IPCC und das Worst-Case-Szenario: was ist wirklich passiert
In den letzten Wochen kursiert eine gefährliche Fehlinformation: Die Behauptung, der Weltklimarat IPCC habe den Klimawandel „abgesagt“. Diese Nachricht verbreitet sich besonders in rechts-konservativen und klimaskeptischen Kreisen und wird von einigen Medien mit Überschriften wie „Ist der Klimawandel abgesagt?“ diskutiert. Die Wahrheit ist jedoch deutlich nuancierter und vor allem besorgniserregender als die vereinfachten Schlagzeilen suggerieren.
Richtig ist, dass das extremste Klima-Emissionsszenario RCP8.5 (wobei „RCP“ für „Representative Concentration Pathway“ steht) von den aktuellen Klimamodellierungen des IPCC nicht mehr als plausible Option für das 21. Jahrhundert betrachtet wird. Dieses Szenario ging von einer Erwärmung von bis zu 4,4 bis 4,8 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau aus und setzte voraus, dass die Menschheit kaum Klimapolitik betreiben würde, die Kohlenutzung massiv weiter wüchse und fossile Energiequellen dominieren würden. Doch die Welt hat sich verändert, und zwar in Richtung, die dieses Szenario weniger wahrscheinlich macht.
Das Entscheidende ist: Das Worst-Case-Szenario wurde nicht gestrichen, weil die Klimaphysik falsch gewesen wäre oder weil der Klimawandel harmloser ist als angenommen. Es wurde als weniger plausibel eingestuft, weil Klimapolitik bereits gewirkt hat. Der rasante Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere von Solar- und Windkraft, hat die Kosten für saubere Energie drastisch gesenkt. Immer mehr Länder haben sich Netto-Null-Ziele gesetzt, Klimagesetze verabschiedet und Investitionen in fossile Energien zurückgefahren. Die Elektromobilität entwickelt sich schneller als erwartet, und die Kohlenutzung wächst langsamer als damals im Szenario angenommen. Anders gesagt: Die Menschheit hat durch Klimaschutz reagiert und das Worst-Case-Szenario dadurch mehr und mehr unplausibel gemacht.
Diese Entwicklung ist ein Erfolg für den Klimaschutz, keine Entwarnung für die Klimakrise!
Die Realität: Der Klimawandel beschleunigt sich
Trotz der Anpassung des Worst-Case-Szenarios zeigt sich in der Realität ein besorgniserregendes Bild. Der Klimawandel beschleunigt sich seit 2015 messbar. Der langfristige Erwärmungspfad steigt schneller als viele Experten vorhergesagt hatten. Die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre erreicht historische Höchstwerte und liegt deutlich über natürlichen Schwankungen der letzten 800.000 Jahre. Die Ozeane speichern den Großteil der zusätzlichen Wärme und erreichen weiterhin Rekordwerte. Und was besonders wichtig ist: Seit der Industrialisierung hat sich 98 Prozent der Erde erwärmt. Der Temperaturanstieg ist kein regionales Phänomen mehr, sondern ein weltweites, dessen Geschwindigkeit in den letzten 2.000 Jahren beispiellos ist.
Selbst bei einer „nur“ moderaten Erwärmung von 2 Grad Celsius treten bereits schwere Folgen auf. Häufiger und intensiver treten Dürren auf, Starkregenereignisse nehmen zu, die Bedingungen für Waldbrände verschärfen sich, und regional sind die Auswirkungen stärker als in den Durchschnittsmodellen angenommen. Die 1,5-Grad-Grenze, die im Pariser Abkommen als wichtiges Ziel festgelegt wurde, könnte mit einer 50:50-Chance bereits bis 2026 erstmals überschritten werden.
Die neuen Klimamodelle zeigen, dass selbst bei sehr starker Klimapolitik eine Erwärmung von 1,7 bis 2,0 Grad Celsius bis 2100 wahrscheinlich ist, das 1,5-Grad-Ziel ist kaum noch ohne Überschreitung erreichbar. Der realistischste Pfad bei aktueller Politik liegt zwischen 2,5 und 3,0 Grad Celsius Erwärmung. Und selbst dieses „mittlere“ Szenario bleibt hochriskant.
Die Reaktion der Klimaskeptiker
Seit Anfang Mai 2026 verbreiten Klimaskeptiker die Erzählung, der IPCC habe den Klimawandel „abgesagt“. Donald Trump, der aktuelle Präsident der USA, kommentierte dies im Weißen Haus mit den Worten: „Endlich sind sie weg! Nach 15 Jahren hat der oberste Klimarat der UN eingestanden, dass seine eigenen Vorhersagen FALSCH sind.“ Karsten Hilse von der AfD bezeichnete das extreme Szenario RCP8.5 als „Horrorszenario, das nie auch nur annähernd plausibel war“ und den IPCC-Bericht als „Ende des größten Betrugs der Menschheit“. Bei dieser Argumentation versteht man auch, warum die AfD anderswo die Schulpflicht abschaffen will.
Klimaskeptiker-Portale behaupten, Klimamodelle seien widerlegt und der CO₂-Ablasshandel in Deutschland basiere auf falschen Modellen. Medien wie Bild, Welt und NIUS publizieren Überschriften, die diese Narrative verstärken. In der AfD im Bundestag wurde die Streichung von RCP8.5 als Beleg dafür begrüßt, dass Klimapolitik „unsinnigste Maßnahmen“ gewesen sei und die Menschen in Panik versetzt wurden.
Diese Darstellungen sind jedoch wissenschaftlich falsch und verwechseln Ursache und Wirkung.
Die wissenschaftliche Widerlegung
Die Behauptung, der Klimawandel sei „abgesagt“, ist schlichtweg falsch. Der IPCC hat keinen neuen Bericht veröffentlicht, der die Klimakrise zurücknimmt. Im Gegenteil: Die Klimaphysik bleibt vollständig gültig.
Das Worst-Case-Szenario wurde nicht dadurch unplausibel, dass die Klimamodelle falsch gewesen wären. Es wurde unplausibel, weil die Gesellschaft weniger extreme Emissionspfade wahrscheinlicher macht. Die Modelle berechnen, wie das Klimasystem auf Emissionen reagiert. Wenn die Politik wirkt und die Emissionen langsamer steigen als befürchtet, verändert das den Input in die Modelle, nicht die zugrundeliegende Physik.
Wer daraus folgert, Klimapolitik sei unnötig gewesen, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Welt ist weniger katastrophal gelandet, weil Klimapolitik gewirkt hat, nicht trotz ihr. Ohne die bisherigen Maßnahmen wäre das Worst-Case-Szenario viel wahrscheinlicher geworden.
Eine Welt mit 2,5 bis 3 Grad Celsius Erwärmung bleibt hochriskant. Häufigere tödliche Hitzewellen sind zu erwarten, stärkere Ernteausfälle durch Wasserstress, teurerer Küstenschutz und zunehmende Anpassungsgrenzen. Das ist keine Entwarnung, sondern ein weiterhin besorgniserregendes Bild.
Was die Behauptung natürlicher Klimazyklen angeht: Der aktuelle Temperaturanstieg ist einzigartig schnell in den letzten 2.000 Jahren und zu 98 Prozent global, kein natürliches Phänomen kann dies erklären. Es gibt keine Belege für absichtliche Verfälschungen in der Klimaforschung. Berechtigte Kritik gilt nur der Kommunikation von RCP8.5, nicht der wissenschaftlichen Grundlage.
Fazit: Was wirklich zählt
Die Streichung von RCP8.5 als weniger plausibles Szenario ist ein Erfolg des Klimaschutzes, kein Grund, die Maßnahmen einzustellen. Der realistische Pfad von 2,5 bis 3 Grad Celsius Erwärmung ist weiterhin gefährlich und kein „harmloses“ Szenario. Das 1,5-Grad-Ziel ist ohne Überschreitung kaum noch erreichbar, und die Debatte verschiebt sich nun zur Frage, wie hoch und wie lang eine Überschreitung sein wird.
Besonders wichtig ist: Die Veränderungen passieren nicht nur, sie passieren schneller und mit größeren Auswirkungen. Die Wissenschaft bestätigt im Kern den bisherigen Klimapolitik-Kurs, verschärft aber das Bild. Der Klimawandel ist real, menschengemacht und beschleunigt sich. Klimaskeptiker nutzen Halbwahrheiten, indem sie echte wissenschaftliche Aktualisierungen mit politischer Fehldeutung vermischen.
Die Fakten sind klar: Wir müssen die Klimapolitik nicht abschwächen, sondern verschärfen. Der Erfolg der bisherigen Maßnahmen zeigt, dass Klimapolitik wirkt. Jetzt gilt es, diesen Erfolg nicht zu verspielen, sondern auszubauen, um die verbleibenden Risiken so gering wie möglich zu halten. Die Klimakrise ist nicht abgesagt, sie ist akut, und die Zeit für entschlossenes Handeln läuft weiter.
Wer jetzt eine rückwärtsgewandte Energiepolitik fördert, handelt unverantwortlich, wissenschaftsfeindlich und letztendlich menschenverachtend, denn er/sie verschärft die Probleme für nachfolgende Generationen. Schon jetzt sterben unzählige Menschen allein in Europa wegen der extremen sommerlichen Hitze. Felder verdorren, der Grundwasserspiegel sinkt, Extremwetterereignisse nehmen drastisch zu – und Frankreich kann z.B. seine Atomkraftwerke kaum mehr betreiben, weil das „Kühlwasser“ zu warm ist. Alle, die jetzt weiterhin auf fossiles Heizen setzen, sollten sich eine sichere Geldquelle zulegen. Denn diese werden sie bitter brauchen.



