Aktuell wird wieder einmal über die Diäten der Politiker diskutiert. Sie wollen automatisch 500 Euro mehr bekommen, während sie den ärmeren Teil der Bevölkerung zum Verzicht aufrufen. „Diät“ und „Diäten“, zwei Wörter, die identisch klingen und doch zwei völlig verschiedene Welten bezeichnen. Während die „Diät“ heute an Kalorien, Verzicht und Gesundheitsprogramme denken lässt, stehen „Diäten“ für die Bezüge von Politikerinnen und Politikern. Zufall? Keineswegs. Hinter dieser sprachlichen Doppelung verbirgt sich eine überraschend komplexe Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht.
Im Bundestag wird aktuell über eine geplante Erhöhung der Abgeordnetenbezüge zum 1. Juli diskutiert. Hintergrund ist eine automatische Anpassung der sogenannten Diäten. In der Bevölkerung stößt das jedoch auf breite Ablehnung: Laut einer heute veröffentlichten YouGov-Umfrage sind 85 Prozent dagegen.
Derzeit erhalten die 630 Abgeordneten monatlich 11.833,47 Euro sowie zusätzliche Leistungen wie Kostenpauschalen, Personalbudgets und Altersversorgung. Ab Juli sollen die Diäten automatisch auf rund 12.330 Euro steigen, geregelt im Abgeordnetengesetz und orientiert an der allgemeinen Lohnentwicklung.
Viele Menschen kritisieren die Erhöhung vor allem wegen der aktuellen wirtschaftlichen Lage und politischer Streitigkeiten ohne spürbare Entlastungen. Beispiele sind die gescheiterte „Entlastungsprämie“ nach einer Abstimmung im Bundesrat sowie die bislang wirkungslose Tankpreisbremse. Gleichzeitig könnten bald höhere Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung anstehen.
Inzwischen regt sich auch politischer Widerstand. Unionsfraktionschef Jens Spahn sprach sich in einem Interview neuerdings gegen die automatische Erhöhung aus, obwohl er zuvor dafür war. Auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert eine Aussetzung.
Wie es weitergeht, wird derzeit in den Fraktionen beraten (mehr dazu hier). Eine Einigung auf eine Aussetzung in den kommenden Tagen gilt als möglich. SPD, Grüne und Linke sprechen sich bereits dagegen aus, die Diäten zu erhöhen; von Union und AfD gab es auf Anfrage von Correktiv zunächst keine klare Positionierung.
Der eine Begriff führt ins alte Griechenland: Das Wort díaita meinte ursprünglich die gesamte Lebensweise eines Menschen, wurde aber in der Medizin zunehmend auf Ernährung und Lebensführung als Heilmittel eingeengt – der Ursprung unserer heutigen „Diät“. Der andere Weg verläuft über das Lateinische: Aus dies („Tag“) entwickelte sich dieta im Sinne von „Tagung“ und schließlich „Tagegeld“. Daraus entstanden die politischen „Diäten“, also die Entschädigung für die Teilnahme an Versammlungen. Über das Französische gelangte der Begriff ins Deutsche und veränderte dabei erneut seine Bedeutung.
Doch damit ist die Geschichte längst nicht zu Ende. Denn die Idee, politische Tätigkeit überhaupt zu bezahlen, war keineswegs selbstverständlich. In der frühen Demokratie Athens galt sie sogar als undenkbar: Politik war Sache der Wohlhabenden, ein Ehrenamt ohne Entgelt. Erst mit Reformen im 5. Jahrhundert v. Chr. begann sich das zu ändern. Schritt für Schritt wurden kleine Entschädigungen eingeführt, zunächst für Geschworene, später für Ratsmitglieder und schließlich für die Teilnahme an der Volksversammlung. Diese sogenannten „Diäten“ waren bewusst niedrig angesetzt: Sie sollten keinen Reichtum schaffen, sondern lediglich den Verdienstausfall ausgleichen und so auch ärmeren Bürgern politische Teilhabe ermöglichen.
Damit wurde etwas grundlegend Neues geschaffen: Demokratie nicht nur als Recht, sondern als praktisch zugängliche Realität für breite Bevölkerungsschichten. Gleichzeitig entstand ein Spannungsfeld, das bis heute nachwirkt, zwischen politischer Teilhabe, finanziellen Anreizen und der Frage, wie viel Entschädigung angemessen ist.
Wer genauer verstehen will, wie eng Sprache, Politik und Gesellschaft hier miteinander verwoben sind, und welche überraschenden Details von antiken Münzen (vor kurzem wurde eine griechische Münze in Spandau gefunden) bis zu Begräbnisriten dabei eine Rolle spielen, sollte einen Blick in den vollständigen Beitrag werfen.



