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Spandaus Tiefwerder Wiesen

1960 wurden die zwischen Südhafen, Heerstraße und Havelchaussee liegenden Tiefwerder Wiesen wegen ihres hohen Artenreichtums zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. Das Areal mit weitläufigen Wiesenflächen, Havel-Altarmen und röhrichtbe­standenen Ufern sowie auwald­ähnlichen Gehölzen, welches  in den 80er und  90er Jahren für rund 1,6 Million Euro renaturiert wurde, ist das letzte natürliche Über­flutungsbebiet Berlins. Fahrdämme und Uferverbauungen verhinderten damals den ungehinderten Wasserabfluss und führten so, wegen der zunehmenden Verlandung der Wiesenflächen, zu einem erheblichen Artenrückgang.


Heute bieten sie wieder vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten, die sich auf Feuchtbiotope spezialisiert haben, einen unverzichtbaren Lebensraum. Nur an diesem Ort finden Hechte noch einen natürlichen Laichplatz in Berlin. Gerade die regelmäßigen Überflutungen garantieren ihnen die Nahrungsgrundlage. Sogar Eisvögel fühlen sich zuhause, was für eine hohe Wasserqualität dieses Gebietes spricht.
Ein Teil der Tiefwerder Wiesen bildete bis 1988 eine Exklave der DDR in West-Berlin.
1996 fertiggestellt, verbindet ein fast 200 Meter langer Bohlensteg  Pichelswerder mit dem Feuchtgebiet. Seitdem kann jeder Fußgänger bequem und trockenen Fußes – von der Heerstraße kommend – durch eine fast unbekannte Landschaft wandern. Ein Rundweg kann nun begangen werden, der für eine kurze Zeit die nahe Großstadt vergessen lässt.
Pichelswerder bildete bis zur Eingemeindung nach Groß-Berlin im Jahre 1920 einen eigenständigen Gutsbezirk im Landkreis Osthavelland.
Wer möchte, kann über eine Brücke, die den Jürgengraben überquert, auf die Flussinsel Tiefwerder mit dem alten Dorfkern Tiefwerder (1816 als Fischerdorf gegründet) schreiten und von dort weiter über weite Wiesen bis an die Ruhlebener Straße gelangen.
Zahllose Kanäle durchziehen das Gebiet. Entlang der Ufer finden sich Kleingärten. Nicht ohne Grund wird diese Landschaft auch Klein-Venedig genannt (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gebiet in Köpenick). Es ist nur Booten mit einen geringen Tiefgang gestattet, diese Kanäle zu nutzen. Nur mit ihnen sind einige Bereiche überhaupt erreichbar. Unter Naturschutz gestellte Bereiche sind für Sportboote grundsätzlich gesperrt.
Aktuell tobt ein Konflikt zwischen Laubenpipern und dem Bezirksamt Spandau, welches das Gebiet renaturieren möchte. Pachtverträge werden gekündigt.
Obwohl die Bedeutung das Landschaftsschutzgebiet Tiefwerder unbestritten ist, droht doch Gefahr. Im Rahmen des „Verkehrprojektes Deutsche Einheit 17“ soll unter anderem die Havel erheblich ausgebaut werden.
Nur noch 10 Prozent der Flüsse in Deutschland können heute als naturnah bezeichnet werden – Tendenz fallend. Welche Folgen ein ungehinderter Flussausbau hat, ist jedem noch aus den Flutkatastrophen der letzten Jahre bewusst. Obwohl also Ursache und Wirkung allseits bekannt sind, werden die Wasserstraßen weiterhin fast ungemindert ausgebaut.
Die radikalen Eingriffe in Flusslandschaften, einhergehend mit der Vertiefung von Flussbetten und Befestigung der Uferbereiche zerstören gewachsene Ökosysteme. In der Folge steigt die Fließgeschwindigkeit der Gewässer. Röhrichtbestandene Ufer sind extrem gefährdet. Erosion ist die Folge. Die Selbst­reinigungsfunktion nimmt deutlich ab. Der Transport und das Absinken von Feststoffen kann nicht mehr ausreichend reguliert werden.
Für die Berliner Seeketten wird eine Absenkung des Wasserspiegel um mehr als zwanzig Zentimeter angenommen. Etwa 30 Prozent des Röhrichtgürtels würden den Veränderungen zum Opfer fallen. Überflutungsbereiche trocknen aus und der Grundwasserspiegel sinkt, mit entsprechenden Folgen für die Landwirtschaft. In Zukunft muss unvermeidlich mit einer geringeren Wasser­menge in Spree und Havel gerechnet werden, wenn die Braunkohlentagebaue geschlossen werden und unser Klima insgesamt trockener wird.

Ralf Salecker