In den historischen Mauern der Zitadelle Spandau, versteckt hinter der eher unscheinbaren Fassade von Haus IV, verbirgt sich seit drei Jahrzehnten eine der ungewöhnlichsten kulturellen Institutionen Spandaus: die Musikinstrumenten-Werkstatt Klang-Holz e.V.. Am 26. September 2026 lädt der Verein im Gotischen Saal der Zitadelle zu seinem 30-jährigen Jubiläum ein, ein Grund, auf eine Geschichte zurückzublicken, die von Handwerk, Musik und gelebter Inklusion erzählt.
Vom Freundeskreis zum Verein
Die Wurzeln des heutigen Vereins reichen bis ins Jahr 1992 zurück. Damals holte der frühere Kunstamtsleiter Gerd Steinmüller den Instrumentenbauer Norbert Dobisch auf die Zitadelle, um dem einstigen militärisch genutzten Gemäuer, wo zuvor Polizei-Feuerwerker nach Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg suchten, eine friedliche, kulturelle Nutzung zu geben. Aus Dobischs Werkstatt Klangholz entstand 1996 aus dem Freundeskreis der Werkstatt der gemeinnützige Verein Klang-Holz e.V., der bis heute seinen Sitz im Erdgeschoss von Haus IV hat.
Der Verein ist als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt und finanziert seine Arbeit über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Fördermittel sowie geförderte Beschäftigungsmaßnahmen des Jobcenters. Bis zu 20 sogenannte 1-Euro-Kräfte fanden hier im Rahmen von Eingliederungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose immer wieder die Möglichkeit, neben handwerklicher Tätigkeit auch persönliche und sprachliche Kompetenzen zu stärken, ein Aspekt, den auch der frühere Spandauer Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank bei einem Besuch ausdrücklich lobte: Das Projekt sei zugleich pädagogisch wertvoll und ein Beispiel für sinnvoll investiertes Fördergeld. Gerne wurden ausländische Besucher vom Bezirksamt immer wieder in die Musikinstrumentenwerkstatt geführt.
Es gibt (fast) keine unmusikalischen Menschen
Das Leitmotiv des Vereins lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den schon Gründer Norbert Dobisch gern wiederholte: Es gibt kaum unmusikalische Menschen, nur solche, denen nie die Gelegenheit gegeben wurde, ihre Musikalität zu entdecken. Genau diese Lücke will Klang-Holz füllen, gerade weil Musik- und Werkunterricht an vielen Schulen aus Personal- oder Materialmangel zu kurz kommen.
Jährlich kommen rund 1.200 Kinder mit Kita-Gruppen, Schulklassen oder Familien in die Werkstatt, um eigene, einfache Instrumente zu bauen oder auszuprobieren, Klanghölzer, Trommeln und andere Selbstbauinstrumente gehören zum festen Programm. Zusätzlich arbeitet der Verein alte und beschädigte Musikinstrumente auf und gibt sie als Spende oder Leihgabe an Schulen und Kindergärten weiter, die sich neue Instrumente sonst nicht leisten könnten.
Chrotta, Kithara und Kastenlyra: Handwerk mit historischer Tiefe
Was Klang-Holz besonders macht, ist die Ausrichtung auf historische Saiteninstrumente, deren Wurzeln teils Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückreichen: die keltische Chrotta, die Lyra, der Psalter, das Dulcimer oder die griechische Kithara und die achtseitige ägyptische Kastenlyra waren schon in Vitrinen des Vereins ausgestellt und dokumentieren die Baugeschichte dieser Instrumente. Im Musikraum der Werkstatt hängt der Himmel voller Instrumente. Man betritt hier eine andere Welt.
Wer selbst ein Musikinstrument besitzen möchte, muss dabei stets selbst Hand anlegen, gekauft wird bei Klang-Holz grundsätzlich nichts. „In unseren Kursen geht es nicht darum, ein Instrument zu bauen, weil das billiger ist als neu zu kaufen. Hier geht es um die Intimität zum Instrument, es mit den eigenen Händen zu erschaffen“, beschreibt Geschäftsführerin Nadya Dittmar den Ansatz des Vereins. Nadya führt die von Norbert Dobisch, dem Gründer der Werkstatt, begründete Tradition fort. Mit ihr tun dies seit Jahrzehnten viele helfende Hände.
Dittmar, die 1998 zum Verein kam und selbst Trommel und Chrotta spielt, hat sich ihr eigenes Instrument einst während des Studiums der Bildenden Kunst gebaut, rund 200 Arbeitsstunden investierte sie in ihre „Bastardfidel“. Ihre Erfahrung zeigt, wie sehr der Verein von genau dieser Leidenschaft lebt: Wer den ersten Fuß in die Werkstatt setzt, so berichten Besucher, kehrt meist wieder, häufig als Mitglied einer der zahlreichen Musikgruppen, die sich rund um Klang-Holz gebildet haben.
Werkstatt, Musikschule und Konzertsaal in einem
Die Räume des Vereins vereinen mehrere Funktionen zugleich. Neben der eigentlichen Bauwerkstatt mit Hobel, Säge, Feile und Sandpapier gibt es einen Musikraum, in dem musiziert und geprobt wird, während nebenan gesägt, geschliffen, gehobelt und geleimt wird. Jeden ersten Samstag im Monat öffnet das Klang-Holz-Café von 15 bis 18 Uhr seine Türen für gemeinsames Musizieren, zu dem auch Zuhörer jederzeit willkommen sind. Für Kinder zwischen acht und 18 Jahren gibt es feste offene Termine montags und donnerstags, an denen getrommelt, gebaut und musiziert werden kann. In den Ferien ergänzten früher sogar Zeltlager und spezielle Baukurse das Angebot. Selbst die Bundeskunsthalle in Bonn ludt die Werkstatt einst ein, um begleitend zur Ausstellung „Das Gold der Thraker“ einen Musikinstrumentenbaukurs durchzuführen. Erwachsene wie Kinder konnten so ihre eigene Lyra bauen.
Getragen wird die Arbeit maßgeblich durch ehrenamtliches Engagement der rund 60 Vereinsmitglieder, kombiniert mit Kursgebühren, die bewusst niedrig gehalten werden.
Das Jubiläum: Erinnern, musizieren, genießen
Zum 30-jährigen Bestehen lädt Klang-Holz e.V. am 26. September 2026 ab 14 Uhr in den barrierefrei zugänglichen Gotischen Saal der Zitadelle ein. Unter dem Motto „Seit dreißig Jahren bauen wir zusammen Musik!“ sollen gemeinsames Erinnern, Musizieren und Feiern im Mittelpunkt stehen. Wer teilnehmen möchte, wird gebeten, sich per Mail an 30jahre@klang-holz.de anzumelden, damit der Verein die Größenordnung der Feier planen kann.
Ein persönlicher Programmpunkt der Jubiläumsvorbereitungen macht dabei besonders deutlich, wie eng die Vereinsgemeinschaft zusammenhält: Der langjährige Weggefährte Vicente Tolaba, der inzwischen wieder in Argentinien lebt, möchte an der Feier teilnehmen, kann sich das Flugticket aber nicht ohne Weiteres leisten. Der Verein hat deshalb öffentlich zu einem Crowdfunding aufgerufen, um ihm die Reise nach Berlin zu ermöglichen.
Vicente Tolaba, unser langjähriger Kollege und Freund möchte gerne mit uns das 30-jährige Jubiläum vom Klang-Holz e.V. feiern.
Wir sind ihm für seine mehr als 20 jahrelange Unterstützung sehr dankbar. Gemeinsam mit vielen Mitgliedern und Freunden des Klang-Holz e.V. hat er Instrumente wie Charango, Gitarre, Trommel, Xarana, Harfe, Chrotta und Flöte gebaut, so wie uns mit Gitarrenklängen und Gesang erfreut: siehe: Doku Klang-Holz e.V.
Seit letztem Jahr lebt er wieder in Argentinien, würde jetzt aber in Berlin sehr gern dabei sein. Da die Rente jedoch leider ziemlich schmal ist, wäre er sehr dankbar über eine kleine Unterstützung durch crowdfunding, um damit ein Flugticket zahlen zu können. Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr ihm helfen könnt und wollt: gofundme.com
Ein Ort mit Zukunft
Bereits 2016 hatte der Verein sein 20-jähriges Bestehen im selben Gotischen Saal gefeiert, ein Jubiläum, das damals unter dem Eindruck der wachsenden Bedeutung des Vereins für die Jugendarbeit im Bezirk Spandau stand. Zehn Jahre später zeigt sich, dass Klang-Holz seinen Platz im kulturellen Ökosystem der Zitadelle fest behauptet hat: Neben dem Puppentheater und einer Glasgravurwerkstatt gehört die Instrumentenwerkstatt zu den ältesten festen Anlaufstellen für Besucher, die abseits der großen Zitadellen-Konzerte und Ausstellungen ein authentisches, handwerklich geprägtes Kulturangebot suchen.
Für die kommenden Monate hat der Verein bereits ein reguläres Werkstattprogramm angekündigt, jeden Freitagnachmittag zwischen 15 und 19 Uhr findet unter Anleitung von Wolfgang Walter eine offene Werkstatt statt, ergänzt um besondere Termine wie den Zitadellensonntag, bei dem Klang-Holz im Rahmen des freien Eintritts ein eigenes Familienprogramm anbietet. Damit setzt sich fort, was den Verein seit 1996 auszeichnet: die Überzeugung, dass Musik am eindrücklichsten dort entsteht, wo man sie mit den eigenen Händen baut.
26. September 2026
14 Uhr
Zitadelle Spandau
Am Juliusturm 64
Gotischer Saal
Anmeldung bitte unter: 30jahre@klang-holz.de



