Nächten habe ich heute noch, nach ca. 70 Jahren, das „erwartungsvolle“ Kribbeln auf der Haut.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 1 von 5

Erkundung der Wehrtechnische-Fakultät im Grunewald

Die Geheimnisse des Teufelsbergs

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1946 – Teil 2

Charlottenburg-Wilmersdorf, der Teufelsberg im Grunewald mit Radarstation

Charlottenburg-Wilmersdorf, der Teufelsberg im Grunewald mit Radarstation - Foto: Ralf Salecker

Es begann also unser erster Erkundungsgang. Nach Dem Betreten des Gebäudes umfing uns eine schummrige Atmosphäre, nur durch die Fensteröffnungen fiel etwas Sonnenlicht ein. Alles war nur grauer, roh gegossener Beton. Steine und anderer Bauschutt lagen herum. Jeder Schritt wirbelte Staubwolken auf. Die Aufgänge im Treppenhaus waren nur schräge Betonflächen ohne Stufen. Treppengeländer waren nicht vorhanden.

Es war also schon ein gefährliches Unternehmen, nur dass wir uns damals der Gefahr nicht bewusst waren. Stockwerk um Stockwerk wurde erkundet, kleinere und größere Säle entdeckten wir. Die größeren Säle sollten bestimmt einmal als Hörsäle fungieren. Aber überall das gleiche Bild: Bauschutt mit einer dicken Staubschicht bedeckt.

Als Überbleibsel des Krieges fanden wir eigenartigerweise auch noch deutsche Gewehrpatronen, vielleicht hatten sich hier während der Endkämpfe Soldaten verschanzt. In einem der Räume entdeckten wir Papiersäcke mit farbigen Glassteinchen. Die Säcke waren aufgerissen und die bunten Steinchen waren auf dem Betonboden verstreut. Es handelte sich um ca. 20 x 30 mm große farbige Mosaikteilchen, vorherrschend waren die Farben gold, rot, schwarz und weiß. Die Bedeutung dieser Mosaikteilchen sollte uns bei weiteren Erkundungen noch bewusst werden.

Nachdem wir uns die Hosentaschen mit diesen Glassteinchen vollgestopft hatten setzten wir unseren Rundgang fort. Neues gab es aber nicht mehr zu entdecken, überall nur grauer staubiger Beton. Wir traten den Rückweg an und befanden uns wieder im Erdgeschoss. Es blieb nur noch das Untergeschoss bzw. der Keller. Die Treppenschrägen setzten sich nach unten fort und endeten irgendwo im Dunkeln.

Wir tasteten uns noch eine Etage nach unten und standen ziemlich im Dustern, wie wir Berliner sagen. Unsere Taschenlampe war am Ende und wir trauten uns nicht weiter. Steine, die wir in den Treppenschacht warfen brauchten einige Zeit bis zum Aufschlag. Wir vermuteten, dass es noch weitere Untergeschosse gab. Aber um hier weiter vorzudringen fehlte uns doch der Mut. Der Rückzug war angesagt und nach kurzer Zeit standen wir wieder vor dem Gebäude.

Nach der langen Zeit in der Dämmerung des Gebäudes, empfanden wir das Sonnenlicht jetzt besonders hell. Wie ich eingangs erwähnte befand sich an der Innenseite des Gebäudes ein Arkadengang, der sich bestimmt mal über den ganzen Hof erstrecken sollte. Als wir zur Decke der Arkaden blickten war uns der Verwendungszweck der gefundenen Mosaiksteinchen klar: an der Decke befand sich ein farbiges Mosaik. Noch nicht fertig aber es war schon einiges zu erkennen. Dargestellt waren Hakenkreuze, Adler und andere nationalsozialistische Symbole, genaues kann ich aber nicht mehr beschreiben.

Damit war unsere erste Erkundung der „Wehrtechnischen Fakultät“ beendet und wir traten hungrig und etwas verstaubt den Rückzug nach Pichelsdorf an. Wir haben diese Ausflüge noch einige Male wiederholt, bis das Interesse so im Jahre 1947 erlahmte und wir uns anderen „Abenteuern“ zuwandten.

Ab 1951 wurden hier die Trümmer der ehemaligen Reichshauptstadt bis zu einer Höhe von 115 Metern aufgeschichtet und damit die „Wehrtechnische-Fakultät“ begraben. Erst in späteren Jahren als ich mit meiner Frau Wanderungen durch den Grunewald und über den Teufelsberg unternahm fiel mir ein, dass sich ja unter diesem „Hügel“ noch Gebäude befinden müssen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass man sich damals die Mühe gemacht hat diesen Betonklotz abzureißen.

Ein sog. Berliner Heimatforscher, dem ich mal diese Geschichte erzählt habe entgegnete mir skeptisch und wollte mir keinen Glauben schenken. Versichern kann ich nur, dass ich alles so erlebt habe und die Lage sich so darstellte. Die genaue Höhe und auch die äußeren Umrisse des Gebäudefragments können natürlich von meiner Schilderung abweichen, meine Erinnerungen sind immerhin 65 Jahre alt. Es gibt aber bestimmt noch genaue Pläne und Unterlagen. Der Teufelsberg hat sich so in die grüne Landschaft des Grunewalds eingefügt, dass ich heute eigenartiger Weise nicht mehr sagen kann unter welcher Stelle des Berges sich die Gebäudereste befinden.

Ein anderes angefangenes Bauvorhaben, dass auch mit der Planung der „Hochschulstadt-Berlin“ in Verbindung stand, aber heute überhaupt nicht mehr erwähnt wird ist die U-Bahn Verbindung dorthin. Geplant war eine U-Bahnlinie vom Theodor-Heuss-Platz (im Kriege noch Adolf-Hitler-Platz) über den Bahnhof Heerstraße zur Hochschulstadt. Auch diese angefangene Baustelle wurde bei Kriegsbeginn stillgelegt. Für diese U-Bahnlinie, die in offener Bauweise ausgeführt werden sollte, war vom Theodor-Heuss-Platz bis in Höhe des Bahnhof Heerstraße der Fahrschacht bereits ausgehoben und mit Stahlträgern gesichert.

Der Verlauf der Linie war, vom „Theo“ aus gesehen, links neben dem Gleiskörper der Straßenbahn. Da man bei Kriegsbeginn die Ausschachtung rechts und links mit einem Bauzaun sicherte, fuhr man während des ganzen Krieges vom „Adolf-Hitler-Platz“ bis zum Bahnhof Heerstraße mit der Straßenbahn an einer hohen Bretterwand vorbei. Erst nach dem Kriege schüttete man diese Baustelle wieder zu und brachte die Heerstraße wieder auf ihre ursprüngliche Breite.

In Spandau ging zu dieser Zeit das Gerücht um es handelt sich hier um die Anfänge einer, zu damaliger Zeit sehr herbei gewünschten, U-Bahnlinie nach Spandau.

Es gibt in Berlin einen Verein der sich mit den „Berliner Unterwelten“ beschäftigt. Vielleicht kommt diese Gruppe mal auf die Idee, die Geheimnisse des Teufelsbergs zu lüften.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende Teil 2 von 2

Von Spandau aus, über die zerstörte Freybrücke zur Wehrtechnischen Fakultät

Die Geheimnisse des Teufelsbergs

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1946 – Teil 1

Freybrücke nach der Sprengung; Fotograf/Quelle unbekannt.

Freybrücke nach der Sprengung; Fotograf/Quelle unbekannt.

Jeder Berliner kennt den Teufelsberg mit der weithin sichtbaren, oben thronenden ehemaligen amerikanischen Radarstation. Er ist mit seinen 115 m zusammen mit dem Müggelberg, die höchste Erhebung Berlins. Entstanden ist dieser künstliche Berg aus dem Trümmerschutt des im 2. Weltkrieg zerbombten Berlins. Der Teufelsberg hat sich durch seine Begrünung seiner Umgebung angepasst, sodass man ihm heute seinen Ursprung nicht mehr ansieht. Die Wenigsten wissen, dass sich dort mal eine Skisprungschanze befand und dass hier sogar mal ein Ski-Weltcuprennen ausgetragen wurde.

In Berlin kursierte zu damaliger Zeit folgender Witz: Ein Berliner sagt zu einem Bayrischen Besucher: „Eure Berge sind zwar höher, aber unsere sind selbst gebaut!“

Als ich kürzlich das hochinteressante Buch „Hauptstadt der Spione“ las, in dem die Entstehung und die Geschichte der Amerikanischen Radarstation auf dem Teufelsberg beschrieben wurde fiel mir die folgende Begebenheit wieder ein. Zum besseren Verständnis, hier noch einige geschichtliche Hintergründe: Vor der Aufschichtung der ca. 12 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt befand sich hier, zwischen Heerstraße und Teufelssee, ein weitläufiges Gelände. Nach dem Willen Hitlers, sollte auf diesem Areal die sog.“Hochschulstadt Berlin“ entstehen. Mit der Planung wurde der spätere Rüstungs-Minister Albert Speer beauftragt, Speer war in den dreißiger Jahren noch Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt.

Das erste und auch einzige Gebäude das errichtet wurde bzw. errichtet werden sollte war die „Wehrtechnische-Fakultät“. Baubeginn war 1937, den Grundstein soll Hitler selbst gelegt haben. Der Kriegsbeginn 1939 unterbrach die Bautätigkeit und die Bauruine der „Wehrtechnischen Fakultät“, ein fünf- oder sechsstöckiger Betonklotz, überdauerte den Krieg. Soweit ich mich erinnern kann war es ein L-förmiges Gebäudefragment mit einem Arkadengang, ähnlich dem ehemaligen „Reichsluftfahrt-Ministerium“ in der Wilhelmstraße (heute Bundes-Finanzministerium).

Soweit die Vorgeschichte bzw. die Situation, wie sie sich nach Kriegsende 1945 dort darstellte. 1946 war ich 12 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern in Spandau-Pichelsdorf, in der Scharfen Lanke auf der Lanke-Werft (heute Marina-Lanke-Werft). Einige Freunde von mir, die quasi „über uns“, d.h. auf der Weinmeisterhöhe wohnten besuchten die Waldschule, die heute noch existiert und sich in der Nähe der Teufelssee-Chaussee befindet.

Auf ihrem Schulweg hatten sie die Bauruine der „Wehrtechnischen Fakultät“ von weitem schon immer beäugt, sich aber noch nicht so richtig ran getraut. Da sie wussten, dass ich für Abenteuer immer zu haben war, machten sie mir eines Tages den Vorschlag die Bauruine zu erkunden. Gesagt, getan, wir rüsteten unsere kleine „Expedition“ aus und zogen los. Der Ausdruck“ Ausrüsten“ ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, aber auf alle Fälle bewaffneten wir uns mit Stöckern und besorgten uns eine Taschenlampe.

Das wir unsere „Katschis“ (Katapulte) mitnahmen war natürlich selbstverständlich, wir wussten ja nicht was uns erwartet. Zu Fuß war dieser Weg dorthin zu lang, wir mussten die Straßenbahn benutzen. Unsere Jahrzehnte lange Spandauer Straßenbahn-Verbindung nach Berlin, die Linie 75, war 1946 noch unterbrochen, weil die Frey-Brücke noch zerstört war. Die Bahn fuhr nur von Hakenfelde bis Pichelsdorf, dann musste man über die schwankende Notbrücke laufen, die Britische Pioniere an der Nordseite der zerstörten Frey-Brücke errichtet hatten, um auf der anderen Seite der Havel in Richtung Zoo weiterzufahren.

Wir bestiegen also an der Frey-Brücke die Straßenbahn und fuhren bis zum Bhf.-Heerstraße. Nach einem kurzen Fußweg über die Teufelssee-Chaussee erreichten wir die besagte Bauruine. Ein Schlauer von uns hatte damals schon herausgefunden, dass es sich hier um die einmal geplante „Wehrtechnische-Fakultät“ handelte. Da uns dieses Wort zu monströs war, sprachen wir nur noch von der „Fakultät“, obgleich wir damals die Bedeutung dieses Begriffes überhaupt noch nicht verstanden hatten.

Da lag nun das besagte Bauwerk vor uns, ein grauer vier- oder fünfstöckiger Betonklotz mit vielen Fensterhöhlen. Auf der Innenhofseite befand sich am Gebäude ein Arkadengang. Da die Fakultät mal ein quadratischer Gebäudekomplex werden sollte, kann es sich bei dem was wir sahen und was halbwegs fertiggestellt war nur um einen Seitenflügel gehandelt haben. Der Rest des Baugeländes war mit Baumaterialien übersät, Baugruben und angefangene Fundamente waren zu erkennen. Soweit ich mich heute erinnern kann war das alles eine ziemliche „Klamottenwüste“.

 

Jörg Sonnabend

 

Ende Teil 1 von 2

 

Nur Weihnachtsbäume kamen nicht mit der Luftbrücke

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 12

Short Sunderland excc

Short Sunderland excc

Aber weiter zu den Hilfen der Westalliierten, so haben sie z. B. über Jahre hinweg die Schulspeisung ermöglicht. Die Engländer haben Weihnachten 1948, also während der Blockade, für die Kinder der bei ihnen Beschäftigten eine große Weihnachtsfeier veranstaltet, mit allen Köstlichkeiten die man sich als Kind damals erträumen konnte. Die Amerikaner richteten, während Blockade auf der Großen-Badewiese in Hohengatow, ein Zeltlager für Spandauer Schulklassen ein.

Mehrere Klassen konnten immer gleichzeitig das Zeltlager, oder Camp wie die Amis sagten, für 14 Tage belegen. Auch meine Klasse (9. und Abschlussklasse) bezog im September 48 für 2 Wochen dieses Zeltlager. Begleitet wurden wir von unserem Rektor Herrn Hofschläger. Die Unterbringung erfolgte in Amerikanischen Armeezelten zu je 10 Mann. Wir schliefen in Feldbetten, die direkt auf der Wiese standen denn die Zelte hatten keinen Boden. Jeder bekam 2 Decken und einen Schlafsack aus Krepppapier der aussah wie eine Zementtüte. Wir weigerten uns in diese „Tüten“ zu kriechen und schliefen in der ersten Nacht nur mit den Decken, und haben fürchterlich gefroren.

In der 2. Nacht haben wir diese Tüten dann doch benutzt und wohlig und warm geschlafen.

Papier wärmt eben doch, die Armee wird das ausprobiert haben. Da wir direkt am Wasser lagen, fand unsere morgendliche Wäsche in der Havel statt. Im Hintergrund landeten die Britischen Sunderland-Flugboote der Luftbrücke. Die Verpflegung war für Nachkriegsverhältnisse hervorragend. Mittags gab es zwar meistens Eintopfgerichte, aber immer mit viel Fleisch. Morgens und abends konnten wir uns ein Stapel Stullen im Verpflegungszelt abholen. Als Getränk war Coca-Cola angesagt, mit der uns die Amis reichlich versorgten.

Die Tage verbrachten wir mit Sport und Spiel, abends wurden im Gemeinschaftszelt Filme, meistens Zeichentrickfilme, gezeigt. Hier machte ich meine erste Bekanntschaft mit Mickey-Mouse und dem Spinat essenden Seemann. Wir alle haben diesen Aufenthalt genossen, war er doch ein Lichtblick in dieser immer noch von Mängeln beherrschten Zeit. Das Jahr 48 ging ohne weitere Höhepunkte dahin, die Luftbrücke ging weiter und wir staunten, was man alles in einem Flugzeug transportieren kann. So wurde z.B. der komplette Turbinensatz für das neue Kraftwerk-West (später Kraftwerk-Reuter) in Einzelteilen eingeflogen, um hier montiert zu werden. Dieses Kraftwerk musste unbedingt errichtet werden um in Westberlin eine eigne Stromversorgung aufzubauen.

Das anstehende Weihnachtsfest brachte für mich eine zusätzliche Einnahmequelle. Da es so gut wie keine Weihnachtsbäume gab, musste der am Ende der Scharfen-Lanke liegende Wald, der damals noch eingezäunt und bewacht war, als Lieferant herhalten. Im Bekanntenkreis, zu dem auch Kollegen meines Vaters gehörten, machte ich etwas Propaganda und nahm Bestellungen entgegen. Da ich pro Abend immer nur eine Tanne besorgen konnte zog sich die Aktion etwas hin. Wenn ein Abnehmer da war, zog ich abends, bewaffnet mit einer Säge, los. Da wir immer wussten wie man durch diesen Zaun kommen konnte, war das Reinkommen kein Problem. Die Tanne, die ich mir am Tage schon ausgesucht hatte wurde angepeilt, der Rest der Arbeit wurde möglichst lautlos erledigt und dann schnell wieder weg. Am nächsten Tage dann erfolgte die Auslieferung.

Ich glaube 10 Weihnachtsbäume habe ich so an den Mann gebracht und pro Baum 4 Deutsche Mark kassiert. Wie gesagt, konnte man sich während der Blockade noch nicht allzu viel dafür kaufen, aber irgendwelche Quellen für Süßigkeiten und benötigte Fahrradteile gab es immer. Heute hört sich dies alles etwas kriminell an, aber in dieser schweren Zeit musste jeder sehen wo er bleibt, keiner hat sich etwas dabei gedacht und der Wald hat alles gut überstanden. Da wir gerade von Geld sprachen, das Hartgeld war äußerst knapp. Es gab daher Geldscheine für 2 DM, 1 DM, 50 Pfg. und 10 Pfg.

Es kam das Jahr 1949 und viele Ereignisse standen an. Am wichtigsten für Berlin war das Ende der Blockade. Am 12. Mai rollten die ersten LKWs und Busse wieder über die Autobahn nach Berlin, sie wurden von den Berlinern mit Jubel und Blumen empfangen. Zur Sicherheit wurde die Luftbrücke aber noch einige Zeit aufrechterhalten. Die Zeiten wurden jedenfalls besser, nach und nach wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft und man konnte beinahe alles schon wieder kaufen, sofern man das nötige Geld hatte.

Nur Volksschule …?

Das zweite wichtige Ereignis im Jahre 1949 war im Juli unsere Entlassung aus der Schule. Wir waren nach Einführung des 9. Schuljahres für Volksschulen in Berlin, der erste Jahrgang der die 9. Klasse absolvierte, also aus der neunten Klasse entlassen wurde. Wenn jetzt hier einer abfällig denkt: „nur Volksschule besucht“, dann möchte ich mal hier eine Lanze für diese unsere alte Schule brechen. Wir hatten sehr engagierte Lehrer, die uns eine Fülle von Wissen und Allgemeinwissen mitgegeben haben, von denen ein heutiger Hauptschüler (wenn man die Volksschule mit der Hauptschule vergleicht) nur träumen kann. Wir haben z.B. im Deutschunterricht Deutsche Dichter besprochen, Gedichte gelernt und Theaterstücke gelesen. Im Rahmen des Theaters für Schulen, das damals gerade ins Leben gerufen wurde, haben wir Aufführungen besucht. Wir hatten ausführlichen Geschichtsunterricht, Mathematik, Physik und in den letzten 2 Jahren Englisch. Unser Lehrer hat uns an klassische Musik rangeführt und mit uns Opernaufführungen besucht. Heute kann ein Hauptschüler nicht mal seinen Namen vernünftig schreiben. Bedenken muss man noch, dass die Umstände unter denen im Kriege und nach dem Kriege der Unterricht stattfand, doch teilweise sehr primitiv und mit Mängeln behaftet war. Mir war es nicht vergönnt, bedingt durch Kriegs und Nachkriegswirren und auch einer überforderten Mutter eine Oberschule zu besuchen.

Nach Absolvierung einer Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG, machte ich im Rahmen des 2.Bildungsweges (wie es damals hieß) an der „Staatlichen Ingenieurschule Beuth“ meinen Fachschulingenieur, aber die Grundlage meines Wissens habe ich in der damaligen Volksschule erworben. Da einem mit zunehmendem Alter die frühen Ereignisse immer klarer ins Gedächtnis kommen, war es für mich ein Bedürfnis dies alles einmal zu Papier zu bringen. Wenn auch von meiner damaligen Clique leider schon viele nicht mehr leben möchte ich ihnen doch zurufen: Es war eine harte, entbehrungsreiche aber für uns Jungs auch eine abenteuerliche Zeit.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende von Teil 12 – Schluss

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

Die Kirschen in Nachbars Garten …

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 11

Die Kirschen in Nachbars Garten: Franz Völker, Tenor Opernhaus Frankfurt a. M. mit Orchesterbegleitung  als Youtube-Video
Eine Schulaufführung mit Folgen …

Kirschen in Nachbars Garten ...

Kirschen in Nachbars Garten ...

Mit Turngeräten und Decken, die irgendwie jeder von zu Hause mitbrachte, bauten wir uns eine Bühne und ein Bühnenbild. Da wir auch noch andere Sachen für die Bühnendekoration besorgt hatten und wir ja immer noch in einer Zeit lebten wo jeder alles gebrauchen konnte, mussten wir die Turnhalle bewachen. Also beschlossen wir eine Nachtwache einzurichten. Abwechselnd sollten jeweils 3 Jungs, bis zur Aufführung, in der Turnhalle nächtigen und so unsere „Schätze“ bewachen. Die jeweiligen „Nachtwächter“ waren dann am nächsten Tag vom Unterricht befreit um sich auszuschlafen. Auch ich war einmal zu einer Nachtwache eingeteilt und da sich bei uns Langeweile einstellte hatte ich wieder einmal eine blendende Idee. Auf meinem Schulweg hatte ich beobachtet, dass sich in einem Garten in der Nähe des Südparks, gegenüber des ehemaligen Strandbades, ein Garten mit herrlich roten Kirschen befand.

Kurz entschlossen, sagte ich: “Jungs die Nacht wird langweilig und Hunger kriegen wir auch, wir holen uns Kirschen“! Zwei Mann zogen also los, einer musste ja als Wachposten vor Ort bleiben. Als Behälter nahmen wir eine Aktentasche mit, die zwischen den Theaterutensilien lag. Der Gartenzaun war für uns kein Hindernis, wir also rüber und die Aktentasche mit Kirschen gefüllt. Auf einmal fing in ziemlicher Nähe ein Hund gefährlich an zu bellen. Wir runter vom Baum, über den Zaun und zurück zur Schule. In der Turnhalle stellten wir mit Schrecken fest, wir haben die Aktentasche im Garten vergessen. Unser Schreck wurde noch größer, als jemand feststellte dass die Tasche unserem Lehrer gehörte. Zwei Mann mussten also nochmals losziehen um die Tasche zu holen.

Ich war Gott sei Dank nicht dabei, so mutig war ich nun auch wieder nicht. Es lief aber alles glatt, der Hund hatte sich scheinbar verzogen, die Jungs kamen mit Tasche und Kirschen zurück und wir spuckten für den Rest der Nacht Kirschkerne auf den Schulhof. Dieses Ereignis war für mich so prägend, dass ich mich noch heute gern daran erinnere. Die Theateraufführung war übrigens ein voller Erfolg, wir mussten das Stück im Beisein des Schulrates noch ein zweites Mal aufführen.

Das Jahr 48 wurde ansonsten weiter vom Mangel an Versorgungsgütern beherrscht. Die Flugzeuge der Luftbrücke zogen zwar weiter alle 2 bis 3 Minuten über unseren Köpfen hinweg, aber sie konnten uns nur mit dem Allernötigsten versorgen. Satt essen war immer noch nicht angesagt, es musste weiter improvisiert werden. Wir hatten jetzt die „harte D-Mark“ konnten aber noch nicht allzu viel damit anfangen. Es wurden zwar Waren auf irgendwelchen Wegen nach Berlin geschmuggelt, die man dann unter der Hand zu halbwegs normalen Preisen kaufen konnte, aber das war die Ausnahme.

Mein Vater z.B. trank für sein Leben gern Kaffee und er versuchte auch in den Mangeljahren immer wieder „echten“ Kaffee zu bekommen. Während der Blockade 1948 gab es also einige verschwiegene Geschäfte in denen man gegen D-Mark Kaffee in 50 oder 100 g Tüten kaufen konnte. Auf solchen verschlungenen Wegen bin ich 1948 endlich auch an neue Fahrradbereifung gekommen, hier hatte meine Mutter über die Lanke-Werft ihre Beziehungen spielen lassen.

Die Westalliierten und hier besonders die Amerikaner und Briten, haben in diesen schweren Nachkriegsjahren immer besonders viel für Kinder und Jugendliche getan. So haben die Engländer schon 1945 für den Britischen-Sektor die „Aktion.Storch“ ins Leben gerufen. Mit dieser Aktion wurden Berliner Schulkinder, um der Berliner Trümmerlandschaft zu entgehen, für ein Jahr auf Bauernhöfe in Ostfriesland untergebracht. Die Teilnahme war natürlich freiwillig und kostenlos. Der Transport wurde von den Engländern organisiert. Ich habe an dieser Aktion nicht teilgenommen, da ich erst 1944 im Rahmen der damaligen sog. „Kinderlandverschickung“ sieben Monate in der Slowakei zugebracht habe.

Jörg Sonnabend

Ende von Teil 11

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7