Zug der Erinnerung in Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Zug der Erinnerung am Montag in Spandau

3. Juni 2013

Ein moralischer Stachel im Fleisch der Bundesbahn

Zug der Erinnerung in Spandau (Foto: Ralf Salecker)
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Zug der Erinnerung in Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Der „Zug der Erinnerung“ bringt ein düsteres Kapitel unserer Vergangenheit als ergreifende Ausstellung an die ehemaligen Orte der Deportation von Millionen Menschen. Im Detail geht es um das Gedenken an „Reichsbahn“-Deportationen in das Vernichtungslager Sobibór“.Kommen Sie auf die Bahnhöfe, um von den deportierten Kindern und Jugendlichen Abschied zu nehmen.

Nur am Montag, den 3. Juni wird der Zug in Spandau von 8 bis 20 Uhr Station machen. Um 9.30 Uhr wird er offiziell durch den Spandauer Bezirksbürgermeister Kleebank begrüßt. Er beherbergt in seinen Waggons eine Ausstellung, die sich dem Thema Deportation im Zusammenhang mit dem Rechtsvorgänger der Deutschen Bahn AG, der Reichsbahn, widmet. Politiker aller Parteien setzen sich immer wieder für die Wichtigkeit dieses Ausstellungsprojektes ein.

Gedenkfahrt des Zugs der Erinnerung an die Deportationen der deutschen Flüchtlinge von Westerbork (Niederlande) nach Sobibór und an den Aufstand der Gefangenen in Sobibór im Oktober 1943
Deutsche Jüdinnen und Juden fanden in den Nachbarländern nur vorübergehend Schutz. So wurde das 1939 von der niederländischen Regierung eingerichtete zentrale Aufnahmelager für die ankommenden Flüchtlinge aus Deutschland unter der deutschen Besetzung in „Polizeiliches Judendurchgangslager“ umgewandelt. Vom 15. Juli 1942 bis zum 13. September 1944 rund einhundert Transporte in die Vernichtungslager durchgeführt. Mehr als 100.000 Juden und eine Gruppe von 245 Sinti und Roma wurden dabei deportiert. Nur rund 5.000 von ihnen kehrten nach dem Krieg zurück.
Der Zug der Erinnerung wird vom 29. Mai bis zum 12. Juni 2013 in Gedenken an die Deportationen aus dem Polizeilichen Judendurchgangslager Westerbork/Niederlande nach Sobibór durch Deutschland fahren.
1943 wurden insgesamt  25 Transporte – davon  17 nach Sobibór – durchgeführt. Allein in den beiden Transporten vom 1. Juni und vom 8. Juni waren 1740 Kinder und Jugendlichen – darunter 11 Berliner/innen – in den geschlossen Wagen der Reichsbahn. Jules Schelvis, Überlebender des Transports vom 01. Juni 1943, erinnert sich, dass er während des einzigen Aufenthalts des Deportationszuges nach ca. 40 Stunden Fahrt durch die Ritzen das Bahnhofsschild „Spandau“ (Berlin) erkennen konnte und nach weiteren ca. 32 Stunden Fahrt in Sobibór ankam. Viele Deportierte wurden noch am Ankunftstag erschossen oder durch Gas ermordet.
Bestandteil des Gedenkens ist auch der Aufstand der Sobibór-Häftlinge im Oktober 1943, bei dem Gefangenen die Flucht gelang und der zur Schließung des Vernichtungslagers führte.

Das Geschäft der Reichsbahn mit dem Tod

Die Vernichtung von Millionen Menschen wäre ohne die „tatkräftige Unterstützung“ der Reichsbahn unmöglich gewesen. In den Jahren 1941 bis 1945 brachten „Todeszüge“ die Opfer in die Konzentrationslager. Noch im Jahr 2010 feierte die Deutsche Bahn AG in einem millionenschweren Festakt „175 Jahre Eisenbahn in Deutschland“. Dem unrühmlichen Kapitel im Dritten Reich widmete sie eher eine Fußnote.

Neben den „reinen Todeszügen“ wurden immer wieder Waggons an reguläre Züge gehängt. Wie Vieh trieb man die Opfer hinein. Das perfide daran war, das die Opfer ihre Todesfahrt noch selbst bezahlen mussten.

„Auf den Bahnhöfen schienen sich die Wartenden an den Anblick der Todeszüge gewöhnt zu haben. Wie Fotodokumente aus mehreren Städten beweisen, fanden die Deportationen oft am helllichten Tag und auf den Nachbargleisen des alltäglichen Zugverkehrs statt. Aus dem Ruhrgebiet ist bekannt, dass einzelne Waggons an übliche Reisezüge gekoppelt wurden, um die deportierten Menschen zu Knotenpunkten des Bahnverkehrs zu bringen und dort mit anderen Verschleppten zusammenzuführen. (Quelle: www.zug-der-erinnerung.eu)“

Für die Deutsche Reichsbahn war dies ein überaus einträgliches Geschäft, welches ohne die ausgefeilte Logistik-Unterstützung des Transportunternehmens und seiner Mitarbeiter nie in dem Ausmaße hätte funktionieren können.

„Nach einem Gutachten des „Zug der Erinnerung“ nahm die „Deutsche Reichsbahn“ bei den Deportationsverbrechen mindestens 445 Millionen Euro heutiger Währung ein. Einschließlich Zinsen beträgt die Deportationsschuld demnach über 2 Milliarden Euro. Von dieser Schuld habe die DB AG „noch nicht einmal 0,1 Prozent“ beglichen. (Quelle: www.zug-der-erinnerung.eu)“

Opfer werden zu Bettlern degradiert

Die wenigen Überlebenden der Transporte fordern seit vielen Jahren von der Bundesregierung wie auch der Deutschen Bahn AG eine Rückzahlung der Zwangsabgaben.

Kostendruck der Deutschen Bahn AG erschwert das Ausstellungsprojekt

Trotz erheblicher Widerstände der Deutschen Bahn AG führt der Verein „Zug der Erinnerung e.V.“ sein ambitioniertes Programm weiterhin durch. Seit vielen Jahren versucht Deutschen Bahn AG dem Ausstellungsprojekt das Leben schwer zu machen indem sie immer wieder logistische Gründe anführt, die einen Aufenthalt des Zuges auf Bahnhöfen unmöglich zu machen. Weiterhin lässt sich die BD AG jeden gefahrenen Kilometer des Zuges auf ihrem Gleisnetz teuer bezahlen. Ebenso ist der Aufenthalt des „Zuges der Erinnerung“ in den Bahnhöfen nicht kostenlos.

Für den Aufenthalt des „Zuges der Erinnerung“ am 11. und 12. Mai 2010 übernahm der Bezirk damals 50 Prozent der anfallenden Kosten für die Ausstellung im Spandauer Bahnhof. Aktuell fehlten dem Verein 40.000 Euro. Trotzdem ging die Ausstellung wieder auf die Reise. Er wollte der Bahn nicht die Genugtuung geben, diese „ungeliebte“ Ausstellung torpediert zu haben.

„In einem aktuellen Aufruf appelliert der „Zug der Erinnerung“ an die deutsche Öffentlichkeit, das Gedenken an die tausenden Opfer der Sobibór-Deportationen zu ermöglichen. Für dieses Gedenken verlangt die Deutsche Bahn AG voraussichtlich 10.000,00 Euro. Weitere 40.000,00 Euro, die der „Zug der Erinnerung“ bereits bisher zahlen musste, hat die DB AG an eine „Bundesstiftung“ unter Kontrolle des Finanzministers weitergereicht – mit der ausdrücklichen Maßgabe, diese Gelder seien auf keinen Fall für den „Zug der Erinnerung“ bestimmt.

Eine Förderung des Sobibór-Gedenkens im Mai und Juni hat die „Bundesstiftung“ (EVZ) abgelehnt.

Deswegen, heißt es in einer Pressemitteilung, müsste die geplante Fahrt über mindestens 10 deutsche Bahnhöfe eigentlich abgesagt werden. Eine solche Genugtuung werde man den Verantwortlichen aber nicht gewähren. „Die Bemühungen der Deutschen Bahn AG, das Gedenken von den Gleisen zu bekommen“, seien „vergeblich“. „Die DB AG ist das Nachfolgeunternehmen der ‚Reichsbahn‘ und historische Erbin der Mordbeihelfer“. Je länger sich das Unternehmen sträube, seine historische Erbschaft anzuerkennen, desto größer werde der internationale Rufschaden sein. (Quelle: www.zug-der-erinnerung.eu)“

Drei Stationen sind in Berlin vorgesehen:

Berlin Ostbahnhof

  • Samstag, 1. und Sonntag, 2. Juni: 8:00 bis 22:00 Uhr

Berlin Spandau

  • Montag, 3. Juni von 8:00 bis 20:00 Uhr

Berlin Friedrichstraße

  • Dienstag, den 4, Juni von 8:00 bis 20:00 Uhr

Spendenaufruf des Vereins „Zug der Erinnerung e.V.“

Für das Gedenken an die Kinder von Westerbork verlangt die DB AG über 10.000,00 €. Weitere „Trassen- und Bahnhofsgebühren“ hat die Deutsche Bahn AG dem, “Zug der Erinnerung“ bereits entzogen (40.000,00 €). Dieses Geld fehlt, um die Gedenkfahrt zu finanzieren.

Über vierzigtausend Euro hat die AG für das bisherige Gedenken an die „Reichsbahn“-Deportierten kassiert. Zehntausend Euro verlangt die AG, weil der „Zug der Erinnerung“ im Mai und Juni die Verschleppten auf den deutschen Bahnhöfen ehren will. Vor 70 Jahren deportierte die „Reichsbahn“ tausende Kinder aus den Niederlanden in die Gaskammern des Lagers Sobibór. Dort wurden sie noch am Ankunftstag ermordet. Trotzdem wird der „Zug der Erinnerung“ seine Fahrt durchführen – auf den Schienen des letzten Weges der Deportierten.
Wir bitten um Ihre Unterstützung.

Wir bitten Sie dringend um Spenden. Kennwort: Westerbork

Spenden: Kto.-Nr. 0352 550 392 • BLZ 370 502 99 • KSK-Köln

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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