Gender Studies, auf Deutsch Geschlechterforschung oder Geschlechterstudien, ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das untersucht, welche Bedeutung Geschlecht für Politik, Kultur und Gesellschaft hat. Es geht nicht um ein einzelnes Fach, sondern um eine Perspektive, die in ganz unterschiedlichen Disziplinen angewendet wird: Soziologie, Medizin, Rechtswissenschaft, Geschichte, Wirtschaftswissenschaft, Informatik und mehr.
Konkrete Forschungsfragen reichen von der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen (Gender Pay Gap) über die Verteilung unbezahlter Care-Arbeit bis zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Medizin, etwa warum Frauen häufiger an Rheuma oder Demenz erkranken, wie sich Herzinfarkte bei Frauen anders äußern als bei Männern, oder wie Medikamente unterschiedlich wirken. Auch rechtswissenschaftliche Untersuchungen zu Femiziden, Studien zur häuslichen Gewalt oder zur Diskriminierung am Arbeitsmarkt gehören dazu. Der Wissenschaftsrat, das zentrale Beratungsgremium für Bund und Länder in der Wissenschaftspolitik, stellte 2023 fest, dass Forschung über gesellschaftliche Phänomene nur dann qualitativ hochwertig sein könne, wenn sie „Gesellschaft nicht als geschlechtsfreien Raum“ betrachte.
Ein Kernanliegen der Disziplin ist die These, dass Geschlechterrollen nicht allein biologisch festgelegt, sondern auch gesellschaftlich und kulturell geformt sind, der Blick auf den Körper sei nie „kulturfrei“, sondern stets durch gesellschaftliche Normen geprägt. Genau diese Prämisse macht das Feld zum Ziel politischer Angriffe, weil sie klassische Vorstellungen von Geschlecht als etwas rein Natürliches infrage stellt.
Wie groß ist das Feld tatsächlich
Im Sommersemester 2023 gab es laut Wissenschaftsrat 173 Professuren an deutschen Hochschulen mit voller oder teilweiser Denomination in der Frauen- und Geschlechterforschung, mehr als ein Dutzend Hochschulen bieten eigene Gender-Studies-Studiengänge an, vor allem auf Masterniveau. Eine oft von rechter Seite verbreitete Zahl von über 200 „Gender-Professuren“ hält einer genaueren Prüfung allerdings nicht stand: Eine Recherche zeigt, dass diese Zahl sämtliche Professuren in Deutschland, Österreich und der Schweiz zählt, in deren Forschungsbeschreibung irgendwo die Worte „Gender“ oder „Geschlecht“ auftauchen, auch wenn es sich um Medizin, Mathematik oder Wirtschaftswissenschaften handelt und Geschlecht nur ein Nebenaspekt ist. Tatsächlich forschen demnach nur rund 29 Professuren primär zu klassischen Gender-Studies-
Weidels Ankündigung und die Reaktionen
Auf dem AfD-Bundesparteitag in Riesa am 18. Januar 2025 kündigte Kanzlerkandidatin Alice Weidel an, ihre Regierung werde „alle Gender Studies“ schließen und „alle diese Professoren“ hinauswerfen. Sie warf den Hochschulen vor, zu „queer-woken Kaderschmieden“ gemacht zu werden. Die AfD wird vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestuft.
Das Bundesforschungsministerium widersprach Weidel deutlich: Wegen der grundgesetzlich verankerten Hochschulautonomie habe der Bund gar keine Kompetenz, einzelne Lehrstühle zu schließen. Zugleich betonte das Ministerium die wissenschaftliche Relevanz der Geschlechterforschung für gesellschaftlichen Fortschritt. Die Fachgesellschaft Geschlechterstudien warnte, ein solcher Eingriff würde nicht nur wissenschaftliche Institutionen und deren internationales Ansehen beschädigen, sondern der Demokratie insgesamt erheblichen Schaden zufügen, da Wissenschaftsfreiheit untrennbar mit gesellschaftlicher Freiheit verbunden sei. Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky, die selbst zur Zielscheibe wurde, verteidigte die Gender Studies als notwendig zur Analyse geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Phänomene und betonte, Wissenschaftsfreiheit sei ein Grundprinzip pluraler Demokratien.
Warum das Thema so politisch aufgeladen ist
Kritik an Gender Studies kommt nicht nur von rechts, auch aus feministischen Kreisen wird etwa die Grundannahme diskutiert, dass die Kategorien „Mann“ und „Frau“ nicht-heterosexuelle Identitätsformen ausschließen könnten. Die AfD-Kritik unterscheidet sich davon jedoch grundlegend: Ihr Parteiprogramm bezeichnet Genderforschung teils als unwissenschaftlich und politisch motiviert und fordert, ihr die staatliche Finanzierung zu entziehen. Beobachter ordnen diese Kampagne als Teil einer längeren Reihe von Diffamierungen und Drohungen gegen die Disziplin und ihre Forschenden ein, die letztlich nicht nur ein einzelnes Fach, sondern das Prinzip der Wissenschaftsfreiheit selbst treffe.
Unreflektierte AfD-Kritik an der Geschlechterforschung, und die wissenschaftlichen Gegenargumente
Die AfD stützt ihre Ablehnung der Gender Studies auf vier Kernargumente, denen Wissenschaftsinstitutionen und Forschende jedoch mit konkreten Belegen widersprechen.
Vorwurf: Unwissenschaftlichkeit
Im Grundsatzprogramm heißt es, die Gender-Forschung erfülle „nicht den Anspruch, der an seriöse Forschung gestellt werden muss“, ihre Methoden genügten „nicht den Kriterien der Wissenschaft“, weil ihre Zielsetzung „primär politisch motiviert“ sei . In Bundestagsanfragen verweist die Fraktion zudem auf die These, die Forschung, etwa von Judith Butler, beruhe „größtenteils auf Ideologie und Aktivismus“ statt auf Empirie .
Gegenargument: Der Wissenschaftsrat, das zentrale wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, hat die Geschlechterforschung 2023 nach einer mehrjährigen Strukturbegutachtung ausdrücklich als dynamisches, international zukunftsträchtiges Forschungsfeld mit hoher gesellschaftlicher Transferrelevanz gewürdigt und empfohlen, es weiter auszubauen und in Disziplinen wie MINT, Medizin, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften stärker zu verankern. Der Bericht stellt zudem klar, dass Forschung über gesellschaftliche Phänomene nur dann qualitativ hochwertig sein kann, wenn sie Gesellschaft nicht als „geschlechtsfreien Raum“ behandelt. Fachanalysen betonen zudem, der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit sei „unbegründet“: Kritik erfolge selten mit Quellenbelegen oder inhaltlicher Auseinandersetzung mit den kritisierten Texten, sondern pauschal.
Vorwurf: Widerspruch zur Biologie
Die AfD behauptet, der „Kern der Gender-Ideologie“ sei die Leugnung biologischer Geschlechterunterschiede, während berufliche Unterschiede fälschlich als Diskriminierung gedeutet würden .
Gegenargument: Fachpublikationen weisen darauf hin, dass diese Wahrnehmung auf einem Missverständnis beruht. Gender Studies setzen keinen einzigen „richtigen“ Geschlechtsbegriff voraus, sondern untersuchen, wie Geschlecht in unterschiedlichen Kontexten, Medizin, Recht, Medien, wirkt und bedeutet wird. Sie leugnen nicht die Biologie, sondern kritisieren reduktionistische Vorstellungen, die Geschlecht auf entweder Biologie oder Kultur verengen, als erkenntnistheoretisch und empirisch unzureichend. Gerade in der Medizin liefert die geschlechtersensible Forschung praktisch relevante Erkenntnisse, etwa zu unterschiedlichen Symptomen bei Herzinfarkten oder abweichender Medikamentenwirkung bei Frauen und Männern.
Vorwurf: Verschwendung von Steuergeldern
Aus den ersten beiden Prämissen leitet die AfD Forderungen ab: keine Fördermittel mehr für Gender-Forschung, keine Neubesetzung von Professuren, keine Verlängerung laufender Projekte .
Gegenargument: Der Wissenschaftsrat kommt zum gegenteiligen Schluss und empfiehlt den Ausbau statt Abbau, weil das Forschungsfeld strukturell unterausgestattet sei, etwa fehlten verlässliche institutionelle Strukturen und ausreichend unbefristete Professuren. Zudem widersprach das Bundesforschungsministerium der AfD-Position explizit und verwies auf die verfassungsrechtlich verankerte Hochschulautonomie: Der Bund hat gar keine Kompetenz, einzelne Lehrstühle zu schließen.
Einordnung als politisches Framing
Wissenschaftlerinnen und der Wissenschaftsrat selbst kritisieren, dass die öffentliche Debatte verzerrt geführt werde, und wenden sich ausdrücklich gegen die „massiven Angriffe“ auf Personen und Institutionen der Geschlechterforschung. Analysen der politischen Kommunikation ordnen den Unwissenschaftlichkeits-Vorwurf als wiederkehrendes rhetorisches Muster ein, das Gender Studies je nach Kontext als „Ideologie“, „quasi-religiösen Eifer“ oder „Gender-Wahnsinn“ diskreditiert, ohne inhaltlich fundierte Kritik zu liefern . Der Politikwissenschaft zufolge dient der Kampfbegriff „Gender-Ideologie“ dazu, Geschlechterforschung, staatliche Gleichstellungspolitik sowie Frauen- und Queer-Bewegungen pauschal zu delegitimieren, eine Strategie, die weniger auf wissenschaftlicher Auseinandersetzung als auf politischer Mobilisierung beruht.
Gendermedizin: ein Kernbeispiel für die Notwendigkeit der Geschlechterforschung
Das Testen und der Einsatz von Medikamenten ist ein konkreter Nachweis, warum das Forschungsfeld gebraucht wird, vorausgesetzt, man versteht „Gender Studies“ im breiten, interdisziplinären Sinn, wie ihn Fachliteratur und Wissenschaftsrat verwenden, und nicht in der engeren, von der AfD vorsätzlich, zum Nachteil von Frauen politisierten Bedeutung.
Terminologische Klärung: Ein Begriff, zwei Verständnisse
Hier liegt der Kern der Verwirrung, die auch die politische Debatte prägt. In der Fachliteratur werden „Gender Studies“, „Genderstudien“, „Geschlechterforschung“ und „Geschlechterstudien“ im deutschsprachigen Raum meist synonym verwendet und bezeichnen ein interdisziplinäres Fachgebiet, das nach der Bedeutung von Geschlecht für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaften fragt.
Die Begriffe sind, je nach Perspektive, nicht immer deckungsgleich: „Geschlechterforschung“ wird manchmal als der umfassendere, für den deutschen Raum spezifische Rahmen verstanden, während „Gender Studies“ oft dann verwendet wird, wenn es um eine größere analytische Reichweite und wissenschaftliche Reputation geht, oder um sich von der älteren, stärker politisch-emanzipatorisch ausgerichteten Frauenforschung abzugrenzen.
Genau in diesem breiten Sinn, als übergeordnete Bezeichnung für sämtliche Forschung zur Kategorie Geschlecht, unabhängig vom Trägerfach, definiert auch der Wissenschaftsrat das Feld: Es umfasst ausdrücklich Medizin, Naturwissenschaften, Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften, nicht nur Soziologie oder Kulturwissenschaft. Die Gendermedizin ist damit kein Randphänomen, sondern ein anerkannter, vom Wissenschaftsrat 2023 explizit zum weiteren Ausbau empfohlener Teilbereich der Geschlechterforschung.
Die pauschale Absicht der AfD, Gender-Studies abschaffen und alle Professor*innen entlassen (wie es Weidel lautstark fordert; ähnlich lautstark und martialisch, wie sie die „Windmühlen der Schande“ abreißen will) zu wollen, dokumentiert einmal wieder das Problem, welches die AfD generell mit wissenschaftlichen Erkenntnissen hat. Bemerkenswert ist zudem, dass eine Frau diese Forderung aufstellt, die zu eindeutig ihrem eigenen Nachtteil ist.
Unterschiedliche Medikamenten-Wikungen belegen die Notwendigkeit
Das Medikamenten-Beispiel beschreibt, was die Geschlechterforschung als Programm beansprucht: Es zeigt, dass eine scheinbar „geschlechtsneutrale“ Norm, hier: am männlichen Körper gewonnene pharmakologische Daten, in Wahrheit unsichtbar männlich codiert war und bei unreflektierter Übertragung auf Frauen zu real messbaren Schäden führt, was für die AfD augenscheinlich kein Problem darstellt. Das ist die Kernthese der Disziplin: Vermeintlich neutrale wissenschaftliche, institutionelle oder gesellschaftliche Standards sind oft implizit an einer Norm ausgerichtet, und das Sichtbarmachen dieser blinden Flecken hat direkte praktische Konsequenzen, hier keine abstrakt-ideologische, sondern eine knallhart empirisch messbare: höhere Nebenwirkungsraten, häufigere Fehldosierungen, spätere Diagnosen bei Frauen.
Damit lässt sich das Beispiel nicht als Einzelfall abtun, sondern als Blaupause für ähnliche Mechanismen in anderen Feldern, etwa bei Sicherheitsnormen (Crashtest-Dummys waren jahrzehntelang nach männlicher Statur konzipiert, wodurch Frauen bei Unfällen ein höheres Verletzungsrisiko trugen) oder bei Diagnosekriterien für Herzinfarkte, die sich ursprünglich an typisch männlichen Symptomen orientierten und weibliche Symptommuster lange übersahen. Die Geschlechterforschung liefert in all diesen Fällen die methodische Grundhaltung, aktiv nach Geschlechterunterschieden zu fragen, statt sie stillschweigend wegzumitteln.
Die politische Pointe
Dieser Befund macht die AfD-Position höchst problematisch, sobald man sie konsequent zu Ende denkt. Ihre programmatischen Forderungen, sämtliche Fördergelder und Forschungsprojekte zu „Gender“ zu streichen, erfassen die Gendermedizin, weil Förderrichtlinien und Ausschreibungen das Forschungsfeld meist als Ganzes adressieren, nicht fachspezifisch getrennt. Die unreflektierten Forderunge der AfD mit ihrer Gender-Kritik würden faktisch zu Kürzungen bei Forschung zu geschlechtsspezifischen Krankheitsverläufen wie Krebs, Rheuma, Alzheimer und vielen anderen Krankheiten in Kauf nehmen, also Erkrankungen oder sogar den Tod von Frauen bewusst in Kauf nehmen. Das Medikamenten-Beispiel zeigt damit exemplarisch, welchen konkreten gesundheitlichen Preis eine pauschale Abschaffung der Geschlechterforschung hätte, unabhängig davon, ob man den geisteswissenschaftlichen Zweig des Feldes kritisch sieht oder nicht.
Beispiele für Geschlechterforschung in den MINT-Fächern
Geschlechterforschung in MINT: Von Sicherheitsgurten bis KI-Bias
In den MINT-Fächern zeigt Geschlechterforschung, dass vermeintlich „neutrale“ Technik oft implizit an einer männlichen Norm ausgerichtet ist, mit messbaren Folgen für Sicherheit, Funktionalität und Datenqualität. Die Plattform Gendered Innovations der Stanford-Historikerin Londa Schiebinger dokumentiert dazu über 40 rezensierte Fallstudien allein für Naturwissenschaft, Medizin, Ingenieurwesen und Umweltforschung.
Sicherheitstechnik und Produktdesign
Ein klassisches Beispiel ist der Autositz und Sicherheitsgurt: Weil Crashtest-Dummys jahrzehntelang nach dem Körperbau eines durchschnittlichen Mannes konstruiert wurden, erhielten schwangere Frauen und kleinere Personen lange keine adäquat angepassten Sicherheitsgurte, was ihr Verletzungsrisiko bei Unfällen deutlich erhöhte. Das Verletzungsrisiko war bis zu 70% erhöht, das Sterberisiko fast 20%. Erst durch Genderspezifische Forschungen konnte dieses Problem beseitigt werden.
Ähnliche Effekte beschreibt der Gender-Data-Gap ganz allgemein: Herde, die für durchschnittliche Männerhände und -kraft ausgelegt sind, verursachen mehr Aufwand für Frauen; Smartphones sind oft zu groß für kleinere Hände konzipiert; Fitnessgeräte wie Ergometer liefern für weibliche Nutzerinnen wegen der zugrunde liegenden männlichen Referenzdaten unzuverlässige Leistungswerte.
Informatik und Algorithmen
In der Informatik zeigt Forschung, wie geschlechtsspezifische Verzerrungen sich in Software und Datensätzen fortsetzen. Ein an der TU Berlin entstandenes Studienprojekt wies etwa nach, dass Algorithmen zur automatischen Gewalterkennung in Filmen häusliche Gewalt, die überwiegend gegen Frauen gerichtet ist, kaum zuverlässig erfassen, weil die Trainingsdaten und Erkennungsmuster diese Gewaltform nicht ausreichend abbilden. Allgemeiner beschäftigt sich der Forschungsansatz „De-Gendering von Gegenständen der Informatik“ damit, wie sich implizite Geschlechterannahmen in Softwaredesign, Programmiersprachen und technischen Artefakten einschreiben und wie man sie sichtbar machen kann.
Umwelt- und Technikforschung
Auch in der Umweltforschung liefert die Gendered-Innovations-Datenbank elf dokumentierte Fallbeispiele, etwa dazu, wie sich Klimafolgen, Ressourcennutzung oder Katastrophenschutzmaßnahmen je nach Geschlecht unterschiedlich auswirken und wie Forschungsdesigns das systematisch berücksichtigen können. In den Ingenieurwissenschaften geht es unter anderem um Produktentwicklung und Technikfolgenabschätzung: Werden Nutzerinnen und Nutzer unterschiedlicher Statur, Kraft oder Nutzungsgewohnheiten von Anfang an mitgedacht, verbessert das laut Forschung sowohl die Sicherheit als auch die Marktfähigkeit von Produkten.
Studienfach- und Fachkultur-Analyse
Ein zweiter, eigenständiger Forschungsstrang der Geschlechterforschung in MINT befasst sich nicht mit den Artefakten selbst, sondern mit der Fachkultur: Warum gelten Mathematik und Informatik gesellschaftlich als „männlich“ konnotiert, Biologie dagegen eher als „weiblich“? Aktuelle Daten zeigen die Konsequenz: Der Frauenanteil unter MINT-Studienanfängerinnen liegt bei 35,6 Prozent, in den Ingenieurwissenschaften sogar nur bei 27,9 Prozent, während er in Nicht-MINT-Fächern bei 62,2 Prozent liegt. Forschung zur sogenannten „Leaky Pipeline“ zeigt zudem, dass Frauen zwar bis zur Promotion in vielen MINT-Bereichen nahezu gleich vertreten sind, auf Professuren und den höchstdotierten Stellen jedoch weiterhin deutlich unterrepräsentiert bleiben. Sozialwissenschaftliche Studien innerhalb dieses Forschungsstrangs zeigen zudem, dass qualifizierte Frauen in Technik und Naturwissenschaften seltener an fachlichen Anforderungen scheitern als an vergeschlechtlichten Praktiken und Gepflogenheiten des Fachbetriebs selbst.
Warum das für MINT-Fächer relevant ist
An deutschen Hochschulen existieren dafür eigene Förderprogramme wie GeDiMINT an der TU Braunschweig oder Gender Pro MINT an der TU Berlin, die eine systematische „Gender-Relevanzprüfung“ in Forschungsanträgen etablieren sollen, also die Frage, ob und wie ein Forschungsvorhaben Geschlechterdimensionen berücksichtigen muss, um belastbare und verzerrungsfreie Ergebnisse zu liefern. Das unterscheidet den Ansatz deutlich von rein ideologiekritischen Debatten: Es geht um Forschungsmethodik und Datenqualität, mit dem Ziel, dass technische Lösungen und wissenschaftliche Erkenntnisse tatsächlich für die gesamte Bevölkerung funktionieren, nicht nur für den statistischen Durchschnittsmann, der lange unbewusst als Norm galt.
Intersektionalität in MINT: Mehr als nur Geschlecht
Intersektionalität ergänzt die Geschlechterforschung in MINT-Fächern um die Erkenntnis, dass Geschlecht selten allein wirkt, sondern sich mit Herkunft, sozialer Klasse, Migrationsgeschichte, Behinderung oder sexueller Orientierung überschneidet und diese Kategorien sich in ihrer diskriminierenden Wirkung gegenseitig verstärken können.
Der Grundgedanke
Der Begriff bezeichnet die Diskriminierung von Personen aufgrund mehrerer, miteinander verschränkter Dimensionen wie Alter, Geschlecht oder Religion, die sich gegenseitig beeinflussen, etwa wenn Sexismus und Klassismus zusammenwirken und dadurch Chancenungleichheit verstärken. Ursprünglich in den US-amerikanischen Gender Studies entwickelt, hat sich der intersektionale Forschungsansatz inzwischen auch in der deutschen Geschlechterforschung etabliert. Er versucht machtkritisch, verschiedene Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse gleichzeitig und in ihren Wechselwirkungen zu erfassen, etwa Geschlecht, Migrationsgeschichte, kulturelle Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft oder Behinderung, statt sie isoliert zu betrachten.
Konkrete Anwendung in MINT-Fächern
In der MINT-Bildungsforschung zeigt sich der praktische Nutzen deutlich: Der Frauenanteil variiert je nach Fach stark, am niedrigsten ist er in Informatik und Elektrotechnik mit teils nur 13 bis 15 Prozent. Eine rein geschlechtsbezogene Analyse würde jedoch übersehen, dass sich Interesse und Zugang zu MINT-Fächern zusätzlich durch sozioökonomischen Status, ethnische Herkunft und Bildungshintergrund der Familie unterscheiden. Studien zeigen, dass mehrere Faktoren gemeinsam darüber entscheiden, ob junge Menschen ein Interesse an MINT-Themen entwickeln und dieses in eine Berufswahl übersetzen können, Geschlecht allein erklärt die Unterrepräsentation also nicht ausreichend.forschungsnetzwerk.
An deutschen Hochschulen wird dieser Ansatz mittlerweile aktiv in Gleichstellungsprogramme integriert. Fachbereiche für Informatik und Ingenieurwesen beschreiben ihre Zielgruppen für Fördermaßnahmen inzwischen bewusst intersektional, indem sie neben Geschlecht auch Internationalität sowie soziale, ethnische und kulturelle Herkunft beziehungsweise Migrationshintergrund berücksichtigen. Ein Fachbericht der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg fordert explizit eine intersektionale Neuausrichtung von MINT-Förderprojekten, die Fragen struktureller Diskriminierung nicht nur beim Geschlecht, sondern zusätzlich bei sozialer und ethnischer Herkunft, Alter oder Care-Verpflichtungen mitdenkt, um der tatsächlichen Heterogenität der Zielgruppe gerecht zu werden.
Beispiel USA: Doppelte Benachteiligung
Internationale Forschung liefert dazu besonders anschauliche Belege. Mentoring-Programme für Frauen mit Migrationshintergrund oder aus rassifizierten Minderheiten (Women of Color) in MINT-Studiengängen zeigen, dass diese Gruppen eine Art „doppelte Benachteiligung“ erfahren, sowohl als Frauen als auch aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Eine Untersuchung zur MINT-Bildung in einkommensschwachen Stadtvierteln fand, dass sich Geschlecht, Ethnizität, sozioökonomischer Status und Staatsbürgerschaftsstatus gemeinsam zu einer Machtlücke verdichten, die Kindern in Armutslagen den Zugang zu authentischen MINT-Lernumgebungen erheblich erschwert. Auch die US-Fachorganisation AWIS argumentiert, dass klassische MINT-Gleichstellungsforschung, die Abbrüche von Frauen in technischen Berufen oft vorschnell familiären Gründen zuschreibt, systemische Ursachen wie diskriminierende Einstellungs-, Beförderungs- und Arbeitsbedingungen übersieht, wenn sie nicht intersektional angelegt ist.
Methodische Konsequenz
Der intersektionale Ansatz hat auch einen forschungspraktischen Effekt: Er drängt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu, Erhebungsinstrumente zu erweitern, etwa bei Umfragen nicht nur binäre Geschlechtskategorien anzubieten, sondern auch nicht-binäre oder genderqueere Identitäten zu erfassen, um Forschungsergebnisse repräsentativer zu machen. Für die MINT-Debatte bedeutet das insgesamt: Wer die Unterrepräsentation von Frauen in Technik und Naturwissenschaft wirksam angehen will, muss laut dieser Forschungsrichtung berücksichtigen, dass sich Geschlecht mit anderen sozialen Kategorien überlagert, eine rein geschlechtsbezogene Förderpolitik würde sonst Gruppen mit mehrfacher Benachteiligung systematisch übersehen.
Fazit
Um es ganz platt auszudrücken: da die AfD ohnehin eine Tendenz zeigt, Frauen zurück an den Herd bannen zu wollen, ist der Versuch einer ideologischen Negierung der Gender-Studies durch diese Partei nur ein konsequentes Handeln.
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