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Märzrevolutionäre von 1848

Die Zitadelle wurde für viele zum Gefängnis

Zitadelle Spandau, Bodengitter in der Bastion König (Foto: Ralf Salecker)

Zitadelle Spandau, Bodengitter in der Bastion König (Foto: Ralf Salecker)

In den Tagen der Revolution von 1848 gingen Menschen auch in Berlin auf die Straße, um gegen Ungerechtigkeit und Willkür aufzustehen. Bis 1989 war es die einzige Revolution in Deutschland. Mit dabei waren das Bürgertum aber auch die einfachen Arbeiter. Sie starben für ihre Ideale oder wurden verhaftet. Nach Beginn der französischen Februarrevolution entstanden auch in deutschen Ländern Aufstände gegen die herrschenden Mächte. Die Revolutionäre strebten u.a. politische Freiheiten im Sinne demokratischer Reformen, Pressefreiheit, Errichtung eines Parlaments – heute ganz grundlegende Selbstverständlichkeiten bei uns, die heutzutage aber mancherorts zu wanken beginnen.

Am 18. März wollte der König Friedrich Wilhelm IV. am Berliner Schloss eine Proklamation verlesen, in der er dem Land eine Verfassung und eine liberalen Regierung verspricht. Während der Rede fielen Schüsse und die Situation eskalierte, ein Aufstand brach los. Barrikaden wurden errichtet und angezündet. Mehrere hundert Menschen sterben. Bis in die Morgenstunden des 19. März toben Kämpfe in den Straßen Berlins. Der König lenkte ein und befiehlt den Abbruch des Kampfes, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.

183 Märzgefallene wurden am 22. März auf dem Friedhof im Friedrichshain beerdigt. Der Leichenzug zog auch am Schloss vorbei. Aus der Menge schallte die Forderung “Hut ab” an den König, als er auf den Balkon trat. Aufgeheizt, wie die Stimmung war, tat er dies auch. Viele Adlige sahen darin eine Kapitulation vor dem “gemeinen Volk”.

Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I., teilt diese Haltung seines Bruders nicht. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Aufrührer gnadenlos mit Kartätschen zusammengeschossen. In seinen Erinnerungen beschreibt dieser die ersten Tage wie folgt:

„Es wuchs natürlich die Aufregung in der Stadt mit jeder Truppenausrückung und wegen Klagen, dass auch Unschuldige Säbelhiebe erhalten hätten; die beständige Anschuldigung gegen die Truppe, als ob diese beim Einhaun erst jeden einzeln fragen sollte, ob er schuldig oder unschuldig sei!“

Am folgenden Tag werden 570 Berliner Revolutionäre verhaftet und nach Spandau gebracht. Über das ehemalige Potsdamer Tor (auf der Höhe von C&A) kommend wurden sie in die Zitadelle eingeliefert wo sie für einige Stunden in den Kasematten der Bastion Königin inhaftiert. Auf dem Weg dorthin mussten sie auch Misshandlungen durch Spandauer Bürger erdulden.

Der Maler Ludwig Pietsch erzählt von “grausamste Mißhandlungen” als die Gefangenen in die Zitadelle getrieben wurden. So wäre ihm die Drohung, in den Spandauer Kasematten niederkartätscht zu werden, fast wie eine Erlösung vorgekommen.

Es gab durchaus auch positive Erlebnisse, die sich aus Anzeigen in Zeitungen dieser Zeit herauslesen lassen:
„Derjenige Herr, der mir in Spandau am 19. vormittags bei unserer gemeinschaftlichen Haft so bereitwillig seinen Überrock gab und dessen Wohnung ich vergessen habe, wird freundlichst ersucht, sich zu mir hinzubemühen, wo er ihn mit dem größten Dank zurückempfangen kann. Sadilek, Buchbindermeister, Münzstr. 30.”

 

Carl Schurz und Gottfried Kinkel in Spandau

Vom Hochverräter zum Innenminister

Carl Schurz

Carl Schurz

Manchmal, wenn wir über Straßennahmen „stolpern“, fallen uns diese Geschichten wieder ein… Vor ihrer Rückbenennung in Jüdenstraße trug diese den Namen Kinkelstraße. Gottfried Kinkel erblickte vor 200 Jahren, am 11. August 1815, bei Bonn das Licht der Welt. Der Weg des Pastorensohns und Demokraten führte ihn irgendwann einmal auch nach Spandau.

Unser Grundgesetz ist runde 66 Jahre alt geworden. Für viele ist Demokratie inzwischen ein gewohnter, ja fast langweiliger Zustand geworden.

Vor rund 166 Jahren war dies ein wenig anders gewesen. Im Süden Deutschlands keimte der Wunsch nach einer Republik. An den Universitäten, in Turner-Bünden und anderen Vereinigungen gärte es. Man war der Monarchie überdrüssig geworden. Bewegte Diskussionen wurden geführt, über Wege und Möglichkeiten zur Demokratie.

Schnell reifte die Erkenntnis, dass die gewünschten Grundrechte innerhalb einer Monarchie nicht zu verwirklichen waren. Gewalt erschien als das einzig mögliche Mittel. Eine Gewalt, auf die die herrschende Monarchie heftig reagierte.

Zwei bedeutende Vertreter dieser Revolutionäre von 1848 haben auch in Spandau ihre Spuren hinterlassen: Carl Schurz und Gottfried Kinkel. Beide gelten als Begründer demokratischer Gedanken in Deutschland.

Johann Gottfried Kinkel

Johann Gottfried Kinkel

Gottfried Kinkel, erst Theologe dann Kunsthistoriker und später Abgeordneter in der 2. Preußischen Kammer, sowie Carl Schurz, Historiker und Philologe, beide gemeinsam Redakteure der „Neuen Bonner Zeitung“ – mit revolutionär demokratischer Ausrichtung. Kinkel würde heute als extremer Linker bezeichnet werden.

1848 kam es zu einer revolutionären Bewegung. Kinkel und Schurz sympathisierten offen mit ihren Gedanken und schlossen sich 1849, als der Stern der Revolution schon sank, den bewaffneten Revolutionären in Baden an.

Im Sommer 1849 verschanzten sich einige tausend Teilnehmer des badisch-pfälzischen Aufstandes in der Festung Rastatt. Die Festung fiel. Carl Schurz entkam der Gefangennahme durch ein Abwasserrohr, während der verletzte Kinkel in Haft genommen und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde – zu verbüßen im Zuchthaus in Spandau, welches sich im Bereich der heutigen Altstadt befand. Am 11. Mai 1850 wird er dort eingeliefert.

Die Frau Gottfried Kinkels schickte einen verzweifelten Brief an Carl Schurz, in dem sie um dessen Hilfe bat. Dieser konnte sich gut vorstellen, wie es seinem Freund, dem Freigeist, in der Gesellschaft von Verbrechern  – eingesperrt in engen Mauern –  ergehen müsse.

Carl Schurz verlässt die sichere Schweiz und reist – steckbrieflich als Hochverräter gesucht – unerkannt nach Spandau, wo er am 11. August eintrifft. Von Freunden in Bonn bekommt er Geld, um eine Flucht zu organisieren.

Gemeinsam mit dem Spandauer Gastwirt Krüger beginnt er die Planung. Ein Befreiungsversuch  unter Anwendung von Gewalt ist bei diesem gut bewachten Gefängnis offensichtlich unmöglich. Bestechung scheint die einzige Möglichkeit zu sein. Nach vielen vergeblichen Versuchen finden sie den zur Tat bereiten Gefängniswärter Brune.

Dieser wollte den Schlüssel zur Zelle entwenden und den Gefangenen durch das Gefängnistor ins Freie lassen. Zur Enttäuschung aller Beteiligten schlägt dieser Versuch fehl. Der Schlüssel liegt nicht am üblichen Ort.

In der nächsten Nacht soll ein Befreiungsversuch mit ungleich höherem Risiko in Angriff genommen werden. Diesmal soll Kinkel aus der obersten Etage mit einem Seil herabgelassen werden. In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 wartete Carl Schurz angespannt in der Dunkelheit. Das Glück ist ihnen gewogen. Die Aktion gelingt, ebenso die vorbereitete Flucht über die Ostsee nach England.

Während Kinkel in Zürich eine Professur für Literaturgeschichte annimmt und weiter die  Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten in Deutschland anprangert, wandert Carl Schurz in die Vereinigten Staaten aus und lernt dort den späteren Präsidenten Abraham Lincoln kennen. In verschiedenen Positionen kämpft er gegen die Sklaverei und wird später sogar Innenminister der Vereinigten Staaten.

Der Gefängniswärter der Kinkel zur Flucht verhalf, wurde für wenige Jahre inhaftiert, kam dann  später frei und hat von dem Bestechungsgeld für die Flucht ein gutes Leben geführt. Der beteiligte Gastwirt wurde zwar nicht verurteilt, verlor aber seinen Stadtratsposten in Spandau, wie auch seine Schanklizenz.

Ralf Salecker

Gehören Sie zu den 50 Prozent, die nicht wissen, wann die Berliner Mauer errichtet wurde?

13. August 1961, ein Datum welches das Schicksal vieler Menschen veränderte

Mauerbau am französischen Sektor (Foto: Sammlung Skadok)

Mauerbau am französischen Sektor (Foto: Sammlung Skadok)

Der 13. August 1961 ist ein zentrales Datum in der Deutschen Geschichte. Ich selbst wurde an diesem Tag in der Nikolaikirche getauft, meine Tante konnte an diesem Tag nicht mehr aus dem Prenzlauer Berg anreisen. Eine aktuelle Umfrage des Instituts Infratest dimap im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ergab, dass rund 50 Prozent von 1013 befragten Menschen nicht wissen, wann die Mauer errichtet wurde. Dabei gibt es ein deutliches Ost-West-Gefälle. Auch das Alter spielt eine entscheidende Rolle. Je jünger die Befragten, umso weniger können sie dieses Datum einordnen. Fast 20 Prozent der Befragten verbindet Garnichts mit diesem Datum, ein Drittel ordnet diesem Datum ein anderes Ereignis zu.

In Spandau und dem Umland gibt es einige Gedenkveranstaltung zum Mauerbau.

Ein kleiner Blick zurück nach 1961

Die Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau hatte damals die Frage gestellt:

„Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr, Frankfurter Rundschau. Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?”

Walter Ulbricht antwortete:

Ungläubige Blicke auf den Mauer mitten durch Berlin (Foto: Sammlung Skadok)

Ungläubige Blicke auf den Mauer mitten durch Berlin (Foto: Sammlung Skadok)

„Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass [eine] solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, ääh, eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.”

„Zwei Monate später, am Sonntag, den 13. August 1961, begannen nachts gegen 1 Uhr Streitkräfte der DDR, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, sowie der zwischen West-Berlin und der DDR auf ihrer vollen Länge (nahezu 170 km) praktisch lückenlos und zur gleichen Zeit mit einem gewaltigen Aufwand an Menschen und Material abzuriegeln und Sperranlagen zu errichten.“

Ein Video mit der Aussage von Walter Ulbricht

Ein paar Fotoimpressionen aus der Zeit des Mauerbaus in Berlin

Leider habe ich keine passenden Bilder aus Spandau. Möglicherweise hat der eine oder andere Spandauer ja noch ein paar. Bei den nachfolgenden Bildern aus Berlin handelt es sich um Skans alter vergilbter Dias. Die Bildqualität ist also nicht besonders gut. Sie geben ein wenig die Atmosphäre um 1961 und später wieder.

 

Seeschlacht zwischen Spandauern und Berlinern auf der Krienicke

Der Knüttelkrieg vor der Zitadelle

Kurfürst Joachim II., Kurfürst von Brandenburg (Foto: Ralf Salecker)

Kurfürst Joachim II., Kurfürst von Brandenburg (Foto: Ralf Salecker)

Den hohen Herrschaften ist manchmal langweilig. Dann kommen sie auf seltsame Gedanken. Es kommt aber auch vor, dass sie zusätzlich noch weiteren Unsinn auf Kosten der Bürger aushecken. Mit viel Glück geschieht in solchen Situationen nichts wirklich Schlimmes – wie auch in Spandau im Jahre des Herrn 1567, als Spandauer gegen Berliner zu einer Seeschlacht antraten.

Es war der frühe Morgen des 8. August 1567. Spandaus Bürger lagen noch im tiefen Schlaf. Auch der Bürgermeister der Stadt, Bartholomeus Bier, ahnte noch nichts Böses und träumte vor sich hin. Heftiges Pochen an der Türe ließ ihn jäh aus dem Schlaf fahren. Eilig erhob er sich aus seinem Bett, um zu sehen, wer seine verdiente Nachtruhe stören möge. Mitglieder der Garde des Kürfürsten Joachim II. standen vor seinem Haus und verlangten sein unverzügliches Erscheinen auf der Zitadelle. Offensichtlich war der Kurfürst tags zuvor heimlich angereist.

Nicht nur der Bürgermeister, sondern alle Spandauer Bürger hätten sich auf der Zitadelle einzufinden. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Während die Frau des Bürgermeisters noch lautstark ihr Leid klagte, kleidete sich Bier schnell an und marschierte mit seinem Trupp in Richtung Zitadelle. Niemand widersprach dem Landesfürsten. So wurde umgehend ein Bote ausgesandt, der die Bürger Spandaus zusammentrommelte. Denen fuhr der Schrecken ähnlich in die Glieder wie ihrem Bürgermeister.

Kurfürst Joachim II., Kurfürst von Brandenburg (Bild: Lucas Cranach - 1555)

Kurfürst Joachim II., Kurfürst von Brandenburg (Bild: Lucas Cranach – 1555)

Nichts, aber auch gar nichts wollte Bartholomeus einfallen, was den Kürfürsten zu diesem Befehl bewogen haben könnte. Er selbst war sich keiner Schuld bewusst. Fast leutselig teilte Joachim II. dem Bürgermeister mit, er brauche sich wirklich keine Gedanken zu machen, es gehe nur um ein großes vergnügliches Spektakel, an dem Spandaus Bürger mitwirken sollten.

Die Beruhigung hielt nicht lange an. Denn das Spektakel sollte noch weitere Mitwirkende haben: Bürger aus Cölln und Berlin waren ebenso geladen. Diese sollten sich mit den Spandauern in einer Seeschlacht messen – auf der Krienicke (heute Spandauer See) zwischen Zitadelle und Eiswerder. Von Tegel her sollte ihre Flotte gen Spandau unterwegs sein. Mit großer Begeisterung hätten sie in den Kampf eingewilligt.

Gerüstet und mit hölzernen Spießen als Waffen ausgestattet bemannten Spandaus Bürger nun ihrerseits Schiffe. Angeblich sollen auch sie mit Feuereifer bei der Sache gewesen sein. Sie versammelten sich geordnet, um den nahenden Feind  zu empfangen. Derweil begab sich auch Kürfürsten Joachim II. auf ein Schiff, um den Kampf aus der Nähe verfolgen zu können.

Von den Mauern der nahen Festung ertönte Kanonendonner als Zeichen, dass das Spektakel seinen Gang nehmen könne. Hitzig gingen beide Seiten aufeinander los. Keiner wollte weichen. Havelfischer hatten die Aufgaben, über Bord gegangene Kämpfer aus dem Wasser zu fischen. Niemand geriet so in Gefahr zu ertrinken. Während des gesamten Kampfes ließ der Kanonendonner nicht nach.

Als sich in der Schlacht kein Sieger abzeichnen wollte, wurde es dem Kurfürst dann wohl zu langweilig, denn er ließ den Kampf abbrechen. Die Gefechte sollten nun an Land weitergehen. Für die Spandauer keine gute Aussicht, denn sie standen mit gerade mal 800 Mann 1500 Berlinern und Cöllnern gegenüber – der Kurfürst mit seiner Garde mittendrin. Wieder wurde der Kampf durch steten Kanonendonner begleitet.

Manch blauer Fleck war die Folge eines Schlages mit hölzernen Knüppeln. Wirklich zu Schaden kam aber niemand. Anscheinend steigerten sich die Spandauer in einen erfolgreichen Kampfrausch, der Berliner und Cöllner nach und nach – trotz ihrer Überzahl – in die Flucht schlug. Im Getümmel wurde auch das Pferd des Kurfürsten immer mal wieder von Stockschlägen getroffen. Weil der Abend nahte, die Gefahr einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht mehr auszuschließen und der Kurfürst selbst nicht ganz ungefährdet war, beendete dieser den Kampf.

Siegestrunken zogen die Spandauer nach Hause, wo sie eine böse Überraschung erwartete. Das Spektakel des Kurfürsten hatte wohl noch einen zweiten Schauplatz gehabt und der Kanonendonner diente offensichtlich nicht nur zur Erbauung der Kampfeslustigen. Während der Kampf tobte, ließ Joachim vielmehr auch die Altstadt, genauer gesagt den Turm der Nikolaikirche beschießen. Turm und Kirche wurden dabei beschädigt.

Der Grund für diese Ungeheuerlichkeit ist schnell gefunden. Vom Turm selbst hätte möglicherweise im Zuge eines Krieges eine Gefahr für die Zitadelle ausgehen können, wenn es dem Feind gelungen wäre, ein Geschütz dort zu platzieren. Dem wollte der Kurfürst anscheinend vorbeugen. Nichts, was hoch über den Spandauer Boden hinausragte, durfte in der Nähe der Festung stehen bleiben. Eine freundliche Bitte des Kurfürsten hätte seine Spandauer Untertanen wohl kaum dazu bewogen, ihre eigene Kirche zu beseitigen, schließlich war sie das Herz der Altstadt. So „musste“ der Kurfürst mit dem Kampf zu einem Ablenkungsmanöver greifen …

Angriffsbefehl Napoleons auf Spandau ersteigert

Das historische Dokument hat früher niemanden im Bezirk interessiert

Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

Karl-Heinz Bannasch und Helmut Kleebank mit Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau (Foto: Ralf Salecker)

1806 befahl Napoleon nach dem Sieg über Preußen den Angriff auf Spandau, sowie den Beschuss der Zitadelle. Die Original Handschrift des Kaisers mit Angriffsbefehl für General Bertrand konnte für rund 3000,- Euro von der Heimatkundlichen Vereinigung bei einer Versteigerung in Wien erworben werden. Ein passendes Weihnachtsgeschenk im 200ten Jubiläumsjahr der Befreiung Spandaus von den Franzosen. Vor einigen Jahren bot der ehemalige Besitzer das historische Dokument aus dem Nachlass des französischen Generals Bertrand in Spandau an. Damals wollte es niemand haben. Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr erhielt Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank eine Nachricht, in der er über die bevorstehende Versteigerung informiert wurde. Das Mindestgebot überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Bezirkes. Er fragte bei der Heimatkundlichen Vereinigung nach, ob diese nicht in der Lage wäre, das Schriftstück zu erwerben, schließlich geht es um ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Spandaus.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Vorderseite (Foto: Ralf Salecker)

Karl-Heinz Bannasch, der Vorsitzende der Heimatkundler, ließ sich für diese Idee begeistern, deren Umsetzung aber wenig wahrscheinlich erschien, da allein die bloße Unterschrift Napoleons betuchte Sammler interessieren könnte. Für ein historisches Dokument dürften die Gebote schnell Preisregionen erreichen, die jenseits der Möglichkeiten der Heimatkundlichen Vereinigung liegen. Einen Versuch war es in jedem Fall wert. Das Glück war Spandau hold. Der Zuschlag erfolgte für das Mindestgebot.

Eine öffentliche Präsentation ist noch ungewiss

Nun stellte sich natürlich schnell die Frage ob und wann das Dokument der Spandauer Öffentlichkeit präsentiert werden solle. Auf diese Frage der anwesenden Journalisten gab es erst einmal keine Antwort. Bannasch betonte, das Dokument befinde sich nun im Besitz der Heimatkundlichen Vereinigung. Anders, als vergleichbare Vereine, müssten die Heimatkundler in Spandauer Geld für ihre Leistungen an den Bezirk bezahlen, so der 1. Vorsitzende…

1806 befahl Napoleon die Zerstörung der Festung Spandau

Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)

Kaiser Napoleon I. (Foto: Ralf Salecker)

Die verlorene Doppelschlacht der Preußen gegen Frankreich bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 führte zur endgültigen Niederlage Preußens. König Friedrich Wilhelm III. forderte er von allen Festungskommandanten, dass sie ihre Stellungen aufs Äußerste zu verteidigen hätten. Er selbst entzog sich der Niederlage durch eine Flucht nach Ostpreußen.

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau - Rückseite (Foto: Ralf Salecker)

Napoleons Ansgriffsbefehl auf Spandau – Rückseite (Foto: Ralf Salecker)

Berlin wurde am 14. Oktober durch französische Truppen besetzt. Der an General Henri-Gatien Bertrand gerichtete Befehl Napoleons ließ keinen Zweifel. Dieser sollte kurz vor Tagesanbruch am 25. Oktober die Stadt Spandau besetzen und sichern. Das tat er dann auch. Mit 100 Reitern stürmten die Franzosen durch das Potsdamer Tor bis zum Marktplatz. Bertrand wurde befohlen, die Einwohner der Stadt darüber zu befragen, was in den letzten 3-4 Tagen im Bereich der Festung geschehen sei. Napoleon wollte über jedes Detail informiert werden. Alle drei Stunden erwartete er den Bericht Bertrands. Dem General wurde ferner aufgetragen, die Geschütze auf die Zitadelle auszurichten und diese zu beschießen. Mit einem weiteren Teil der Truppen sollte der Weg nach Hennigsdorf ausgekundschaftet werden. Dort würde sich der General der Brigade Muhann am Morgen mit seiner Kavallerie versammeln. Dazu kamen noch weitere Truppen, die insgesamt eine vielfache Übermacht darstellten. Spandau wurde vollständig von feindlichen Truppen eingeschlossen.

Spandau ist eine Kloake

"Vue de Spandau" - Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)

“Vue de Spandau” – Blick auf Spandau vom Stresow um 1791 (Foto. Ralf Salecker)

Auf der Zitadelle befand sich eine bunt gemischte Besatzung von gerade einmal 900 Mann. 500 davon waren Invalide. Dem standen etwa 20.000 kampferprobte französische Soldaten gegenüber. Über den Ausgang eines Kampfes konnte folglich kein Zweifel bestehen. Erst nach der dritten Aufforderung entschloss sich der Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, zur Kapitulation.

Die Festung erschien ihm wegen ihres schlechten Bauzustandes nicht verteidigungsfähig. Zu dieser Zeit galt die Zitadelle eher als Staatsgefängnis. Die drohenden Geschütze an den Freiheitswiesen (also dort, wo heute Ikea steht) sowie am Oranienburger Tor ließen ihm keine Wahl.

Eine Weigerung hätte unweigerlich die Zerstörung der Zitadelle bedeutet. Kaiser Napoleon I. ritt am 26.10.1806 in Begleitung des Prinzen Murat und seiner Garde durch das Potsdamer Tor in die Stadt, die er angewidert als Kloake bezeichnete, und besichtigte anschließend die Zitadelle. Erstaunt über ihren desolaten Zustand ordnete er umgehend ihre Instandsetzung an. Benneckendorff hatte mit seiner Einschätzung also Recht. Noch am selben Tag reiste Napoleon weiter nach Berlin, wo er am 27. Oktober ankam. Dort wurde ihm zeremoniell der Stadtschlüssel von Berlin überreicht.

Besatzerlasten für die Spandauer Bevölkerung

Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)

Blick auf Spandau vom Stresow um 1800 (Foto: Ralf Salecker)

Für die Spandauer Bevölkerung war das Leid mit der Niederlage nicht vorbei. In jede Wohnung wurden französische Soldaten einquartiert, die von den Bewohnern versorgt werden mussten. Oft nahmen sich die Besatzer von Händlern und Bewohnern was sie wollten – ohne zu bezahlen.

Bis 1808 musste Spandau die Besatzung erdulden. Am 27. November verlassen die letzten Franzosen gemäß den Vereinbarungen von Tilsit (7. Juli 1807) die Stadt, wenn auch mit einem Jahr Verspätung. Im Dezember zogen wieder preußische Truppen nach Spandau ein. Gouverneur von Spandau wurde Oberst von Thümen.

Der ehemalige Kommandant der Zitadelle, Major Ernst-Ludwig von Benneckendorff, wurde 1808 von einem preußischen Gericht wegen seiner angeblichen „Feigheit“ zum Tode verurteilt. Seine Strafe wird auf Königliche Gnade in Festungshaft auf der Zitadelle umgewandelt. Damit erging es ihm besser als den Kommandanten zweier anderer Festungen. Diese wurden hingerichtet. 11 Jahre später wird Benneckendorff wieder freigelassen.

Wieder Franzosen in Spandau

Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)

Eroberung Spandaus durch Preußen und Russen (Foto: Ralf Salecker)

Im März 1812 erfolgten entsprechend den Verträgen zwischen Preußen und Frankreich erneute Einquartierungen von Franzosen in Spandau. Nach der Niederlage Napoleons in Russland erreichten Reste der „Großen Armee“ die Stadt. Russische Truppen rücken nach. In der Folge verhängen am 20. Februar 1813 die Franzosen den Belagerungszustand über der Stadt, mit dramatischen Auswirkungen für die Bevölkerung.

Einen Tag haben die Bewohner der Vorstädte nun Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Verzweifelt senden sie eine Abordnung nach Berlin, um das Niederbrennen der Häuser zu verhindern. Nach Hause gehen sie mit einer wenig beruhigenden Antwort: Nur im äußersten Notfall sollen die Häuser abgebrannt werden. Dieser tritt aus Sicht der Franzosen kurz darauf ein, als Preußen und Russland sich am 28. Februar gegen Frankreich verbünden.

Vereint bewegen sich die Truppen Anfang März auf Spandau zu. Vor dem Potsdamer und Oranienburger Tor, sowie auf dem Stresow brennen die Häuser. Ende März erging es den Häusern auf dem Kiez und am Burgwall ähnlich. Am 23.3.1813 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Im März 1813 belagern russische und preußische Truppen unter Leitung von Generalmajor August von Thümen, vormals Gouverneur von Spandau, die Zitadelle. Anders, als beim Angriff der Franzosen auf die nur schlecht besetzte Zitadelle, sieht es diesmal etwas anders aus. 3000 Soldaten sitzen diesmal innerhalb der Mauern, ausgerüstet mit rund 110 Geschützen. Noch einmal soll zur Sicherheit der Zitadelle etwas in Spandau brennen. Den Franzosen ist der Turm der Nikolai-Kirche ein Dorn im Auge. Sie wollen ihn gerne niederbrennen, lassen sich dann aber davon überzeugen, dass es genügt, die Holztreppen herauszuschlagen.

Spandau und Zitadelle unter Beschuss

Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)

Am Anfang der Carl-Schurz-Straße (früher Potsdamer Straße) befand sich einst das Postdamer Tor, durch das Napoleon und die französischen Truppen in die Stadt gelangten (Foto: Ralf Salecker)

Preußischen Truppen beschießen am 17. und 18.4.1813 Spandau und die Zitadelle, auf der Feuer ausbricht. Der Treffer durch eine Kanonenkugel bringt gegen 11 Uhr das Pulvermagazin der Bastion Königin zur Explosion. Die Zitadelle wird schwer beschädigt.

Das »alte Zeughaus« vor der Südkurtine, der Juliusturm, das Laboratorium im Palas, sowie Teile des Torhauses brennen aus. Die Verteidigungsfähigkeit der Festung wird stark eingeschränkt. Etwa 30 bis 40 Prozent der Spandauer Altstadt werden durch die Kanonade zerstört und 25 Prozent der Zitadelle.

Erstaunlicherweise kamen nur zwei Spandauer bei dem Angriff ums Leben. Noch verweigern sie die Kapitulation. Erst, als die Belagerer beginnen, auch die Altstadt zu beschießen, geben die Franzosen auf, nachdem ihnen freier Abzug gewährt wurde. Am 23.April 1813 kapitulierten die Franzosen und übergaben am 26. April 1813 die Zitadelle an die Preußen unter General v. Thümen. Eine Gedenktafel am Toreingang zur Zitadelle erinnert daran.

Einen Tag später zogen die französischen Truppen aus Spandau ab. Schon damals gab es Schaulustige, die sich gerne zerstörte Orte anschauen wollten. Gegen Zahlung einiger Silbergroschen darf sich die Bevölkerung Berlins die beschädigte Festung anschauen. Die eingenommenen Gelder sollen der Spandauer Bevölkerung zum Wiederaufbau ihrer Wohnhäuser zugute kommen. Das Schinkeldenkmal auf dem Reformationsplatz in der Spandauer Altstadt erinnert an die Befreiungskriege.

Die Geschichte der Post in Spandau

Das Haus der Gesundheit und seine Zeit als Postamt

Blick vom Rathaus Spandau zum alten Postamt in der Altstadt (Foto: Ralf Salecker)

Blick vom Rathaus Spandau zum alten Postamt in der Altstadt (Foto: Ralf Salecker)

Es gab einmal vor langer, langer Zeit, da gab es kein einheitliches Postsystem in Deutschland und dem Rest der Welt. Wer einen Brief schreiben wollte, was eine Seltenheit war, fand keine international agierende Struktur, der er seine Post anvertrauen konnte. Jedes Land oder Fürstentum kochte sein eigenes Süppchen. Postreiter, gab es nicht nur im Wilden Westen, auch im noch nicht geeinten Deutschen Reich, welches als Nationalstaat erst seit 1871 existiert.

1701 hängte man in Berlin noch ein Verzeichnis der wenigen eingetrudelten Briefe aus. Mehr war anscheinend nicht notwendig. Wer einen Brief erwartete, musste also regelmäßig nachschauen. Erst 1766 gab es den ersten Briefkasten Berlins. Dieser hing im Flur des Hof-Postamtes. 7 Briefträger sorgten für die Zustellung der Briefe. Nur zwei Postbeamte waren noch 1769 ausreichend, um die Entgegennahme und Auslieferung der Briefe abzuwickeln.

Die Post in Spandau zog im 19. Jahrhundert mehrfach um. 1829 befand sie sich noch im Haus des Postfuhrunternehmers Commerzienrath Berr in der Breite Straße 21. 1852 zog sie weiter in die Hausnummer 32. 1857 bis 1867 war sie beim Pfarrer in der Potsdamer Straße 14 untergebracht. Traute man etwa den privaten Postunternehmern nicht mehr?

weiter mit dem Artikel geht es hier (www.Spandau-Tourist-Info.de):