Am Freitag, den 3. Juli 2026, wird in Berlin-Hakenfelde eine Straße nach Elisa Gérard benannt. Die feierliche Enthüllung des Straßenschildes findet um 9:30 Uhr an der Goltzstraße/Ecke Carossastraße statt. Im Anschluss wird die Veranstaltung im Foyer des Uhrenturms auf dem Gelände des ehemaligen Luftfahrtgerätewerks an der Streitstraße fortgesetzt.
Die Linksfraktion um Lars Leschewitz hatte im März 2022 in der Spandauer BVV beantragt, den Namen des Schriftstellers Hans Carossa zu ersetzen und die Straße künftig nach einer Frau zu benennen, bevor die rund 1.800 neuen Wohnungen dort bezogen werden.
Gudrun O’Daniel-Elmen, Beauftragte für Erinnerungskultur im evangelischen Kirchenkreis Spandau, unterstützt den Antrag und schlug vor, die Straße nach Elisa Gérard zu benennen, einer ehemaligen Zwangsarbeiterin im Siemens-Luftfahrtgerätewerk auf dem Gelände. Damit würde der neue Name sowohl an die Zwangsarbeit während der NS-Zeit als auch an die Rolle des Werks in der Rüstungsproduktion erinnern.
Mit der Benennung würdigt der Bezirk Spandau das Leben einer Frau, die während des Nationalsozialismus Zwangsarbeit leisten musste. Elisa Gérard wurde am 18. Februar 1922 im elsässischen Pfastatt geboren. Als ältestes von fünf Kindern wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf und begann bereits im Alter von 13 Jahren zu arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen. Vor ihrer Verschleppung nach Berlin war sie in verschiedenen Fabriken in ihrer Heimatregion tätig.
Von Mai 1942 bis zum Frühjahr 1945 wurde Gérard zur Zwangsarbeit im Siemens-Luftfahrtgerätewerk in Berlin-Spandau gezwungen. Dort arbeitete sie über Jahre hinweg an derselben Maschine und fertigte Flugzeugteile, deren Verwendungszweck ihr unbekannt blieb. Die monotone Arbeit und die Lebensbedingungen im Lager prägten ihre Erinnerungen nachhaltig. Erst nach Kriegsende konnte sie in ihre Heimat zurückkehren.
Erst Jahrzehnte später kam es zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal. Im Jahr 2011 besuchte die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau Elisa Gérard gemeinsam mit Jugendlichen an ihrem damaligen Wohnort Saint-Brevin in der Bretagne. Es waren die ersten Deutschen, mit denen sie ausführlich über ihre Zeit in Spandau sprach. Neben persönlichen Begegnungen entstand auch ein Interview, das zur Grundlage weiterer Erinnerungsarbeit wurde. Ihre Lebensgeschichte, niedergeschrieben von ihrem Sohn, erschien anschließend in deutscher Sprache als Buch.
Auch bei der aktuellen Veranstaltung steht die Erinnerung im Mittelpunkt. Junge Menschen, darunter Vivien Seltmann, die bereits 2011 an der Begegnung beteiligt war, werden aus dem Leben Gérards berichten und Ausschnitte aus dem Interview präsentieren. Zudem werden Angehörige aus Frankreich erwartet: die Tochter von Elisa Gérard sowie deren Tochter haben ihr Kommen angekündigt.
An der offiziellen Benennung der Straße nehmen unter anderem Bezirksstadtrat Torsten Schatz (Abteilung Bauen, Planen, Umwelt- und Naturschutz) sowie Bezirksbürgermeister Frank Bewig teil. Die Veranstaltung ist eine gemeinsame Initiative des Bezirksamts Spandau und der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau.
Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde
Das Luftfahrtgerätewerk Hakenfelde (LGW) im Berliner Ortsteil Spandau, gelegen zwischen Streitstraße und Maselakepark, zählt zu den bedeutenden industriellen Hinterlassenschaften der NS-Zeit in der Hauptstadt. Der Bau der Anlage wurde ab 1936 vom Reichsluftfahrtministerium initiiert und zwischen 1938 und 1941 durch Siemens & Halske realisiert, die dafür eigens die Tochtergesellschaft SAM einsetzten.
Konzipiert wurde der weitläufige Industriekomplex vom Siemens-Chefarchitekten Hans Hertlein. Bis heute gilt die unter Denkmalschutz stehende Anlage als prägnantes Beispiel der Industriearchitektur jener Zeit. Ihre klare, funktionale Gestaltung spiegelt die technischen und wirtschaftlichen Anforderungen der damaligen Rüstungsproduktion wider.
Während des Zweiten Weltkriegs diente das Werk der Herstellung von Mess- und Steuerungstechnik für die Luftwaffe, insbesondere von Bordgeräten und Autopiloten. Auf dem Höhepunkt der Produktion im Jahr 1944 waren dort rund 8.000 Menschen beschäftigt. Darunter befanden sich etwa 1.700 Zwangsarbeiter. Zudem existierte auf dem Gelände ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, in dem rund 1.000 weibliche Häftlinge untergebracht waren und zur Arbeit gezwungen wurden.
Nach Kriegsende blieb die Anlage weitgehend unbeschädigt, wurde jedoch in ihrer ursprünglichen Funktion aufgelöst. Erst in den frühen 2000er Jahren erfolgte eine umfassende Sanierung. Heute ist das ehemalige Werksgelände als Carossa-Quartier bekannt und wird vielseitig genutzt: Neben Wohnraum finden sich dort Gewerbeflächen sowie ein Einkaufszentrum. Damit steht das Areal exemplarisch für den Wandel historischer Industrieflächen im urbanen Raum – und zugleich für die fortwährende Auseinandersetzung mit ihrer belasteten Vergangenheit.
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