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Nur Weihnachtsbäume kamen nicht mit der Luftbrücke

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 12

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Aber weiter zu den Hilfen der Westalliierten, so haben sie z. B. über Jahre hinweg die Schulspeisung ermöglicht. Die Engländer haben Weihnachten 1948, also während der Blockade, für die Kinder der bei ihnen Beschäftigten eine große Weihnachtsfeier veranstaltet, mit allen Köstlichkeiten die man sich als Kind damals erträumen konnte. Die Amerikaner richteten, während Blockade auf der Großen-Badewiese in Hohengatow, ein Zeltlager für Spandauer Schulklassen ein.

Mehrere Klassen konnten immer gleichzeitig das Zeltlager, oder Camp wie die Amis sagten, für 14 Tage belegen. Auch meine Klasse (9. und Abschlussklasse) bezog im September 48 für 2 Wochen dieses Zeltlager. Begleitet wurden wir von unserem Rektor Herrn Hofschläger. Die Unterbringung erfolgte in Amerikanischen Armeezelten zu je 10 Mann. Wir schliefen in Feldbetten, die direkt auf der Wiese standen denn die Zelte hatten keinen Boden. Jeder bekam 2 Decken und einen Schlafsack aus Krepppapier der aussah wie eine Zementtüte. Wir weigerten uns in diese „Tüten“ zu kriechen und schliefen in der ersten Nacht nur mit den Decken, und haben fürchterlich gefroren.

In der 2. Nacht haben wir diese Tüten dann doch benutzt und wohlig und warm geschlafen.

Papier wärmt eben doch, die Armee wird das ausprobiert haben. Da wir direkt am Wasser lagen, fand unsere morgendliche Wäsche in der Havel statt. Im Hintergrund landeten die Britischen Sunderland-Flugboote der Luftbrücke. Die Verpflegung war für Nachkriegsverhältnisse hervorragend. Mittags gab es zwar meistens Eintopfgerichte, aber immer mit viel Fleisch. Morgens und abends konnten wir uns ein Stapel Stullen im Verpflegungszelt abholen. Als Getränk war Coca-Cola angesagt, mit der uns die Amis reichlich versorgten.

Die Tage verbrachten wir mit Sport und Spiel, abends wurden im Gemeinschaftszelt Filme, meistens Zeichentrickfilme, gezeigt. Hier machte ich meine erste Bekanntschaft mit Mickey-Mouse und dem Spinat essenden Seemann. Wir alle haben diesen Aufenthalt genossen, war er doch ein Lichtblick in dieser immer noch von Mängeln beherrschten Zeit. Das Jahr 48 ging ohne weitere Höhepunkte dahin, die Luftbrücke ging weiter und wir staunten, was man alles in einem Flugzeug transportieren kann. So wurde z.B. der komplette Turbinensatz für das neue Kraftwerk-West (später Kraftwerk-Reuter) in Einzelteilen eingeflogen, um hier montiert zu werden. Dieses Kraftwerk musste unbedingt errichtet werden um in Westberlin eine eigne Stromversorgung aufzubauen.

Das anstehende Weihnachtsfest brachte für mich eine zusätzliche Einnahmequelle. Da es so gut wie keine Weihnachtsbäume gab, musste der am Ende der Scharfen-Lanke liegende Wald, der damals noch eingezäunt und bewacht war, als Lieferant herhalten. Im Bekanntenkreis, zu dem auch Kollegen meines Vaters gehörten, machte ich etwas Propaganda und nahm Bestellungen entgegen. Da ich pro Abend immer nur eine Tanne besorgen konnte zog sich die Aktion etwas hin. Wenn ein Abnehmer da war, zog ich abends, bewaffnet mit einer Säge, los. Da wir immer wussten wie man durch diesen Zaun kommen konnte, war das Reinkommen kein Problem. Die Tanne, die ich mir am Tage schon ausgesucht hatte wurde angepeilt, der Rest der Arbeit wurde möglichst lautlos erledigt und dann schnell wieder weg. Am nächsten Tage dann erfolgte die Auslieferung.

Ich glaube 10 Weihnachtsbäume habe ich so an den Mann gebracht und pro Baum 4 Deutsche Mark kassiert. Wie gesagt, konnte man sich während der Blockade noch nicht allzu viel dafür kaufen, aber irgendwelche Quellen für Süßigkeiten und benötigte Fahrradteile gab es immer. Heute hört sich dies alles etwas kriminell an, aber in dieser schweren Zeit musste jeder sehen wo er bleibt, keiner hat sich etwas dabei gedacht und der Wald hat alles gut überstanden. Da wir gerade von Geld sprachen, das Hartgeld war äußerst knapp. Es gab daher Geldscheine für 2 DM, 1 DM, 50 Pfg. und 10 Pfg.

Es kam das Jahr 1949 und viele Ereignisse standen an. Am wichtigsten für Berlin war das Ende der Blockade. Am 12. Mai rollten die ersten LKWs und Busse wieder über die Autobahn nach Berlin, sie wurden von den Berlinern mit Jubel und Blumen empfangen. Zur Sicherheit wurde die Luftbrücke aber noch einige Zeit aufrechterhalten. Die Zeiten wurden jedenfalls besser, nach und nach wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft und man konnte beinahe alles schon wieder kaufen, sofern man das nötige Geld hatte.

Nur Volksschule …?

Das zweite wichtige Ereignis im Jahre 1949 war im Juli unsere Entlassung aus der Schule. Wir waren nach Einführung des 9. Schuljahres für Volksschulen in Berlin, der erste Jahrgang der die 9. Klasse absolvierte, also aus der neunten Klasse entlassen wurde. Wenn jetzt hier einer abfällig denkt: „nur Volksschule besucht“, dann möchte ich mal hier eine Lanze für diese unsere alte Schule brechen. Wir hatten sehr engagierte Lehrer, die uns eine Fülle von Wissen und Allgemeinwissen mitgegeben haben, von denen ein heutiger Hauptschüler (wenn man die Volksschule mit der Hauptschule vergleicht) nur träumen kann. Wir haben z.B. im Deutschunterricht Deutsche Dichter besprochen, Gedichte gelernt und Theaterstücke gelesen. Im Rahmen des Theaters für Schulen, das damals gerade ins Leben gerufen wurde, haben wir Aufführungen besucht. Wir hatten ausführlichen Geschichtsunterricht, Mathematik, Physik und in den letzten 2 Jahren Englisch. Unser Lehrer hat uns an klassische Musik rangeführt und mit uns Opernaufführungen besucht. Heute kann ein Hauptschüler nicht mal seinen Namen vernünftig schreiben. Bedenken muss man noch, dass die Umstände unter denen im Kriege und nach dem Kriege der Unterricht stattfand, doch teilweise sehr primitiv und mit Mängeln behaftet war. Mir war es nicht vergönnt, bedingt durch Kriegs und Nachkriegswirren und auch einer überforderten Mutter eine Oberschule zu besuchen.

Nach Absolvierung einer Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG, machte ich im Rahmen des 2.Bildungsweges (wie es damals hieß) an der „Staatlichen Ingenieurschule Beuth“ meinen Fachschulingenieur, aber die Grundlage meines Wissens habe ich in der damaligen Volksschule erworben. Da einem mit zunehmendem Alter die frühen Ereignisse immer klarer ins Gedächtnis kommen, war es für mich ein Bedürfnis dies alles einmal zu Papier zu bringen. Wenn auch von meiner damaligen Clique leider schon viele nicht mehr leben möchte ich ihnen doch zurufen: Es war eine harte, entbehrungsreiche aber für uns Jungs auch eine abenteuerliche Zeit.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende von Teil 12 – Schluss

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

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