PISA 2025: Deutschland fällt auf historischen Tiefstand

Die neue PISA-Studie zeigt für Deutschland die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000, schlechter sogar als beim sogenannten „PISA-Schock“ von 2001. Die am 8. September 2026 von der OECD veröffentlichten Zahlen belegen einen Negativtrend, der sich über mehr als ein Jahrzehnt verstetigt hat.

Wundert es noch irgendjemanden, dass sich, besonders in Wahlzeiten, die Verantwortliche Partei zu Worte meldet und damit wirbt, wie sehr sie sich für Bildung „einsetzt“? Seit 25 Jahren wissen wir, dass aus Worten Taten folgen müssen…

Die aktuellen Zahlen im Detail

Die 2025 getesteten 15-Jährigen erreichten in Naturwissenschaften durchschnittlich 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. Damit erreicht Deutschland in allen drei Bereichen nur noch das OECD-Durchschnittsniveau, während es früher, besonders in den Naturwissenschaften, klar darüber lag. Jedem dritten Jugendlichen fehlen grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik, in den Naturwissenschaften betrifft dies etwa jeden vierten. Rund ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler erreicht in keinem der drei Testbereiche ausreichende Basiskompetenzen.

Gleichzeitig schrumpft die Gruppe der Leistungsstarken: In allen drei Fächern liegt der Anteil besonders kompetenter Jugendlicher inzwischen unter zehn Prozent. Studienleiter Samuel Greiff bezeichnete die Werte als die „niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen“.

Seit wann geht es abwärts?

Der Abwärtstrend ist keine plötzliche Entwicklung, sondern das Ergebnis einer über zehn Jahre andauernden Talfahrt, die einer kurzen Erholungsphase folgte.

  • 2001 (PISA-Schock): Erste Erhebung, Deutschland landet im unteren Mittelfeld, verbunden mit schwacher sozialer Chancengerechtigkeit.
  • 2001–2012: Reformen wie Ganztagsschulausbau und frühkindliche Sprachförderung führen zu einem rund zehnjährigen Aufwärtstrend.
  • Seit etwa 2012: Die Entwicklung kehrt sich um, die Werte sinken seither kontinuierlich.
  • 2018 zu 2022: Besonders starker Einbruch in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften.
  • 2022 zu 2025: Erneuter Rückgang in allen drei Bereichen auf neue historische Tiefststände.

Damit verstärkt sich, betrachtet über das gesamte zurückliegende Jahrzehnt, laut OECD ein klarer „negativer Trend“ für Deutschland.

Seit Jahren bekannte Probleme

Mehrere Befunde sind nicht neu, sondern begleiten die deutsche Bildungsdebatte seit Jahren:

  • Starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von sozialer Herkunft und Elternhaus, seit der ersten PISA-Studie 2001 dokumentiert.
  • Schrumpfende Leistungsspitze auch an Gymnasien, bereits 2022 als Problem benannt.
  • Unzureichende Integration und Förderung zugewanderter Kinder.
  • Lehrkräftemangel und Unterrichtsausfall als strukturelle Dauerbaustellen.
  • Zu geringe frühkindliche Förderung trotz jahrzehntelanger Reformversprechen seit Bulmahns Ankündigungen 2001.

Was neu hinzugekommen ist

Die aktuelle Erhebung liefert zusätzliche, teils verschärfte Erkenntnisse gegenüber früheren Runden.

  • Der Anteil der Jugendlichen ohne Basiskompetenzen in Lesen und Mathematik hat sich seit 2015 verdoppelt.
  • Der Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlichen Kompetenzen und sozioökonomischem Status ist so stark wie nie zuvor gemessen.
  • Erstmals liegen die deutschen Werte in allen drei Bereichen unter dem Niveau der allerersten PISA-Studie von 2000.
  • Neue Belastungsfaktoren treten hinzu: veränderte Mediennutzung, wachsende psychische Belastungen, Künstliche Intelligenz, demografischer Wandel und Fachkräftemangel werden erstmals explizit als Herausforderungen für das System benannt.
  • Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete die Ergebnisse als „dramatisch“ und räumte ein, das „Aufstiegsversprechen“ funktioniere derzeit nicht.

Wer trägt die Verantwortung?

Die Zuständigkeiten für Bildungspolitik in Deutschland sind zwischen Bund und den 16 Bundesländern aufgeteilt, was die Verantwortungsfrage kompliziert macht.

AkteurZuständigkeitRolle bei PISA 2025
Kultusministerkonferenz (KMK)Koordination der 16 Länder in SchulpolitikTraditionell für Lehrpläne, Standards zuständig, gilt als langsam
Bundesministerin Karin Prien (CDU)Bundesweite Programme, Kita-Gesetz, StartchancenFordert engere Bund-Länder-Zusammenarbeit, verweist auf Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz
BundesländerOperative Schulpolitik, Lehrkräfteausbildun, RessourcenSehr unterschiedliche Ergebnisse und Regelungen je Bundesland
BundDigitalpakt, Kita-FinanzierungSetzt mit Digitalpakt 2.0 und Kita-Gesetz eigene Akzente

Bundesbildungsminister seit 1969

  • 1969–1972: Hans Leussink, parteilos
  • 1972–1974: Klaus von Dohnanyi, SPD
  • 1974–1978: Helmut Rohde, SPD
  • 1978–1981: Jürgen Schmude, SPD
  • 1981–1982: Björn Engholm, SPD
  • 1982–1987: Dorothee Wilms, CDU
  • 1987–1990/91: Jürgen W. Möllemann, FDP
  • 1990/91–1994: Rainer Ortleb, FDP
  • 1994 (kurz): Karl-Hans Laermann, FDP
  • 1994–1998: Jürgen Rüttgers, CDU
  • 1998–2005: Edelgard Bulmahn, SPD
  • 2005–2013: Annette Schavan, CDU
  • 2013–2018: Johanna Wanka, CDU
  • 2018–2021: Anja Karliczek, CDU
  • 2021–2024: Bettina Stark-Watzinger, FDP
  • 2024–2025: Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen
  • seit 2025 (Forschung, Technologie, Raumfahrt): Dorothee Bär, CSU
  • seit 2025 (Bildung): Karin Prien, CDU

Der deutsche Bildungsföderalismus gilt vielen Fachleuten als struktureller Bremsklotz für wirksame Reformen. Die Kultusministerkonferenz, in der sich die 16 Länder abstimmen müssen, wird wegen ihrer langsamen Entscheidungsprozesse selbst spöttisch mit der „Schnelligkeit einer Landschildkröte“ verglichen. Dieses Zuständigkeitsgeflecht führt seit dem PISA-Schock 2001 zu einem „Zuständigkeits-Durcheinander“: Zwar einigten sich die Kultusminister damals schnell auf sieben „Handlungsfelder“, doch die eigentliche Umsetzung, etwa bei der Lehrerbildung, blieb über ein Jahrzehnt uneinheitlich und schleppend.

Auch aktuell wird die Kritik an unterschiedlichen Regelungen der Länder, fehlender Vergleichbarkeit und mangelnder Koordination laut, wobei Beobachter betonen, dass der Bildungsföderalismus heute fest im Grundgesetz verankert ist und sich nicht allein historisch aus alliierten Entscheidungen nach 1945 erklären lässt. Prien selbst plädiert deshalb nicht für einen Systemwechsel, sondern für ein „enges Bund-Länder-Verhältnis“, in dem der Bund gezielt dort unterstützt, wo Länder allein nicht ausreichend handeln können, etwa über große Programme wie das Startchancen-Programm oder das neue Kita-Gesetz. Kritiker sehen darin jedoch nur einen weiteren Versuch, strukturelle Koordinationsprobleme durch zusätzliche Bundesprogramme zu kompensieren, ohne die grundlegende Zersplitterung der Zuständigkeiten zu beheben.

Wenn ein Drittel nicht versteht, was es unterschreibt

Rund ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Drei Jahre später sollen genau diese Jugendlichen Mietverträge unterschreiben, Kredite aufnehmen, einen Bundestag wählen oder komplexere Zusammenhänge verstehen (Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik…). Diese Kluft zwischen gesellschaftlichem Anspruch und schulischer Realität ist der eigentliche Skandal, nicht die Studie selbst.

Nach jeder PISA-Runde folgt eine Debatte über Ursachen, Migration, Elternhaus, Social Media, Corona, bevor neue Programme gestartet und evaluiert werden, ohne dass sich am Kern etwas ändert. Tatsächlich zeigt die aktuelle Studie, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Kompetenzniveau so stark ist wie nie zuvor gemessen. Es geht nicht nur um die Schwächsten, sondern um eine allgemeine Erosion der Grundkompetenzen, die früher als selbstverständlich galten. Wissen über Lösungen ersetzt keine Umsetzung. Frühe Sprachförderung und die Sicherung von Basiskompetenzen sollten im Vordergrund stehen.

Das „Bildungskonzept“ der AfD – Bildungspflicht

Ab morgen wird jedes deutsche Wohnzimmer zum Klassenzimmer, jeder Küchentisch zum Lehrerpult, und die Halbjahreszeugnisse verteilt künftig nicht mehr Frau Müller, sondern Mama, kurz vor dem Abendessen, zwischen Kartoffelschälen, Wäschewachen und der Frage, ob das jetzt Bruch- oder Prozentrechnung war, oder aber die Frage, wie gehen wir mit wissenschaftlichen und historischen, wirtschaftlichen Erkenntnissen um, die von den „Bildungspflicht“-Fordernden negiert werden?

Der Elternteil mit der Kreide

Wer genau soll den Unterricht übernehmen, wenn beide Elternteile berufstätig sind? Die Antwort liegt nahe, auch wenn sie niemand offiziell ausspricht: Studien zur Aufteilung von Sorgearbeit zeigen seit Jahren, dass unbezahlte Bildungs- und Erziehungsarbeit überproportional bei Frauen landet, und eine Bildungspflicht dürfte diesen Trend eher zementieren als aufbrechen. Die deutsche Mutter (denn andere wurden ja vergrault) wird zur Klassenlehrerin für Mathematik, Deutsch, Chemie, Fremdsprachen, Kunst, Digitales degradiert – nebenbei, versteht sich, denn der Haushalt läuft ja nicht von selbst, wie schon ein alter deutscher Schlager freudigst verkündete.

Fachkompetenz nach Bauchgefühl

Sachsen-Anhalts AfD-Programm sieht halbjährliche zentrale Prüfungen vor, mit denen der Lernerfolg der zuhause unterrichteten Kinder kontrolliert werden soll. Nur bleibt offen, wer die Eltern selbst prüft, bevor sie unterrichten dürfen. Reicht das Abitur von 1998, um binomische Formeln zu erklären, oder braucht es doch noch einen Crashkurs in Differentialrechnung am Küchentisch? Welche Geschichtsschreibung soll vermittelt werden? Schon jetzt ist die digitale Kompetenz in Deutschland eher überschaubar, mit weitreichenden Folgen. Bildungsverbände sehen den Vorschlag kritisch, weil schlicht unklar bleibt, wie pädagogische und fachliche Eignung der Eltern überhaupt festgestellt werden soll.

Die AfD sieht das bestehende Bildungssystem als „von Ideologie durchzogen“ an und strebt einen grundlegenden Umbau an, der Werte wie nationale Zugehörigkeit und Heimatverbundenheit stärker verankern soll. Bildung soll insgesamt einem politisch genormten Diktat unterworfen werden, wie es auch in der DDR üblich war.

Wenn das Kind durchfällt

Und dann die pikante Frage: Was passiert, wenn der Sprössling bei der halbjährlichen Prüfung durchrasselt? Wird der Bildungspflicht-Bescheid der Eltern eingezogen wie ein Führerschein nach zu vielen Punkten? Kommt das Kind zurück in die „richtige“ Schule, mit dem Stigma „zu Hause durchgefallen“ im Gepäck, während die Klassenkameraden längst zwei Kapitel weiter sind? Hinter der propagierten Bildungsreform steckt wohl eher ein strategischer Angriff auf staatliche Institutionen, als eine durchdachte pädagogische Alternative, und genau diese Lücke, was mit gescheiterten Homeschooling-Versuchen geschieht, bleibt im Programm unbeantwortet, wie so vieles im Katalog der AfD.

Sanktion für „inkompetente“ Eltern

Falls die Prüfung wiederholt schlecht ausfällt: Droht dann ein Bußgeld, ein Hausbesuch vom Amt, oder einfach ein mitleidiges Kopfschütteln beim Elternabend, der ja jetzt eigentlich ein Elterngespräch mit sich selbst wäre? Das Bundesverfassungsgericht begründet die bestehende Schulpflicht ausdrücklich mit der Integrationsfunktion der Schule, die verhindern soll, dass Kinder in parallelen „Bildungswelten“ aufwachsen.

Bildungsqualität als Glücksspiel

Wenn Bildungserfolg davon abhängt, wie viel Zeit, Nerven und Fachwissen die eigenen Eltern mitbringen, wird aus staatlicher Chancengleichheit ein Lotteriespiel nach Postleitzahl und Familienbudget. Bildungsqualität würde unter einer Bildungspflicht schlicht „Glückssache“. Man stelle sich vor, der Nachbarssohn lernt Physik bei einem pensionierten Ingenieur-Vater, während die Nachbarstochter drei Straßen weiter ihr gesamtes Chemie-Wissen aus YouTube-Tutorials zieht, Halbjahresprüfung inklusive. Oder wird die AfD einen kuratierten YouTube-Bildungskanal schaffen, mit politischen genehmen „Wissen“?

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