Die CDU in Spandau hält am Ausbau der U-Bahnlinie 7 nach Staaken fest. Deutlich wird dies in einer aktuellen Wahlwerbung. Die Verlängerung soll vom Rathaus Spandau über die Wilhelmstadt und den Spandauer Süden bis zur Heerstraße Nord beziehungsweise zum Magistratsweg führen. Für die Bewohner*innen der westlichen Spandauer Ortsteile wäre das eine direkte Verbindung in die Innenstadt, doch das Projekt ist teuer, wirtschaftlich sehr umstritten und derzeit in keinster Weise finanziert. Wie ernst ist also ein solcher „Vorschlag/Versprechen“ so kurz vor der Wahl?
„Unser Vorhaben für Spandau – Verlängerung der U7 bis nach Staaken: Die U7 muss nach Staaken über die Wilhelmstadt verlängert werden. Seit Jahren wird darum gestritten und wir sagen deutlich: Wir stehen hinter dem Projekt und wollen die U7 bis zum Stadtrand verlängern. Ein Ausbau der U-Bahn bietet viele Vorteile: Kein oberirdisches Verkehrschaos, da die U-Bahn niemanden stört. Keine Lärmbelästigung. Eine schnelle Anbindung für tausende Spandauer ins Zentrum. (CDU-Wahlwerbung 2026)“
In anderen Berliner Bezirken, auch im Landeswahlprogramm der CDU, wird dieses „Versprechen“ ebenfalls geäußert. Wir wollen, wünschen, fordern oder stehen dahinter? Doch was ist davon wie konkret kurz- und mittelfristig zu verwirklichen? Davon steht nirgendwo etwas.
Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, wird derzeit mit unzähligen Wahlversprechen überschüttet. Die U-Bahn-Verlängerung ist da nur eines von vielen.
Direkte Verbindung für den Spandauer Westen
Die U7 endet seit 1984 am Rathaus Spandau. Seit Jahren fordern Spandauer CDU-Politiker, die Linie über die Heerstraße hinaus zu verlängern. Vorgesehen waren in einer untersuchten Variante fünf neue Stationen: Ziegelhof, Pichelsdorfer Straße, Gatower Straße, Sandstraße und Magistratsweg.
Diese Strecke würde Gebiete in Spandau erschließen, die bisher weitgehend auf Busverbindungen angewiesen sind. Besonders der Spandauer Süden und Heerstraße Nord leiden unter langen Fahrzeiten und einer starken Belastung der Straßen. Die U7 könnte dort nicht nur neue Fahrgäste gewinnen, sondern auch Buslinien entlasten und eine umsteigefreie Verbindung in Richtung Innenstadt schaffen.
Das ist das stärkste Argument für das Projekt: Die U-Bahn würde mit Staaken ein großes, dicht besiedeltes Gebiet an das bestehende Schnellbahnnetz anbinden. Zudem könnte sie am Rathaus Spandau direkt an die vorhandene U7 andocken.
Kosten von fast 600 Millionen Euro
Der Nutzen hat allerdings einen hohen Preis. Zuletzt wurden die Baukosten für die etwa vier Kilometer lange Verlängerung auf etwa 578 Millionen Euro geschätzt. Darin enthalten wären der Tunnelbau, mehrere Bahnhöfe, technische Anlagen und die Einbindung in das bestehende Netz. Was von solchen frühen Bauschätzungen zu halten ist, kann bei allen Großprojekten beobachtet werden.
Bei einem in fernerer Zukunft liegenden Baubeginn muss mit weiteren erheblichen Preissteigerungen gerechnet werden. U-Bahn-Projekte ziehen sich in Berlin aus ganz unterschiedlichen Gründen regelmäßig über viele Jahre hin. Dadurch werden sich die Baukosten automatisch dramatisch erhöhen, bevor überhaupt die ersten Züge fahren. Nun sind Investitionen in den ÖPNV immer Investitionen in die Zukunft. Das dürfte niemand bestreiten.
Für Berlin wäre das Projekt auch dann eine erhebliche Belastung, wenn der Bund einen Teil der Kosten schultern würde. Voraussetzung für eine Bundesförderung ist in der Regel eine positive Nutzen-Kosten-Untersuchung. Genau daran scheiterte die U7-Verlängerung nach den zuletzt bekannt gewordenen Ergebnissen. Das ist der CDU, die dieses „Versprechen“ zum Wahlkampfthema macht, sicherlich bekannt.
Nutzen reicht nicht aus
Die Wirtschaftlichkeitsprüfung kam zu dem Ergebnis, dass die erwarteten verkehrlichen Vorteile die Investitionskosten nicht genügend aufwiegen. Damit fehlt dem Projekt die wichtigste Voraussetzung für eine reguläre Förderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz.
Das bedeutet nicht, dass die Strecke technisch unmöglich wäre. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet aber, dass die U-Bahn unter den geltenden Förderbedingungen nicht als hinreichend wirtschaftlich gilt. Ohne Bundesmittel müsste Berlin einen deutlich größeren Anteil selbst finanzieren – und diesen mit zahlreichen anderen Vorhaben konkurrieren lassen.
Zu den Konkurrenten gehören u.a. die Sanierung des bestehenden U-Bahn-Netzes, der Ausbau der Straßenbahn, neue S-Bahn-Verbindungen und weitere U-Bahn-Projekte in anderen Bezirken. Angesichts begrenzter Haushaltsmittel ist deshalb völlig offen, ob der Senat überhaupt bereit wäre, ein Projekt mit negativem Nutzen-Kosten-Verhältnis aus eigener Kraft zu finanzieren. Bei der derzeit klammen Kassenlage in Berlin, ist also klar, dass daraus nichts werden kann. Innerhalb der Berliner Bezirke sind Wünsche immer kostenlos. Wähler erwarten aber konkrete und belastbare Angaben von der Politik. Wenn alle Versprechen immer unter Finanzierungsvorbehalt stehen, kann man sich diese Versprechen auch sparen.
Politischer Streit
Die CDU argumentiert, der Spandauer Westen dürfe bei der Verkehrspolitik nicht weiter vertröstet werden: Ein frommer Wunsch, leider ohne wirtschaftliche Substanz. Die U-Bahn gilt in der Partei als leistungsfähige und dauerhafte Lösung für die Verkehrsprobleme des Bezirks. Kritiker halten dagegen, dass die U7 wegen ihrer hohen Kosten nicht die wirtschaftlichste Antwort auf die Probleme sei.
Der Konflikt ist auch ein Streit über Prioritäten. Für die CDU steht die Qualität der direkten U-Bahn-Verbindung im Vordergrund. Rein funktional stimmt dies auch. Staus und Wettereinflüsse können unterirdischen Verkehrsverbindungen nichts anhaben. Andere Parteien und Verkehrsexperten verweisen auf kostengünstigere Lösungen, die erheblich schneller umgesetzt werden könnten. Der Bedarf ist da. Viele Tausend Wohneinheiten sind in Spandau schon entstanden, andere werden folgen. Zehntausende Familien werden zukünftig zu Fuß, mit dem Rad, dem PKW und eben dem ÖPNV zusätzlich unterwegs sein wollen. Während die neuen Wohnungen längst da sind, ist der ÖPNV noch immer reines Wunschdenken. Zu den kostengünstigeren Möglichkeiten im ÖPNV zählen insbesondere eine leistungsfähige Straßenbahn auf eigenem Gleiskörper oder ein beschleunigtes Buskonzept mit Vorrang an Ampeln. Eine Straßenbahn lehnt die CDU aber grundsätzlich ab.
U-Bahn oder schnellere Zwischenlösung?
Eine Straßenbahn könnte den Spandauer Süden voraussichtlich mit deutlich geringeren Investitionen erschließen. Sie könnte abschnittsweise gebaut werden und wäre damit früher nutzbar. Voraussetzung wäre allerdings, dass sie weitgehend auf einem eigenen Gleiskörper fährt. Bleibt sie im normalen Straßenverkehr stecken, wäre der Zeitvorteil gegenüber dem Bus begrenzt.
Auch ein verbessertes Busangebot könnte kurzfristig Wirkung entfalten. Busspuren, dichter Takt, größere Fahrzeuge und Ampelvorrang könnten die Verbindung zwischen Staaken, Heerstraße Nord und dem Rathaus Spandau verbessern. Eine solche Lösung wäre jedoch weniger leistungsfähig und weniger dauerhaft als eine Schienenverbindung.
Die U-Bahn hätte demgegenüber die höchste Kapazität und die beste Reisezeit. Sie wäre aber nur dann zu rechtfertigen, wenn die Nachfrage langfristig deutlich steigt oder Berlin mit Blick in die Zukunft bereit ist, für die städtebauliche Entwicklung des Spandauer Westens hohe zusätzliche Kosten zu übernehmen. Wird dies geschehen? Wohl kaum.
Und nun?
Der CDU-Vorschlag ist verkehrspolitisch verständlich. Staaken und Heerstraße Nord brauchen eine bessere Anbindung, und eine Verlängerung der U7 würde dieses Ziel für viele Fahrgäste besonders komfortabel erfüllen.
Als konkretes Bauprojekt ist die U-Bahn nach Staaken derzeit jedoch nicht realistisch. Die Kosten liegen im hohen dreistelligen Millionenbereich, die Wirtschaftlichkeitsprüfung fiel negativ aus und eine Finanzierung ist nicht nur nicht gesichert, sie existiert nicht. Die CDU müsste deshalb offenlegen, ob sie einen erheblichen Berliner Eigenanteil auch ohne Bundesförderung übernehmen will. Dann müsste erklärt werden, woher das Geld kommen soll. Welche anderen Projekt würden dafür aufgegeben?
Sinnvoll wäre, die U7 nicht endgültig aufzugeben, aber die Verkehrsanbindung des Gebiets nicht von ihr abhängig zu machen. Kurzfristig sollten Busse beschleunigt und mittelfristig eine Straßenbahnvariante ernsthaft geprüft werden. Die U-Bahn könnte als langfristiges Ziel bestehen bleiben, ein Baubeschluss lässt sich aus dem politischen „Versprechen/Wunsch“ jedoch keinesfalls ableiten. Damit bleibt das Wahlversprechen ohne Substanz, was übrigens auch für Versprechen anderer Parteien gilt…



