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Angriffsbefehl Napoleons auf Spandau ersteigert

Das historische Dokument hat früher niemanden im Bezirk interessiert

Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

1806 befahl Napoleon nach dem Sieg über Preußen den Angriff auf Spandau, sowie den Beschuss der Zitadelle. Die Original Handschrift des Kaisers mit Angriffsbefehl für General Bertrand konnte für rund 3000,- Euro von der Heimatkundlichen Vereinigung bei einer Versteigerung in Wien erworben werden. Ein passendes Weihnachtsgeschenk im 200ten Jubiläumsjahr der Befreiung Spandaus von den Franzosen. Vor einigen Jahren bot der ehemalige Besitzer das historische Dokument aus dem Nachlass des französischen Generals Bertrand in Spandau an. Damals wollte es niemand haben. Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr erhielt Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank eine Nachricht, in der er über die bevorstehende Versteigerung informiert wurde. Das Mindestgebot überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Bezirkes. Er fragte bei der Heimatkundlichen Vereinigung nach, ob diese nicht in der Lage wäre, das Schriftstück zu erwerben, schließlich geht es um ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Spandaus.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)

Karl-Heinz Bannasch, der Vorsitzende der Heimatkundler, ließ sich für diese Idee begeistern, deren Umsetzung aber wenig wahrscheinlich erschien, da allein die bloße Unterschrift Napoleons betuchte Sammler interessieren könnte. Für ein historisches Dokument dürften die Gebote schnell Preisregionen erreichen, die jenseits der Möglichkeiten der Heimatkundlichen Vereinigung liegen. Einen Versuch war es in jedem Fall wert. Das Glück war Spandau hold. Der Zuschlag erfolgte für das Mindestgebot.

Eine öffentliche Präsentation ist noch ungewiss

Nun stellte sich natürlich schnell die Frage ob und wann das Dokument der Spandauer Öffentlichkeit präsentiert werden solle. Auf diese Frage der anwesenden Journalisten gab es erst einmal keine Antwort. Bannasch betonte, das Dokument befinde sich nun im Besitz der Heimatkundlichen Vereinigung. Anders, als vergleichbare Vereine, müssten die Heimatkundler in Spandauer Geld für ihre Leistungen an den Bezirk bezahlen, so der 1. Vorsitzende…

1806 befahl Napoleon die Zerstörung der Festung Spandau

Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)

Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)

Die verlorene Doppelschlacht der Preußen gegen Frankreich bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 führte zur endgültigen Niederlage Preußens. König Friedrich Wilhelm III. forderte er von allen Festungskommandanten, dass sie ihre Stellungen aufs Äußerste zu verteidigen hätten. Er selbst entzog sich der Niederlage durch eine Flucht nach Ostpreußen.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Rückseite (Foto: Ralf Salecker)

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Rückseite (Foto: Ralf Salecker)

Berlin wurde am 14. Oktober durch französische Truppen besetzt. Der an General Henri-Gatien Bertrand gerichtete Befehl Napoleons ließ keinen Zweifel. Dieser sollte kurz vor Tagesanbruch am 25. Oktober die Stadt Spandau besetzen und sichern. Das tat er dann auch. Mit 100 Reitern stürmten die Franzosen durch das Potsdamer Tor bis zum Marktplatz. Bertrand wurde befohlen, die Einwohner der Stadt darüber zu befragen, was in den letzten 3-4 Tagen im Bereich der Festung geschehen sei. Napoleon wollte über jedes Detail informiert werden. Alle drei Stunden erwartete er den Bericht Bertrands. Dem General wurde ferner aufgetragen, die Geschütze auf die Zitadelle auszurichten und diese zu beschießen. Mit einem weiteren Teil der Truppen sollte der Weg nach Hennigsdorf ausgekundschaftet werden. Dort würde sich der General der Brigade Muhann am Morgen mit seiner Kavallerie versammeln. Dazu kamen noch weitere Truppen, die insgesamt eine vielfache Übermacht darstellten. Spandau wurde vollständig von feindlichen Truppen eingeschlossen.

Spandau ist eine Kloake

"Vue de Spandau" - Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)

„Vue de Spandau“ – Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)

Auf der Zitadelle befand sich eine bunt gemischte Besatzung von gerade einmal 900 Mann. 500 davon waren Invalide. Dem standen etwa 20.000 kampferprobte französische Soldaten gegenüber. Über den Ausgang eines Kampfes konnte folglich kein Zweifel bestehen. Erst nach der dritten Aufforderung entschloss sich der Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, zur Kapitulation.

Die Festung erschien ihm wegen ihres schlechten Bauzustandes nicht verteidigungsfähig. Zu dieser Zeit galt die Zitadelle eher als Staatsgefängnis. Die drohenden Geschütze an den Freiheitswiesen (also dort, wo heute Ikea steht) sowie am Oranienburger Tor ließen ihm keine Wahl.

Eine Weigerung hätte unweigerlich die Zerstörung der Zitadelle bedeutet. Kaiser Napoleon I. ritt am 26.10.1806 in Begleitung des Prinzen Murat und seiner Garde durch das Potsdamer Tor in die Stadt, die er angewidert als Kloake bezeichnete, und besichtigte anschließend die Zitadelle. Erstaunt über ihren desolaten Zustand ordnete er umgehend ihre Instandsetzung an. Benneckendorff hatte mit seiner Einschätzung also Recht. Noch am selben Tag reiste Napoleon weiter nach Berlin, wo er am 27. Oktober ankam. Dort wurde ihm zeremoniell der Stadtschlüssel von Berlin überreicht.

Besatzerlasten für die Spandauer Bevölkerung

Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)

Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)

Für die Spandauer Bevölkerung war das Leid mit der Niederlage nicht vorbei. In jede Wohnung wurden französische Soldaten einquartiert, die von den Bewohnern versorgt werden mussten. Oft nahmen sich die Besatzer von Händlern und Bewohnern was sie wollten – ohne zu bezahlen.

Bis 1808 musste Spandau die Besatzung erdulden. Am 27. November verlassen die letzten Franzosen gemäß den Vereinbarungen von Tilsit (7. Juli 1807) die Stadt, wenn auch mit einem Jahr Verspätung. Im Dezember zogen wieder preußische Truppen nach Spandau ein. Gouverneur von Spandau wurde Oberst von Thümen.

Der ehemalige Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, wurde 1808 von einem preußischen Gericht wegen seiner angeblichen „Feigheit“ zum Tode verurteilt. Seine Strafe wird auf Königliche Gnade in Festungshaft auf der Zitadelle umgewandelt. Damit erging es ihm besser als den Kommandanten zweier anderer Festungen. Diese wurden hingerichtet. 11 Jahre später wird Benneckendorff wieder freigelassen.

Wieder Franzosen in Spandau

Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)

Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)

Im März 1812 erfolgten entsprechend den Verträgen zwischen Preußen und Frankreich erneute Einquartierungen von Franzosen in Spandau. Nach der Niederlage Napoleons in Russland erreichten Reste der „Großen Armee“ die Stadt. Russische Truppen rücken nach. In der Folge verhängen am 20. Februar 1813 die Franzosen den Belagerungszustand über der Stadt, mit dramatischen Auswirkungen für die Bevölkerung.

Einen Tag haben die Bewohner der Vorstädte nun Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Verzweifelt senden sie eine Abordnung nach Berlin, um das Niederbrennen der Häuser zu verhindern. Nach Hause gehen sie mit einer wenig beruhigenden Antwort: Nur im äußersten Notfall sollen die Häuser abgebrannt werden. Dieser tritt aus Sicht der Franzosen kurz darauf ein, als Preußen und Russland sich am 28. Februar gegen Frankreich verbünden.

Vereint bewegen sich die Truppen Anfang März auf Spandau zu. Vor dem Potsdamer und Oranienburger Tor, sowie auf dem Stresow brennen die Häuser. Ende März erging es den Häusern auf dem Kiez und am Burgwall ähnlich. Am 23.3.1813 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Im März 1813 belagern russische und preußische Truppen unter Leitung von Generalmajor August von Thümen, vormals Gouverneur von Spandau, die Zitadelle. Anders, als beim Angriff der Franzosen auf die nur schlecht besetzte Zitadelle, sieht es diesmal etwas anders aus. 3000 Soldaten sitzen diesmal innerhalb der Mauern, ausgerüstet mit rund 110 Geschützen. Noch einmal soll zur Sicherheit der Zitadelle etwas in Spandau brennen. Den Franzosen ist der Turm der Nikolai-Kirche ein Dorn im Auge. Sie wollen ihn gerne niederbrennen, lassen sich dann aber davon überzeugen, dass es genügt, die Holztreppen herauszuschlagen.

Spandau und Zitadelle unter Beschuss

Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)

Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)

Preußischen Truppen beschießen am 17. und 18.4.1813 Spandau und die Zitadelle, auf der Feuer ausbricht. Der Treffer durch eine Kanonenkugel bringt gegen 11 Uhr das Pulvermagazin der Bastion Königin zur Explosion. Die Zitadelle wird schwer beschädigt.

Das »alte Zeughaus« vor der Südkurtine, der Juliusturm, das Laboratorium im Palas, sowie Teile des Torhauses brennen aus. Die Verteidigungsfähigkeit der Festung wird stark eingeschränkt. Etwa 30 bis 40 Prozent der Spandauer Altstadt werden durch die Kanonade zerstört und 25 Prozent der Zitadelle.

Erstaunlicherweise kamen nur zwei Spandauer bei dem Angriff ums Leben. Noch verweigern sie die Kapitulation. Erst, als die Belagerer beginnen, auch die Altstadt zu beschießen, geben die Franzosen auf, nachdem ihnen freier Abzug gewährt wurde. Am 23.April 1813 kapitulierten die Franzosen und übergaben am 26. April 1813 die Zitadelle an die Preußen unter General v. Thümen. Eine Gedenktafel am Toreingang zur Zitadelle erinnert daran.

Einen Tag später zogen die französischen Truppen aus Spandau ab. Schon damals gab es Schaulustige, die sich gerne zerstörte Orte anschauen wollten. Gegen Zahlung einiger Silbergroschen darf sich die Bevölkerung Berlins die beschädigte Festung anschauen. Die eingenommenen Gelder sollen der Spandauer Bevölkerung zum Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser zugute kommen. Das Schinkeldenkmal auf dem Reformationsplatz in der Spandauer Altstadt erinnert an die Befreiungskriege.

Die Geschichte der Post in Spandau

Das Haus der Gesundheit und seine Zeit als Postamt

Blick vom Rathaus Spandau zum alten Postamt in der Altstadt (Foto: Ralf Salecker)

Blick vom Rathaus Spandau zum alten Postamt in der Altstadt (Foto: Ralf Salecker)

Es gab einmal vor langer, langer Zeit, da gab es kein einheitliches Postsystem in Deutschland und dem Rest der Welt. Wer einen Brief schreiben wollte, was eine Seltenheit war, fand keine international agierende Struktur, der er seine Post anvertrauen konnte. Jedes Land oder Fürstentum kochte sein eigenes Süppchen. Postreiter, gab es nicht nur im Wilden Westen, auch im noch nicht geeinten Deutschen Reich, welches als Nationalstaat erst seit 1871 existiert.

1701 hängte man in Berlin noch ein Verzeichnis der wenigen eingetrudelten Briefe aus. Mehr war anscheinend nicht notwendig. Wer einen Brief erwartete, musste also regelmäßig nachschauen. Erst 1766 gab es den ersten Briefkasten Berlins. Dieser hing im Flur des Hof-Postamtes. 7 Briefträger sorgten für die Zustellung der Briefe. Nur zwei Postbeamte waren noch 1769 ausreichend, um die Entgegennahme und Auslieferung der Briefe abzuwickeln.

Die Post in Spandau zog im 19. Jahrhundert mehrfach um. 1829 befand sie sich noch im Haus des Postfuhrunternehmers Commerzienrath Berr in der Breite Straße 21. 1852 zog sie weiter in die Hausnummer 32. 1857 bis 1867 war sie beim Pfarrer in der Potsdamer Straße 14 untergebracht. Traute man etwa den privaten Postunternehmern nicht mehr?

weiter mit dem Artikel geht es hier (www.Spandau-Tourist-Info.de):

Die ersten Bewohner im Falkenhagener Feld

Interview mit Silvia Linnenbürger

Silvia Linnenbürger bei der "Feldarbeit" im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Silvia Linnenbürger bei der „Feldarbeit“ im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Trotzdem war die Freude der Eltern groß, als sie, nach 10 Jahren Ehe, 1964 im Falkenhagener Feld endlich ihre erste eigene Wohnung bekamen. Der kleinen Tochter fiel die Umstellung anfangs sehr schwer, weil ihr die gewohnte grüne Umgebung fehlte. Noch heute ist Frau Linnenbürger kein Hochhaus-Fan.

Da für den Neubau des Falkenhagener Feldes viele Laubenpiper weichen mussten, bekamen auch diese neue Wohnungen hier. Manche konnten sich von ihren Tieren nicht trennen und so soll es einmal ein Schwein in der Badewanne und Hühner auf dem Balkon gegeben haben. So erzählt man …

Verfolgungsjagt vor der Skyline des Falkenhagener Feld

Häuser im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Häuser im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Silvia Linnenbürger erzählt: In der Rückschau verbrachte ich dort eine sehr schöne Kindheit, was vor allem daran lag, dass zu dieser Zeit vor allem Familien mit Kindern dorthin zogen. Immer war etwas los. Wann immer möglich spielten wir draußen: Hopse, Halli-Hallo und später Gummitwist.

Neben uns wohnte damals Frau Anna Schwarz, eine kleine Dame aus gutem Hause. Sie hatte in Erfurt eine Fabrik und durfte die DDR verlassen, aber ihr Hab und Gut verlor sie dabei. Es war eine bescheidene freundliche und gläubige Frau mit der ich bald Kontakt schloss. Meine Mama half ihr häufig. Ich saß manchmal bei ihr und unterhielt mich mit ihr, brachte sie auch mal zum Arzt oder begleitete sie beim Einkauf. Wir hatten als Nachbarn stets ein gutes Verhältnis zueinander.

Fünf Hochhäuser entstanden damals hinter der Jeremia-Gemeinde am Burbacher Weg. Alle hatten unterschiedliche Farben. Wir wohnten im grünen Block (letzter Aufgang, Falkenseer Chaussee 246). In der Umgebung herrschte noch rege Bautätigkeit. Die heute auf der anderen Straßenseite stehenden Häuser gab es früher noch nicht. Entlang der Falkenseer Chaussee eixtierte eine ganze Reihe von Parkplätzen.

In den Flachbauten, am Henry-Dunant-Platz, in denen sich heute Aldi befindet, waren vorher ein kleiner Kaufladen (Reichelt?), eine Fleischerei, eine Reinigung, ein Zeitungsladen, eine Bank und eine Kneipe. Alles Wichtige für das tägliche Leben war dort versammelt. Die ganzen anderen Hochhauskomplexe standen noch nicht.

Auf dem noch freien Gelände ragten ein paar kleinere Hügel aus Bausand empor, die im Winter willkommene Abfahrten mit dem Schlitten möglich machten. Noch sehr viel später kamen das Ärztehaus und Reichelt an der Ecke zur Falkenseer Chaussee hinzu.

Auf der anderen Seite der Kreuzung Siegener Straße, Westerwaldstraße und Falkenseer Chaussee, in den heutigen Räumen der Stadtteilbibliothek bot ein Supermarkt (erst Bolle?, später Netto) Produkte des täglichen Bedarfs. Früher sorgte an dieser Stelle ein Heizkesselhaus für warme Wohnungen in der Umgebung. Direkt daneben wuchs bald darauf eines von Spandaus größten Hochhäusern empor. Fast utopisch erschien es zu dieser Zeit.

Im Rahmen von Dreharbeiten für einen Jerry-Cotton-Film mit George Nader sperrte man die ganze Falkenseer Chaussee in diesem Bereich. Vor der Skyline mit den entstehenden Hochhäusern gab es Verfolgungsjagden mit amerikanischen Autos. Wir Kinder sind natürlich sofort hin, um zu sehen, was dort geschieht.

Freizeit in der Kirchengemeinde und Kinderspiele

Blick vom Balkon im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Blick vom Balkon im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Fast unsere gesamte Freizeit verbrachten wir als Kinder in der nahen Kirchengemeinde (Pfarrer Hartwig Schurig 1959-1967 – Gemeinde Klosterfelde). Es gab da eine Gemeindeschwester, die Schwester Christa, noch gekleidet in klassischer Ordenstracht. Sie hat es fertig gebracht, uns Kinder zu mobilisieren. Wie eine Sozialarbeiterin hat sie uns Kinder geholt, damit wir die Alten-Nachmittage ausrichten. Wir haben für die alten Leute Kaffee gekocht, den Tisch gedeckt, Theater gespielt und Musik gemacht. In den Sommerferien hat sie mit uns Ausflüge gemacht, ist mit uns Schwimmen gegangen, hat mit uns Dampferfahrten gemacht. Kindern, die kein Geld hatten, gab sie etwas. Schwimmen waren wir z. B. im Freibad Berger (Strandbad Oberhavel) in der Schäferstraße. Dabei haben wir Spandau richtig kennengelernt.

In den späteren Jahren veränderten sich die Interessen. Wir spielten Tischtennis im Keller, ab und an gab es Disko. Die schönste Disko war immer „drüben“, auf der anderen Straßenseite, in der Zuflucht-Gemeinde. Im neu entstandenen Klubhaus dagegen, war ich selten. Da wurde geraucht/gekifft, was das Zeug hielt … es gab Dosenbier … Richtige Live-Bands traten dort auf – aber das war nicht meine Welt. Ein wenig grenzwertig war es schon, aber meine Eltern waren froh, dass ich in Spandau unterwegs war.

Auf der anderen Straßenseite gab es auch eine andere Kirchengemeinde, die Zuflucht-Gemeinde. In dieser gab es immer montags und mittwochs abends Disko für Jugendliche. Unten im Keller haben wir den ersten Blues getanzt und das erste Mal geknutscht. In beiden Kirchengemeinden wurde sehr viel Gemeindearbeit betrieben.

Damals gab’s ja noch kein Handy. Mit meiner Freundin, Monika Hensel, die im Haus schräg gegenüber wohnte tauschten wir dann immer Signale mit Taschenlampen aus. Zum Spielen trafen wir uns dann unten an der Teppichklopfstange, die der Treffpunkt für alle in der Umgebung war. Es konnten schon mal 20 Jugendliche zusammenkommen.

Dann haben wir z. B. mit dem Transistorradio „Schlager der Woche“ gehört oder „Hey Music“. Damals haben wir noch intensiv Gruppenspiele gespielt, z. B. Schnitzeljagd quer durch die Baustellen oder Gummitwist.

Schulzeit im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Schulzeit im Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Wir haben „Halli-Hallo“ gespielt – Spiele, die man gar nicht mehr kennt. Das war total kreativ. Wir saßen da alle so auf der Bank und einer hatte einen Ball in der Hand und hat Fragen gestellt. Zum Beispiel, „wie heißt die Hauptstadt von England?“ Und dann hat einer gerufen „London“. Dann hat der Ballträger den Ball hochgeworfen, „hallihallo“ gerufen und ist weggelaufen. Und derjenige, die Antwort wusste, hat versucht, den Ball zu fangen und in dem Moment „Stopp“ gerufen. Der Fragensteller hat dann die Arme weit auseinander gehalten und der Antwortende hat versucht, den Ball zwischen den Armen hindurchzuwerfen. Wenn er das geschafft hatte, durften sie sich abwechseln.

Wir haben richtig toll gespielt – stundenlang. Richtig mit Kopf benutzen, Fragen stellen und bewegen. In den verkehrsberuhigten Straßen konnten wir damals auch ohne Angst Rollschuh fahren. Die Falkenseer Chaussee war schon recht stark befahren, die Siegener Straße dagegen recht wenig. Wir konnten uns austoben ohne Ende. Und als wir älter wurden, sind wir dann davongeschlichen zum Kiesteich. Das war so meine Jugendzeit, die ich mit dem Falkenhagener Feld verbinde.

Schwester Christa, aus der Jeremia-Gemeinde, hörte dann irgendwann auf und legte ihre Ordenstracht ab. Sie hatte einen Mann kennen gelernt und geheiratet – einen Witwer mit fünf Kindern. Pfarrer Schurig muss auch etwa in dieser Zeit pensioniert worden sein.

Ich kann nicht sagen, ob es danach noch so intensive Jugendarbeit gab wie zuvor. Ich selbst hatte das Glück, „angekommen“ zu sein, als ich das erste Mal dort in die Kirchengemeinde kam. Wir Kinder haben dort auch Aufgaben gehabt, so haben wir z. B. die Kollekte eingesammelt, Gottesdienste mitgestaltet, alten Leuten die Tür aufgehalten oder sie nach Hause gebracht – das, was wir auch heute versuchen, Kindern als soziales Engagement nahezulegen. Für uns war das selbstverständlich.

Meine Eltern sind überhaupt nicht religiös. Außer zu Weihnachten, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen sind sie nicht in der Kirche gewesen. Papa fragte mich immer: „Wo bist du denn andauernd und was machst du da?“ Für uns war die Kirche ein Jugendfreizeitheimersatz.

Obwohl es in dem Komplex so viele Kinder gab, war Gewalt kein Thema. Ich kann mich überhaupt nicht an Gewalt erinnern. Mal ein bisschen Gestänker oder Genecke, ein bisschen jagen und toben, aber keine brutalen Eingriffe. Das schlimmste, woran ich mich erinnern kann, war, dass welche geklaut haben. Eine Freundin hatte mir z. B. das Sparschwein geklaut. Wir hatten aber nie Angst, abends draußen auf der Straße zu sein. Beschwert haben sich die Anwohner natürlich auch, wenn wir draußen gespielt und unsere Musik gehört haben – mit unseren kleinen Transistorradios.

Als wir älter wurden, haben wir auch alleine größere Touren gemacht, z. B. sind wir mit dem Fahrrad zum Strandbad Oberhavel gefahren. Dabei haben wir entweder den Weg über den Friedhof „In den Kisseln“ genommen oder den großen Bogen über die Pionierstraße geschlagen. Obwohl wir es nicht durften, haben wir natürlich den Rummel, der zweimal im Jahr an der Falkenseer Chaussee standfand, besucht. Außerdem ging es regelmäßig in das „JetPower“ in der Klosterstraße. Und im Schwedenhaus war regelmäßig Disko. Auch private Partys konnte man dort feiern.

Schultage im FF

Heute bin ich Lehrerin an der B-Traven Oberschule, an der ich mit 10 Jahren in die 3. Klasse eingeschult wurde. Da schließt sich der Kreis wieder … Die Schule selbst war früher zweigeteilt. Unten befand sich eine Hauptschule und im 1. Stock die Grundschule.

Die Umgebung der jetzigen B.-Traven-Schule sah damals noch deutlich anders aus als heute. Hinter der Schule gab es einen Schulgarten. Neben der Schule, am Remscheider Weg, standen zwei Holzbaracken, in denen Kinder wohnten, deren Eltern ihre Wohnung verloren hatten. Damals nannte man solche Wohnsiedlungen „Mau-Mau-Siedlungen“.

Neben meiner Schule lebte unsere Klassenlehrerin Frau Raschke. Sie war mein großes Vorbild – lebhaft, hilfsbereit und herzlich. Immer half sie uns dabei, die Handarbeiten fertig zu bekommen. Wir durften ab und an zu ihr nach Hause. Hohlsaumarbeiten zu Muttertag. Für mich immer ein Graus

Als Frau Raschke später einmal meine Mutter traf und erfuhr, dass ich auf Lehramt studiere, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Wie kann die nur Lehrerin werden wollen!

Nach meinem Studium bot man mir eine Stelle in meiner alten Schule an. Rektor war Herr Dahlke. Es war 1980 und der Beginn unserer Schule, sich von einer Hauptschule zu einer Gesamtschule zu wandeln. Sehr viele junge Lehrer kamen an die Schule, die nur „5.O“ hieß. „Unseren“ Namen B.-Traven-Oberschule bekamen wir erst später. Über die Büchergilde Gutenberg wurden Kontakte hergestellt zu den Hinterbliebenen B. Travens. Bei der Einweihung, d.h. Namensgebung, war auch ein Familienmitglied aus Mexiko dabei.

Ich fing mit 22 Wochenstunden an. Heute sind es 26. Die Klassengröße betrug, damals, wie heute, etwa 26 bis 28 Schüler. Bald waren wir bekannt für eine gute Integrationsarbeit. Kunststück, es waren gute Bedingungen: 23 Schüler, 3 davon Integrationskinder und 18 Stunden doppelte Besetzung. Ein Traum. Alle Kinder profitierten davon. Manchmal war noch ein zusätzlicher Betreuer dabei. Ich hatte zwei blinde Schüler in der Klasse. Das war für uns alle eine wichtige Erfahrung.

Heute wollen wir mit 3 Stunden pro Integrations-Kind alles Mögliche fördern. Von gymnasialer Empfehlung bis hin zu Lernbehinderungen – ohne zusätzliche Hilfen. Binnendifferenzierung (oder innere Differenzierung) heißt das. Für eine vernünftige geplante Differenzierung, die allen Kindern individuell gerecht werden soll, benötigt man das Fünffache an Planungszeit – wenn es gut werden soll! Außerdem hat man uns das 13. Monatsgehalt gestohlen und anderes mehr. Die jungen Kolleginnen tun mir sehr leid. Viele wandern aus, weil die Bedingungen in Berlin nicht stimmen.

Als ich auf meiner alten Schule damals als Lehrerin anfing, war der Migrantenanteil – damals sagte man noch Gastarbeiter – schon etwas höher geworden. Die zogen aber alle auf die andere Straßenseite. Ich sagte zu meinen Schülern: „Geht doch ruhig auch mal drüben ins Klubhaus! Schaut es euch an oder spielt Kicker.“ Sie meinten jedoch: „Wir deutschen Kinder gehen da nicht hin. Das ist alles in der Hand von denen, die da wohnen.“

Veränderungen

Es kommt Farbe ins Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Es kommt Farbe ins Falkenhagener Feld (Foto: Linnenbürger)

Meine Eltern wohnen immer noch hier. Für sie hat sich schon einiges geändert. Damals konnte man von unserer Wohnung aus noch weit über die Falkenseer Chaussee und in andere Richtungen gucken – heute geht das nicht mehr, weil überall Häuser gebaut wurden.

Inzwischen sind auch viele russischstämmige Mieter eingezogen. Zu manchen Russland-Deutschen hat meine Mutter oberflächlichen Kontakt. Die älteren Leute, die auf den Bänken sitzen, grüßen freundlich. Die jungen russischen Männer trinken gerne Alkohol. Das macht den Alten Angst.

Viele sind gut ausgebildet, haben aber große Schwierigkeiten, eine qualifizierte Arbeit zu finden. Ich erinnere mich an einen Jungen aus meiner Klasse, dessen Vater Pilot und dessen Mutter Ärztin war. Der Vater war arbeitslos und die Mutter hat geputzt. Bei einem anderen Schüler habe ich erlebt, dass die Eltern wieder zurück nach Russland gegangen sind, weil sie hier keine angemessene Arbeit gefunden haben, sie selbst aber unbedingt etwas tun wollten.

Ich selbst bin mit 20 aus dem FF weggezogen, in einen Altbau mit Ofenheizung. Meine Eltern waren entsetzt. Heute wohnen im Haus meiner Eltern noch 5 der Erstbewohner. Die Kinder zogen aus, die Leute sind über 70-80 Jahre alt und können teilweise nicht mehr alleine wohnen, oder aber die Wohnungen sind viel zu groß für sie.

 

Ralf Salecker

Heiße Rhythmen aus Ruinen im Uferpalais

Erinnerungen von den letzten Kriegstagen bis zur Blockade

Tapetenmark: Reichsmark mit Wertmarke 1948

Tapetenmark: Reichsmark mit Wertmarke 1948

Das Uferpalais in der Spandauer Neustadt wird am Mittwoch für einen Augenblick zu einer kleinen Zeitmaschine. Persönliche Erinnerungen ermöglichen manchmal einen tieferen Einblick in die Vergangenheit, als es schwergewichtige Geschichtsbücher tun. Jörg Sonnabend hat auf „Unterwegs in Spandau“ schon einige Einblicke in seine spannenden Jugenderinnerungen aus Spandau gewährt. Im Kulturzentrum Gemischtes existiert seit längerer Zeit ein bunter Gesprächskreis – der Geschichtstreff – der den Blick zurück kultiviert. Das Ergebnis war vor einigen Jahren ein spannender Bericht zu 100 Jahre Heerstraße gewesen. Nun ist die Zeit von den letzten Kriegstagen bis zur Blockade dran.

Am 17.4. um 16 Uhr gibt es die Gelegenheit eine ganz besondere Geschichtsshow zu erleben. In Erzählungen, Musikbeispielen, Filmausschnitten und Tanzvorvorführungen lässt der Geschichtstreff (unter Leitung von Thomas Streicher) des Kulturzentrum Gemischtes die Zeit zwischen und den letzten Kriegstagen und der Zeit der Blockade wieder aufleben. Sehr unterschiedliche Menschen beschreiben ihre Jugendtage in einer Zeit die von Entbehrung aber auch von einer großen Aufbruchsstimmung geprägt war. Jugendliche entdeckten die Musik der Amerikaner und damit eine für sie neue, bisher unbekannte Welt. Der Rock ‘n Roll Club Crazy Kids Berlin sorgt für passende Tanzeinlagen.

Uferpalais

  • Brauereihof 19
  • Beginn 17 Uhr

Spandaus Altbürgermeister Werner Salomon erzählte aus seiner Schulzeit

Schülerdiskussion und Fragen an Zeitzeugen in der Freiherr-vom-Stein-Schule

Werner Salomon mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer am Falkenhagener See

Werner Salomon mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer am Falkenhagener See

Wie war das damals eigentlich wirklich? Wart ihr alle Nazis? Wie sah euer Schulalltag aus? Derartige Fragen waren Thema einer Schülerdiskussion, die Altbürgermeister Werner Salomon kürzlich mit 16-jährigen Schülerinnen und Schülern seiner alten Schule – der Freiherr-vom-Stein-Schule – führte.

Werner Salomon war von 1937 bis in den Krieg hinein, also vor 75 Jahren, selbst „Stein-Schüler“ in einer von den Nationalsozialisten belasteten Zeit.

Salomon: „Es ist richtig und notwendig, wenn noch lebende Zeitzeugen der Hitlerzeit – und es werden immer weniger – für Darstellungen, Erlebnisberichte, Gespräche und Diskussionen mit jungen Menschen zur Verfügung stehen! Es sind die heute über 80-jährigen, die 12 Jahre Nazizeit noch hautnah erlebt und den Krieg überlebt haben – und sind so als lebendige Zeitzeugen wohl auch die besten Geschichtslehrer für jene Zeit, um darzustellen, dass sich derartige katastrophale geschichtliche Fehlentwicklungen, wie damals von 1933 bis 1945, nie wieder in Deutschland wiederholen dürfen!“

Sicher ist es nicht ganz einfach, die damaligen Gegebenheiten und Gefühlswelten nachfolgenden Generationen, die im Schoße einer friedlichen Demokratie und im Wohlstand aufgewachsen sind, zu vermitteln.

In einer Zeit, die am Überfluss von Informationen fast erstickt, ist es schwer verständlich zu machen, was es bedeutet in einer Welt aufzuwachsen, in der eine gewaltige Propagandamaschine jede Wahrheit manipulieren kann und der Staat bestimmt, was seine Bürger wissen dürfen!

Mit kaum beschreibbaren raffinierten dialektischen Mitteln wurde das Volk – und insbesondere die Jugend – ideologisch systematisch missbraucht und das Propaganda-Trommelfeuer verfehlte seine Wirkung nicht, eben auch nicht auf Halbwüchsige.

Mit persönlichen Erlebnissen und Episoden aus der damaligen eigenen Schulzeit lässt sich ein anschauliches Bild über den damaligen Schulalltag entwickeln der zweifellos von einem nationalsozialistischen Ungeist geprägt war (Fahnenappelle auf dem Schulhof oder in der Aula: „Achtung zum Einmarsch der Fahne“, Bekenntnis zu Führer, Volk und Vaterland) und alles überragt von einem „Naziverrückten“ Schuldirektor!

Im Krieg, etwa ab 1942, wurden wir Jungen weiter durch das Hitlersystem missbraucht: Kriegsbedingter viermonatiger Ernteeinsatz auf dem Lande in Pommern und danach wurden wir 15 bis 16-jährigen Oberschüler zum Kriegsdienst in der Luftwaffe als sog. „Flakhelfer“ eingezogen. „Kinder unter dem Stahlhelm“, welche Perversion!

Werner Salomon: „Die entscheidende Frage, die sich aus all dem Erlebten ergibt, welche Folgerungen, welche Lehren habe ich aus diesem Abschnitt meines Lebens gezogen? Nie wieder eine Diktatur auf deutschem Boden zulassen! Und so bemühe ich mich – mit anderen – zu engagieren gegen ein Vergessen, für eine werteorientierte Demokratie! Diese Demokratie zu verteidigen, gegen extremistische Aktivitäten, derzeit vor allem gegen die Wiederbelebung nationalsozialistischer Parolen und Praktiken, aber auch gegen Ausgrenzung Rassismus, Antisemitismus und Gewalt und jüngeren Menschen anschaulich durch eigenes Erleben vor Augen zu führen, wo es endet, wenn Menschen mit Füßen getreten werden oder was aus ihnen gemacht wird, wenn die Gewalt verherrlicht wird!“

Die 16-jährigen Schülerinnen und Schüler waren sichtlich beeindruckt!

Paddelbootsbau im Spandau der Nachkriegszeit – 1953

Erinnerungen von Jörg Sonnabend

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Im September 53 hatte ich meine Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG beendet und arbeitete als Junggeselle im Vorrichtungsbau der AEG-Maschinenfabrik Brunnenstraße.

Gerd Langner, ein ehemaliger Lehrkollege der ebenfalls dort arbeitete, hatte eines Tages eine Idee. Er sagte, du wohnst doch in Spandau am Wasser, auf der Lanke-Werft, meine beiden Freunde und ich wollen uns Paddelboote bauen, wenn du dich daran beteiligst, könnten wir 4 Boote auf Kiel legen.

Ich war begeistert und da wir im Garten genug Platz hatten, stimmte ich zu. Es begann also die Planungsphase. Zuerst wurde ein Bauplan besorgt. Wir entschieden uns für ein Boot in Schapi-Bauweise, d. h. ein einfaches Boot mit einem flachen Boden. An ein geklinkertes Boot, mit überlappenden Planken haben wir uns doch nicht ran getraut. Die Boote hatten eine Länge von ca. 4,10 m und eine Breite von ca. 90 cm.

Start mit kleinen Schwierigkeiten

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Die Vorarbeiten begannen mit der Materialbeschaffung. Das Material kauften wir natürlich immer nach und nach je nach Bauphase. Zuerst benötigten wir das Leistenmaterial für die Spantenrahmen und die dazugehörigen Kupfernieten, wie sie im Bootsbau verwendet werden. Da es schon Spätsommer war, der Herbst stand vor der Tür, konnten wir diese Arbeiten im Freien nicht mehr ausführen.

Wir hatten aber eine Lösung: Gerd wohnte in der Luxemburger Straße, in der Nähe des Leopold Platzes und hatte einen geräumigen Keller mit Werkbank und Schraubstock. Also konnten wir unsere Vorarbeiten während des Winters dort ausführen.

Wenn ich hier immer nur Gerd beim Namen nenne, so muss ich sagen die Namen der anderen beiden fallen mir nicht mehr, es waren ja Freunde von Gerd, ich weiß nur noch dass der eine Viktor hieß.

Wir begannen also mit den Vorarbeiten. Es mussten immerhin 36 Spantenrahmen gefertigt werden, pro Boot 9 Stück. Mühsam war das Ausarbeiten der gebogenen Decksbalken, es gab noch keine Elektrowerkzeuge aus dem Baumarkt, alles wurde in Handarbeit gefertigt.

So trafen wir uns, je nach Verabredung, ein bis mehrmals in der Woche nach der Arbeit und verwandelten den Keller in der Luxemburger Straße in eine Bootswerft. Die Arbeit machte Spaß, zog sich aber beinahe den ganzen Winter hin, wir fieberten dem Frühling entgegen um im Garten zu weiteren Aktivitäten zu kommen.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ein kleines Problem hatten wir nicht bedacht: die 4 Stapel Spanten mussten nach Spandau transportiert werden. Heute, wo jeder ein Auto besitzt, kein Problem, wir aber mussten auf Fahrrad oder BVG zurückgreifen. Wir entschieden uns für die BVG.

Da wir damals noch sonnabends arbeiten mussten, trafen wir uns an einem Sonnabend-Nachmittag in unserem „Werkstattkeller“, bündelten unsere Spanten und zogen so bepackt mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus nach Spandau. Da die U-Bahn nach Spandau erst 20 Jahre später eröffnet werden sollte war die Fahrerei zu dieser Zeit noch etwas komplizierter.

Materialbeschaffung und Vorarbeiten

Bei uns im Garten wurden die vorgefertigten Teile erst einmal eingelagert, denn wir mussten uns mit der Planung der weiteren Schritte befassen. Mein Vater, in seiner Jugend selbst begeisterter Wassersportler und im Bootsbau sehr versiert, gab uns hier manch wertvollen Tipp.

Der nächste Schritt, der jetzt anstand war die Berechnung und Bestellung des weiteren Materials. Im Bauplan vorgeschrieben war die Verwendung von wasserfestem Sperrholz, damals eine teure Variante.

Da unsere Mittel aber nicht unbegrenzt waren, unser Wochenlohn betrug gerade mal ca. 50,- DM, mussten wir eine andere Lösung finden. Unsere Lösung hieß: wasserfeste Hartfaserplatten, 5 mm dick. Dieses Material war gerade neu auf dem Markt, ließ sich leicht verarbeiten und war, wie sich auch später herausstellte, auf Dauer haltbar. Wir bestellten also die Platten, die etwas über 4m lang und etwa 2 m breit waren und ließen sie uns anliefern.

Wenn ich mich recht erinnere, benötigten wir 6 solcher Hartfaserplatten. Da wir mit den über 4 m langen Leisten für Kiel, Stringer und Deck nicht im Bus fahren konnten, mussten wir sie uns auch anliefern lassen. Für die Montage entschlossen wir uns einen damals üblichen 2-Komponenten Bootsbauleim und Messing-Holzschrauben zu verwenden.

Da wir bei den Planken, Deck und Boden alle 5 cm eine Schraube setzen mussten, benötigten wir an die 2000 Messingschrauben. Bei den damaligen Materialkosten war das der größte Kostenfaktor. Soweit die Materialbeschaffung und die Vorarbeiten.

Erste Arbeiten

Der Frühling war gekommen und an einem warmen Sonntag konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Um den Tag richtig zu nutzen, begannen wir immer schon ziemlich früh mit der Arbeit. Wobei ich es hier am bequemsten hatte, ich brauchte praktisch nur aus dem Bett fallen und war im Garten. Meine drei Kumpels hatten es etwas schwieriger, sie mussten immer erst vom Wedding aus „anreisen“. Da sie sportliche Typen waren bewältigten sie den Weg meistens mit dem Fahrrad.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Unsere Arbeit begann damit, dass wir uns eine Helling errichteten. Wie auf Bild 1 zu erkennen ist wurden dazu 4 Pfähle, in einem bestimmten Abstand, in die Erde gerammt. Um den Sprung bzw. die Durchbiegung der Kielleiste zu berücksichtigen, wurden die beiden mittleren Pfähle demensprechend tiefer gelegt. Auf diese so errichtete Helling wurde die Kielleiste geschraubt und die vorgefertigten Spantenrahmen, in den entsprechenden Abständen, befestigt. Auch der Vor- und der Achtersteven wurden auf die Kielleiste geschraubt, siehe. Bild 1.

Im nächsten Arbeitsschritt mussten, wie auf Bild 2gut zu sehen ist, die Stringerleisten angebracht werden. Die Arbeit wurde jetzt schon etwas schwieriger. Da ich auf einer Werft groß geworden bin, meine Kindheit und Jugend auf und zwischen Booten verbracht habe, hatte ich hier die meiste Erfahrung und habe auch hier etwas die Führung übernommen.

Die Boote nehmen Form an

Da wir alle Handwerker waren, wussten wir immer, was zu tun war und es klappte. Es gab natürlich auch kleine Pannen oder Missgeschicke, die aber immer mit Humor und etwas Lästerei überwunden wurden.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Mit der Anbringung der Steven und der Deck- und Kimmstringer hatten wir den ersten Aufbau fertig. Wir bezeichneten dieses Gebilde nicht ganz fachmännisch als „Gerippe“, sehr schön auf Bild 3zu bewundern. Dieses „Gerippe“ konnten wir jetzt von der Helling lösen und in der gleichen Weise mit dem Bau des nächsten Aufbaues beginnen. Dreimal mussten wir diese Arbeitsschritte noch wiederholen dann lagen die 4 „Gerippe“ vor uns und wir konnten mit der Beplankung beginnen.

Da uns die Arbeit zu langsam vorankam, trafen wir uns jetzt auch manchmal am Sonnabendnachmittag um das Ganze etwas zu beschleunigen. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück, es gab nur wenige Wochenenden an denen wir nicht draußen arbeiten konnten. Mit dem Frühaufstehen am Sonntag hatte ich zu dieser Zeit sowieso immer ein Problem. Ich war damals 19, John Travolta gab es noch nicht aber das „Saturday Night Fever“ hatten wir schon erfunden.

Der Spaß kam nie zu kurz

Diese Nacht gehörte uns, d. h. meinen Freunden und mir. Kino, Tanzen oder auch Jazzkonzerte, je nach dem was geboten wurde. Außerdem machte ich zu dieser Zeit selbst noch Musik, ich spielte Schlagzeug. Also Schlaf war in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag immer Mangelware. Ich ließ mir aber nichts anmerken, am Sonntagmorgen stand ich immer wieder pünktlich an der Helling bzw. an den Böcken. Wie ich aber bald merkte, ging es den Mitstreitern ebenso.

Die Beplankung der Boote begann mit der Anbringung der Bodenplanke. Das Material wurde mit Aufmaß zugeschnitten, alles wieder von Hand mit der Säge, der Boden wurde aufgeleimt und verschraubt und das überstehende Material mittels Raspel und Hobel entfernt.

Wie ich schon erwähnte wurden die einzelnen Arbeitsschritte immer erst an allen Booten durchgeführt, ehe wir einen neuen Arbeitsschritt begannen. Nachdem die Bodenplanken angebracht waren, begannen wir in ähnlicher Weise mit der Seitenbeplankung, wie auf Bild 4gut zu sehen ist.

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Um nach der Seitenbeplankung das Deck aufbringen zu können, mussten die mittleren Decksbalken für die Einstiegsöffnung aufgeschnitten werden und mit Leisten begrenzt werden (auf Bild 5 gut zu sehen).

Alle, mit gleicher Sorgfalt

Die Arbeit machte uns großen Spaß, wir kamen auch gut voran und unser Ziel noch im Sommer die erste Bootstour zu unternehmen rückte näher. Damit keiner sagen konnte, ihr habt in mein Boot diesen oder jenen Fehler eingebaut, hatten wir vor die im Rohbau fertigen Boote zu verlosen. Das hatte zur Folge, dass alle Boote mit der gleichen Sorgfalt gefertigt wurden. Nach der Verlosung sollte jeder an sein Boot die fertigstellenden Arbeiten allein ausführen.

Zu diesen Arbeiten gehörten der Einbau der Reling und der Rückenlehnen, die Anbringung der Zierleisten und natürlich die Lackarbeiten. Aber soweit waren wir noch nicht, es mussten jetzt erst einmal die Bootsdecks aufgebracht werden.

Es war eigentlich die komplizierteste Arbeit, weil wir das mit Aufmaß ausgeschnittene Deck geschlossen aufschrauben mussten und dann erst den Ausschnitt für die Plicht, sprich Einstieg, ausschneiden konnten. Aber da wir als Werkzeugmacher an präzises Arbeiten gewöhnt waren gelang uns auch diese Arbeit, wie auf Bild 6 gut zu sehen ist.

Nach diesem Arbeitsschritt hatten wir die Boote im Rohbau fertig. Im Bild 6 rechts unten ist eins der Boote im Rohbau zu sehen. Das Boot, das wir im Übermut senkrecht zum Fotografieren aufs Heck gestellt haben, hat bereits eine Reling.

Jetzt folgte die bereits angekündigte Verlosung der Boote. Jeder kennzeichnete sein Boot und es begann der Endspurt. Wir hatten jetzt eine „Parallelfertigung“, denn jeder werkelte jetzt allein an sein Boot, wobei gegenseitige Hilfe natürlich immer noch Bestand hatte und auch nötig war.

Schlussarbeiten, der Sommer naht

Einige Wochenenden gingen natürlich noch drauf, denn es gab noch einiges zu tun. Die Sitzlehnen und die Bodenbretter mussten angefertigt werden und die Boote bekamen eine Scheuerleiste. Wie auf Bild 7 zu sehen ist, brachte jeder je nach Geschmack auch noch ein paar Zierleisten an, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und jeder hatte eine andere Vorstellung wie ein Boot auszusehen hat.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ich hatte mein Boot (auf Bild 7 rechts) betont schlicht gehalten, es sollte mehr nach Kajak aussehen und die sportliche Note sollte betont werden. Der Vorteil den ich jetzt hatte, war, dass ich an mein Boot jetzt auch Wochentags nach Feierabend arbeiten konnte. So hatte ich Zeit, am Wochenende den anderen zu helfen.

Die wichtigste Arbeit hatten wir noch vor uns: die Boote mussten lackiert werden und natürlich einen Unterwasseranstrich bekommen. Zuerst wurden die Boote geschliffen und mit Leinölfirnis gestrichen. Nach dem Trocknen erfolgte abermals ein leichtes Anschleifen. Jetzt erfolgte der für Paddelboote traditionelle grüne Unterwasseranstrich. Danach wurden das Deck und die Seitenwände mit Bootslack zweimal lackiert. Wir hatten Glück mit dem Wetter, denn wenn man ein Boot im Freien lackieren muss ist man sehr vom Wetter und besonders von der Staubentwicklung abhängig, ich kannte das von größeren Booten. Aber wir hatten Glück und bald konnten wir unsere fertigen Boote präsentieren.

Stapellauf

An einem schönen Sommertag des Jahres 1954 trugen wir stolz unsere Boote einzeln zum Wasser, ein Weg von ca. 150 m. Wir freuten uns eigentlich sehr über unsere gelungene Arbeit denn trotz aller Erfahrung die vor allem ich mit Booten hatte, waren wir doch alle Laien.

Jedenfalls gratulierten wir uns gegenseitig und es erfolgte der langersehnte „Stapellauf“. Wie auf Bild 8 gut zu sehen ist, lagen die Boote gut im Wasser und vor allem, sie waren dicht. Damit war die Arbeit der kleinen „Bootswerft“ bei uns im Garten beendet.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Rückschauend möchte ich sagen, es war für Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung. Den Begriff „Teamwork“ gab es damals noch nicht, aber wir hätten ihn erfinden können. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche heute auf die gleiche Idee kommen würden.

Ein Wort noch zu den Kosten, sie lagen pro Boot bei ca. 120,- DM, bei unserem damaligen Verdienst waren das ca. 2 ½ Wochenlöhne. Die Boote haben sich bewährt, ich habe mit meinem Boot viele Touren unternommen und konnte es 1962 noch verkaufen.

 

Jörg Sonnabend

2012

 

 

Anmerkung der Reaktion:

Unterwegs in Spandau sucht weitere Erinnerungen an Spandaus vergangene Zeiten.

Wer gerne Begebenheiten aus seinen Erinnerungen weitergeben möchte, der ist auf Unterwegs in Spandau herzlich willkommen. Auch fragmentarische Stichpunkte sind wichtig. Ich erstelle gerne einen fertigen Text aus Ihren Notizen.

Werfen Sie alte Fotos und Postkarten nicht weg!