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Paddelbootsbau im Spandau der Nachkriegszeit – 1953

Erinnerungen von Jörg Sonnabend

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Im September 53 hatte ich meine Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG beendet und arbeitete als Junggeselle im Vorrichtungsbau der AEG-Maschinenfabrik Brunnenstraße.

Gerd Langner, ein ehemaliger Lehrkollege der ebenfalls dort arbeitete, hatte eines Tages eine Idee. Er sagte, du wohnst doch in Spandau am Wasser, auf der Lanke-Werft, meine beiden Freunde und ich wollen uns Paddelboote bauen, wenn du dich daran beteiligst, könnten wir 4 Boote auf Kiel legen.

Ich war begeistert und da wir im Garten genug Platz hatten, stimmte ich zu. Es begann also die Planungsphase. Zuerst wurde ein Bauplan besorgt. Wir entschieden uns für ein Boot in Schapi-Bauweise, d. h. ein einfaches Boot mit einem flachen Boden. An ein geklinkertes Boot, mit überlappenden Planken haben wir uns doch nicht ran getraut. Die Boote hatten eine Länge von ca. 4,10 m und eine Breite von ca. 90 cm.

Start mit kleinen Schwierigkeiten

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Die Vorarbeiten begannen mit der Materialbeschaffung. Das Material kauften wir natürlich immer nach und nach je nach Bauphase. Zuerst benötigten wir das Leistenmaterial für die Spantenrahmen und die dazugehörigen Kupfernieten, wie sie im Bootsbau verwendet werden. Da es schon Spätsommer war, der Herbst stand vor der Tür, konnten wir diese Arbeiten im Freien nicht mehr ausführen.

Wir hatten aber eine Lösung: Gerd wohnte in der Luxemburger Straße, in der Nähe des Leopold Platzes und hatte einen geräumigen Keller mit Werkbank und Schraubstock. Also konnten wir unsere Vorarbeiten während des Winters dort ausführen.

Wenn ich hier immer nur Gerd beim Namen nenne, so muss ich sagen die Namen der anderen beiden fallen mir nicht mehr, es waren ja Freunde von Gerd, ich weiß nur noch dass der eine Viktor hieß.

Wir begannen also mit den Vorarbeiten. Es mussten immerhin 36 Spantenrahmen gefertigt werden, pro Boot 9 Stück. Mühsam war das Ausarbeiten der gebogenen Decksbalken, es gab noch keine Elektrowerkzeuge aus dem Baumarkt, alles wurde in Handarbeit gefertigt.

So trafen wir uns, je nach Verabredung, ein bis mehrmals in der Woche nach der Arbeit und verwandelten den Keller in der Luxemburger Straße in eine Bootswerft. Die Arbeit machte Spaß, zog sich aber beinahe den ganzen Winter hin, wir fieberten dem Frühling entgegen um im Garten zu weiteren Aktivitäten zu kommen.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ein kleines Problem hatten wir nicht bedacht: die 4 Stapel Spanten mussten nach Spandau transportiert werden. Heute, wo jeder ein Auto besitzt, kein Problem, wir aber mussten auf Fahrrad oder BVG zurückgreifen. Wir entschieden uns für die BVG.

Da wir damals noch sonnabends arbeiten mussten, trafen wir uns an einem Sonnabend-Nachmittag in unserem „Werkstattkeller“, bündelten unsere Spanten und zogen so bepackt mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus nach Spandau. Da die U-Bahn nach Spandau erst 20 Jahre später eröffnet werden sollte war die Fahrerei zu dieser Zeit noch etwas komplizierter.

Materialbeschaffung und Vorarbeiten

Bei uns im Garten wurden die vorgefertigten Teile erst einmal eingelagert, denn wir mussten uns mit der Planung der weiteren Schritte befassen. Mein Vater, in seiner Jugend selbst begeisterter Wassersportler und im Bootsbau sehr versiert, gab uns hier manch wertvollen Tipp.

Der nächste Schritt, der jetzt anstand war die Berechnung und Bestellung des weiteren Materials. Im Bauplan vorgeschrieben war die Verwendung von wasserfestem Sperrholz, damals eine teure Variante.

Da unsere Mittel aber nicht unbegrenzt waren, unser Wochenlohn betrug gerade mal ca. 50,- DM, mussten wir eine andere Lösung finden. Unsere Lösung hieß: wasserfeste Hartfaserplatten, 5 mm dick. Dieses Material war gerade neu auf dem Markt, ließ sich leicht verarbeiten und war, wie sich auch später herausstellte, auf Dauer haltbar. Wir bestellten also die Platten, die etwas über 4m lang und etwa 2 m breit waren und ließen sie uns anliefern.

Wenn ich mich recht erinnere, benötigten wir 6 solcher Hartfaserplatten. Da wir mit den über 4 m langen Leisten für Kiel, Stringer und Deck nicht im Bus fahren konnten, mussten wir sie uns auch anliefern lassen. Für die Montage entschlossen wir uns einen damals üblichen 2-Komponenten Bootsbauleim und Messing-Holzschrauben zu verwenden.

Da wir bei den Planken, Deck und Boden alle 5 cm eine Schraube setzen mussten, benötigten wir an die 2000 Messingschrauben. Bei den damaligen Materialkosten war das der größte Kostenfaktor. Soweit die Materialbeschaffung und die Vorarbeiten.

Erste Arbeiten

Der Frühling war gekommen und an einem warmen Sonntag konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Um den Tag richtig zu nutzen, begannen wir immer schon ziemlich früh mit der Arbeit. Wobei ich es hier am bequemsten hatte, ich brauchte praktisch nur aus dem Bett fallen und war im Garten. Meine drei Kumpels hatten es etwas schwieriger, sie mussten immer erst vom Wedding aus „anreisen“. Da sie sportliche Typen waren bewältigten sie den Weg meistens mit dem Fahrrad.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Unsere Arbeit begann damit, dass wir uns eine Helling errichteten. Wie auf Bild 1 zu erkennen ist wurden dazu 4 Pfähle, in einem bestimmten Abstand, in die Erde gerammt. Um den Sprung bzw. die Durchbiegung der Kielleiste zu berücksichtigen, wurden die beiden mittleren Pfähle demensprechend tiefer gelegt. Auf diese so errichtete Helling wurde die Kielleiste geschraubt und die vorgefertigten Spantenrahmen, in den entsprechenden Abständen, befestigt. Auch der Vor- und der Achtersteven wurden auf die Kielleiste geschraubt, siehe. Bild 1.

Im nächsten Arbeitsschritt mussten, wie auf Bild 2gut zu sehen ist, die Stringerleisten angebracht werden. Die Arbeit wurde jetzt schon etwas schwieriger. Da ich auf einer Werft groß geworden bin, meine Kindheit und Jugend auf und zwischen Booten verbracht habe, hatte ich hier die meiste Erfahrung und habe auch hier etwas die Führung übernommen.

Die Boote nehmen Form an

Da wir alle Handwerker waren, wussten wir immer, was zu tun war und es klappte. Es gab natürlich auch kleine Pannen oder Missgeschicke, die aber immer mit Humor und etwas Lästerei überwunden wurden.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Mit der Anbringung der Steven und der Deck- und Kimmstringer hatten wir den ersten Aufbau fertig. Wir bezeichneten dieses Gebilde nicht ganz fachmännisch als „Gerippe“, sehr schön auf Bild 3zu bewundern. Dieses „Gerippe“ konnten wir jetzt von der Helling lösen und in der gleichen Weise mit dem Bau des nächsten Aufbaues beginnen. Dreimal mussten wir diese Arbeitsschritte noch wiederholen dann lagen die 4 „Gerippe“ vor uns und wir konnten mit der Beplankung beginnen.

Da uns die Arbeit zu langsam vorankam, trafen wir uns jetzt auch manchmal am Sonnabendnachmittag um das Ganze etwas zu beschleunigen. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück, es gab nur wenige Wochenenden an denen wir nicht draußen arbeiten konnten. Mit dem Frühaufstehen am Sonntag hatte ich zu dieser Zeit sowieso immer ein Problem. Ich war damals 19, John Travolta gab es noch nicht aber das „Saturday Night Fever“ hatten wir schon erfunden.

Der Spaß kam nie zu kurz

Diese Nacht gehörte uns, d. h. meinen Freunden und mir. Kino, Tanzen oder auch Jazzkonzerte, je nach dem was geboten wurde. Außerdem machte ich zu dieser Zeit selbst noch Musik, ich spielte Schlagzeug. Also Schlaf war in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag immer Mangelware. Ich ließ mir aber nichts anmerken, am Sonntagmorgen stand ich immer wieder pünktlich an der Helling bzw. an den Böcken. Wie ich aber bald merkte, ging es den Mitstreitern ebenso.

Die Beplankung der Boote begann mit der Anbringung der Bodenplanke. Das Material wurde mit Aufmaß zugeschnitten, alles wieder von Hand mit der Säge, der Boden wurde aufgeleimt und verschraubt und das überstehende Material mittels Raspel und Hobel entfernt.

Wie ich schon erwähnte wurden die einzelnen Arbeitsschritte immer erst an allen Booten durchgeführt, ehe wir einen neuen Arbeitsschritt begannen. Nachdem die Bodenplanken angebracht waren, begannen wir in ähnlicher Weise mit der Seitenbeplankung, wie auf Bild 4gut zu sehen ist.

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Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Um nach der Seitenbeplankung das Deck aufbringen zu können, mussten die mittleren Decksbalken für die Einstiegsöffnung aufgeschnitten werden und mit Leisten begrenzt werden (auf Bild 5 gut zu sehen).

Alle, mit gleicher Sorgfalt

Die Arbeit machte uns großen Spaß, wir kamen auch gut voran und unser Ziel noch im Sommer die erste Bootstour zu unternehmen rückte näher. Damit keiner sagen konnte, ihr habt in mein Boot diesen oder jenen Fehler eingebaut, hatten wir vor die im Rohbau fertigen Boote zu verlosen. Das hatte zur Folge, dass alle Boote mit der gleichen Sorgfalt gefertigt wurden. Nach der Verlosung sollte jeder an sein Boot die fertigstellenden Arbeiten allein ausführen.

Zu diesen Arbeiten gehörten der Einbau der Reling und der Rückenlehnen, die Anbringung der Zierleisten und natürlich die Lackarbeiten. Aber soweit waren wir noch nicht, es mussten jetzt erst einmal die Bootsdecks aufgebracht werden.

Es war eigentlich die komplizierteste Arbeit, weil wir das mit Aufmaß ausgeschnittene Deck geschlossen aufschrauben mussten und dann erst den Ausschnitt für die Plicht, sprich Einstieg, ausschneiden konnten. Aber da wir als Werkzeugmacher an präzises Arbeiten gewöhnt waren gelang uns auch diese Arbeit, wie auf Bild 6 gut zu sehen ist.

Nach diesem Arbeitsschritt hatten wir die Boote im Rohbau fertig. Im Bild 6 rechts unten ist eins der Boote im Rohbau zu sehen. Das Boot, das wir im Übermut senkrecht zum Fotografieren aufs Heck gestellt haben, hat bereits eine Reling.

Jetzt folgte die bereits angekündigte Verlosung der Boote. Jeder kennzeichnete sein Boot und es begann der Endspurt. Wir hatten jetzt eine „Parallelfertigung“, denn jeder werkelte jetzt allein an sein Boot, wobei gegenseitige Hilfe natürlich immer noch Bestand hatte und auch nötig war.

Schlussarbeiten, der Sommer naht

Einige Wochenenden gingen natürlich noch drauf, denn es gab noch einiges zu tun. Die Sitzlehnen und die Bodenbretter mussten angefertigt werden und die Boote bekamen eine Scheuerleiste. Wie auf Bild 7 zu sehen ist, brachte jeder je nach Geschmack auch noch ein paar Zierleisten an, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und jeder hatte eine andere Vorstellung wie ein Boot auszusehen hat.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ich hatte mein Boot (auf Bild 7 rechts) betont schlicht gehalten, es sollte mehr nach Kajak aussehen und die sportliche Note sollte betont werden. Der Vorteil den ich jetzt hatte, war, dass ich an mein Boot jetzt auch Wochentags nach Feierabend arbeiten konnte. So hatte ich Zeit, am Wochenende den anderen zu helfen.

Die wichtigste Arbeit hatten wir noch vor uns: die Boote mussten lackiert werden und natürlich einen Unterwasseranstrich bekommen. Zuerst wurden die Boote geschliffen und mit Leinölfirnis gestrichen. Nach dem Trocknen erfolgte abermals ein leichtes Anschleifen. Jetzt erfolgte der für Paddelboote traditionelle grüne Unterwasseranstrich. Danach wurden das Deck und die Seitenwände mit Bootslack zweimal lackiert. Wir hatten Glück mit dem Wetter, denn wenn man ein Boot im Freien lackieren muss ist man sehr vom Wetter und besonders von der Staubentwicklung abhängig, ich kannte das von größeren Booten. Aber wir hatten Glück und bald konnten wir unsere fertigen Boote präsentieren.

Stapellauf

An einem schönen Sommertag des Jahres 1954 trugen wir stolz unsere Boote einzeln zum Wasser, ein Weg von ca. 150 m. Wir freuten uns eigentlich sehr über unsere gelungene Arbeit denn trotz aller Erfahrung die vor allem ich mit Booten hatte, waren wir doch alle Laien.

Jedenfalls gratulierten wir uns gegenseitig und es erfolgte der langersehnte „Stapellauf“. Wie auf Bild 8 gut zu sehen ist, lagen die Boote gut im Wasser und vor allem, sie waren dicht. Damit war die Arbeit der kleinen „Bootswerft“ bei uns im Garten beendet.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Rückschauend möchte ich sagen, es war für Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung. Den Begriff „Teamwork“ gab es damals noch nicht, aber wir hätten ihn erfinden können. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche heute auf die gleiche Idee kommen würden.

Ein Wort noch zu den Kosten, sie lagen pro Boot bei ca. 120,- DM, bei unserem damaligen Verdienst waren das ca. 2 ½ Wochenlöhne. Die Boote haben sich bewährt, ich habe mit meinem Boot viele Touren unternommen und konnte es 1962 noch verkaufen.

 

Jörg Sonnabend

2012

 

 

Anmerkung der Reaktion:

Unterwegs in Spandau sucht weitere Erinnerungen an Spandaus vergangene Zeiten.

Wer gerne Begebenheiten aus seinen Erinnerungen weitergeben möchte, der ist auf Unterwegs in Spandau herzlich willkommen. Auch fragmentarische Stichpunkte sind wichtig. Ich erstelle gerne einen fertigen Text aus Ihren Notizen.

Werfen Sie alte Fotos und Postkarten nicht weg!

Weihnachten und Bombenalarm an der Scharfen Lanke

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 5

Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Nur Einige, aus meiner Sicht besonders heftige, verfolgen mich seit meiner Kindheit. Da war der 1. März 1942, unsere erste Bekanntschaft mit Bomben (ich habe bereits darüber berichtet), der 16. Dezember 1943, auf den ich noch eingehen werde und der legendäre 6. Oktober 1944, ein Tagesalarm bei dem der Turm der Nikolai-Kirche ausbrannte. Es war der 16. Dezember 1943, also kurz vor Weihnachten. Wieder eine Kriegsweihnacht, bereits die fünfte.

Große Höhepunkte waren nicht zu erwarten, aber meine Mutter, zusammen mit den Großeltern, versuchte doch immer das Weihnachtsfest zu gestalten. Einige Überraschungen waren immer noch drin. Also am 16. 12. 43 verzichteten wir auf unseren Aufenthalt im Bunker, in der Hoffnung dass es keinen Alarm gibt und meine Mutter wollte die Wohnung auf „Weihnachtsglanz“ bringen. Da meine Mutter tagsüber arbeitete, ging abends das Großreinemachen los. Das ganze Programm, mit Staubsaugen usw..

Es kam dann doch anders als wir es uns gedacht haben, am späten Abend heulten die Sirenen: es war Fliegeralarm. Die Frage war jetzt wohin? Der Luftschutzstollen, der gegenüber dem Werfteingang, in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig und unseren etwas unsicheren Hauskeller wollten wir nicht mehr benutzen. Da fiel uns ein, dass man am Ende der Scharfen Lanke, also direkt neben uns vor dem Segelklub S.V. U. H. einen kleinen Luftschutzbunker in den Sand hinein gebaut hatte.

Es waren hölzerne Balkenrahmen zur Hälfte ins Erdreich versenkt mit Holzbohlen verbunden und das Ganze mit ca. 2 m Sand bedeckt. Das ganze Gebilde war ca. 15 m lang und hatte an jedem Ende eine Holztür. Entgegen aller Vorschriften hatte dieser kleine Splittergraben in der Mitte keine Abknickung, die Druckwellen der Sprengbomben und Luftminen konnten uns also ungehindert um die Ohren pfeifen. Die Druckwelle einer Luftmine z.B. war noch in 1000 m Entfernung zu spüren. Wir 4 Personen, mein Freund Horst mit Mutter und ich mit meiner Mutter, wir waren an diesem Abend die einzigen Personen im Hause, suchten also schleunigst diesen kleinen Splittergraben auf denn das Flakfeuer setzte schon ein.

Es wurde, soweit ich mich erinnern kann, der schlimmste Luftangriff den unsere Gegend abbekommen hat. Vom Anfang bis zum Ende des Angriffes lagen wir auf den Holzfußboden des Bunkers, die Türen wurden aufgerissen und die Druckwellen schossen durch den Splittergraben. Über die Länge des Angriffes kann ich heute keine Angaben mehr machen, aber dieses Feuerwerk aus Bombeneinschlägen und Flakfeuer hielt mindestens über eine Stunde an.

Nach der Entwarnung, also nach Beendigung des Angriffes krochen wir buchstäblich aus dem Splittergraben und stellten als erstes fest, dass unser Haus noch stand. Fenster und teilweise auch Türen waren raus bzw. eingedrückt, der Putz war in großen Flächen von der Wand gefallen, aber man konnte alles wieder notdürftig reparieren.

Wie überhaupt die Werft etliche Bombentreffer abbekommen hatte aber die Hallen und Gebäude blieben stehen und konnten nach Aufräumungsarbeiten wieder benutzt werden. Viele der Bomben sind, trotz der überall brennenden Häuser, offensichtlich in die Havel oder in den Sand der Haveldüne gefallen. Wir haben in den Kriegsjahren viele schreckliche Bombennächte und später auch Tage erlebt, aber dieser 16. Dezember 1943 wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

Nach dieser schrecklichen Bombennacht zogen wir es vor, die Nächte wieder im Bunker zu verbringen, denn unser im Bau befindliche Luftschutzbunker, der gegenüber dem Werfteingang in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig. Für mich persönlich waren die Bombennächte ab Februar 1944 erstmals zu Ende. Mit anderen Spandauer Jungs, alle zwischen 10 und 14 Jahre, wurde ich im Rahmen der Kinderlandverschickung in ein KLV-Lager in die Slowakei verschickt. Dort hatten wir andere gefährliche Abenteuer, vor allem bei unserer überstürzten Rückkehr und Flucht im September 1944, zu bestehen.

Ab Ende 1944 hatten uns die Luftangriffe wieder voll im Griff, die ja auch während meiner Verschickung unvermindert angedauert hatten. Da jetzt auch vermehrt Tagesangriffe geflogen wurden hatte sich die Situation noch verschärft. Auf unserem Schulweg und auch während des Unterrichts wurden wir oft von den Alarmsirenen überrascht und mussten dann versuchen irgendeinen in der Nähe liegenden Luftschutzkeller oder Bunker aufzusuchen. Während meiner Kinderlandverschickung ist auch unser lang ersehnter, in die Haveldüne hineingebauter, Luftschutzbunker fertig geworden.

Dieser Bunker, gebaut mit dicken Eichenbalken und mit mehreren Metern märkischen Sand darüber, bot uns endlich den Schutz, den wir uns in den davor liegenden Jahren immer gewünscht hatten. Gegen Ende des Krieges wurden die Angriffe unregelmäßiger und auch heftiger. Aber auch diese schwere Zeit musste überstanden werden. Bei aller Schrecklichkeit, die uns das Jahr 1945 mit Kriegsende und Besetzung noch brachte, waren wir letztendlich froh dass wir ab Mai 45 wenigstens wieder nachts durchschlafen konnten. Es gab jetzt andere Widrigkeiten und Notsituationen die überwunden werden mussten.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende Teil 5 von 5

Luftschutzbunker an der Heerstraße

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 4

Jörg Sonnabend mit Mutter und deren Kollegen, 1944

Jörg Sonnabend mit Mutter und deren Kollegen, 1944

In unserer Nähe, wie z.B. Weinmeisterhöhe, Weinmeisterhornweg oder im vorderen Teil der Scharfen Lanke, wurden aber doch etliche Häuser zerstört. Unser Schulweg führte uns dann immer an brennende Trümmer vorbei, es lag ein ekliger Brandgeruch in der Luft. Am schlimmsten war der Geruch wenn Phosphorbomben, die sog. „Phosphorkanister“ abgeworfen wurden. Unser Hobby hieß jetzt „Granatsplitter sammeln“. Der Weg zur Schule war lang und die Ausbeute dementsprechend. In der Schule wurde die Ausbeute begutachtet und die größten Funde bewundert. Bedauert haben wir nur, dass unsere Schule nie vollgetroffen wurde.

Es entstanden jetzt im Stadtgebiet immer mehr Luftschutzbunker aus Beton. Der nächst gelegene von uns ein sog. Flachbunker also nur ebenerdig, befand sich an der Gatower Ecke Heerstraße, ungefähr hinter der heutigen Esso-Tankstelle. Da wir uns in unserem Luftschutzkeller nicht mehr sicher genug fühlten bemühten wir uns um einen Platz in diesem Bunker.

Da die Schlafplätze hier sehr begehrt waren kamen wir erst mal auf eine Warteliste. Wir mussten uns damit begnügen den Bunker bei Sonnenuntergang aufzusuchen und wenn bis ca. 23.00 Uhr kein Fliegeralarm erfolgte wieder den Heimweg anzutreten um wenigsten noch etwas zu schlafen. Es war immerhin ein Fußweg von ca. 30 Min., wobei wir uns immer der Gefahr aussetzten unterwegs von einem späteren Angriff überrascht zu werden.

Alles strapaziös und gefährlich. Man hatte aber bald ein Einsehen mit uns und wir bekamen Bunkerschlafplätze zugewiesen. Der Bunker war in Schlafkabinen mit je 6 Schlafplätzen eingeteilt. Wie viel Kabinen der Bunker hatte, weiß ich heute nicht mehr, wir hatten jedenfalls die Kabine 16. Der Platz war sehr beengt, in der Mitte ein schmaler Gang und rechts und links je ein 3 stöckiges Bett. Meine Mutter, ich, mein Freund Horst mit Mutter und noch 2 fremde Personen schliefen in diesem „Kaninchenstall“, wie wir unsere Schlafstätte immer nannten. Es ging gut, wir störten uns nicht, wir waren alle froh dass wir ohne von der Luftschutzsirene gestört zu werden, durchschlafen konnten.

Wenn nachts bei Alarm Bomben fielen und Flakbeschuss den Himmel erhellte, hörten wir im Bunker nichts. Da ich im obersten Bett, kurz unter der Decke schlief und sich in meiner Nähe das Lüftungsgitter befand, hörte ich durch die Lüftung immer nur ein leises Grummeln. Die hygienischen Zustände waren natürlich stark eingeschränkt. Man zog sich ja zum Schlafen auch nie ganz aus. Alles war praktisch Notbetrieb.

Uns Kinder störte dies alles natürlich nicht und wie die Erwachsenen dies empfanden kann ich heute leider nicht mehr sagen. Wir gingen jedenfalls dann von hier aus zur Schule und die Erwachsenen an ihre Arbeitsstätten. Da unsere Schule erstaunlicher Weise von Bomben nie voll getroffen wurde hatten wir bis kurz vor Kriegsende, so ca. bis Ende März 45, einen verhältnismäßig regelmäßigen Schulbetrieb.

Es gab natürlich auch Nächte an denen wir unseren Betonklotz nicht aufsuchten, z. B. am Wochenende, oder wenn die Großeltern aus Berlin-Kreuzberg zu Besuch kamen, oder mein Vater hatte Fronturlaub. Bei Alarm mussten wir dann wieder unseren Hauskeller aufsuchen, wo wir dann wieder das ganze Feuerwerk erlebten. An Daten der Angriffe bzw. der schweren Angriffe kann ich mich nicht mehr im Einzelnen erinnern.

 

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 4 von 5

Bombentreffer auf der Lanke Werft

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 3

Kai-Anlagen der Lanke-Werft 1943

Kai-Anlagen der Lanke-Werft 1943

Die Bomber griffen jetzt in immer größeren Pulks an. Das tiefe Gebrumme der Britischen Blenheim-, Halifax- oder Lancaster-Bomber erfüllte manchmal den ganzen Himmel. Wenn sich das Ganze mal nicht direkt über uns abspielte durften wir auch mal einen Blick nach draußen werfen. Wobei man immer darauf achten musste, dass man immer überdacht stand, oder wie die Luftschutzwarte, einen Stahlhelm trug. Denn die größte Gefahr beim Aufenthalt im Freien waren die rumfliegenden Granatsplitter der Flakgranaten.

Ansonsten bot der Himmel immer ein riesiges Feuerwerk. Man sah die sog. „Weihnachtsbäume“, das waren Bündel von Leuchtkugeln mit denen die Vorhut Bombardierungsgebiete für die nachfolgenden Maschinen absteckte, Scheinwerfer suchten den Himmel ab und dazwischen die Mündungsfeuer der Flak und die Leuchtspur der 2 cm Schnellfeuer-Vierlings Flak. Die Luft war außerdem erfüllt mit einem gewaltigen Schlachtenlärm. Für uns, d. h. für die Bewohner unseres Hauses wurden die nächtlichen Angriffe beinahe zur Routine.

Geweckt von der Sirene zog man sich, noch schlaftrunken, notdürftig an, schnappte sich den Notfallkoffer und dann ab in den Keller. Dann setzte auch schon der Flakbeschuss ein und die ersten Bomben pfiffen durch die Luft. Wir konnten von Glück sagen, dass die Lanke Werft, trotzdem sie ja als Bombenziel interessant war, zwar etliche Bombentreffer erhielt aber immer weiter produzieren konnte.

Auch unser Wohnhaus erhielt, Gott sei Dank, nur Brandbombentreffer, die aber von der Luftschutzwache immer rechtzeitig gelöscht werden konnte. Den größten Schaden auf der Werft richtete der Treffer einer Luftmine an. Zu dem Begriff „Luftmine“ muss folgendes gesagt werden.: Es waren sehr große Bomben mit mindestens 500 kg Sprengstoff. Die Zünder waren so eingestellt, dass die Bombe nicht erst in der Erde sondern bereits kurz vor dem Aufschlag explodierte. Sie hinterließ dadurch keinen großen Trichter, entwickelte aber eine sehr große Druckwelle, die noch in ca. 1000 m Entfernung ihre Wirkung zeigte.

Ich kann mich an diesen Angriff noch genau erinnern. Die Mine traf die hintere Slip Anlage der Werft, also ca. 250 m von unserem Luftschutzkeller entfernt. Wie immer, wenn wir das Pfeifen einer Bombe hörten lagen wir bereits auf dem Boden. Es setzte ein unbeschreibliches Grollen, Pfeifen und prasseln ein, die Erde bebte, das Licht ging aus und alles war mit dichtem Staub erfüllt.

Trotzdem kein Gebäude der Werft direkt getroffen wurde ging doch ziemlich viel zu Bruch. Die Fenster sind teilweise mit Rahmen rausgeflogen, Türen waren eingedrückt. Balken, Transportkisten und anderes Arbeitsmaterial waren über den ganzen Werft Hof verstreut. Ein großes Trümmerfeld. In unseren Wohnungen waren natürlich auch keine Fensterscheiben mehr ganz, Putz war von den Wänden gefallen und lag teilweise auf den Betten. Um noch ein paar Stunden zu schlafen musste erst einiges aufräumt werden.

Bomben dieses Kalibers hat die Werft nicht mehr abbekommen, für kleinere Sprengbomben und Brandbomben waren wir aber immer noch ein lohnendes Ziel.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 3 von 5

Vier Familien überstehen mit viel Glück die ersten Angriffe gemeinsam in einer Wohnung

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 2

Volksempfänger ve301w, Baujahr 1939 (Hihiman)

Volksempfänger ve301w, Baujahr 1939 (Hihiman)

Später installierte man im Rundfunk eine Einrichtung, die nannte sich „Luftlagemeldung“. Diese Durchsage kam nach jeder Nachrichtensendung. Brenzlig wurde es für uns, wenn dort hieß: „Schwere Bomberverbände im Anflug auf Nordwestdeutschland“. Wir wussten dann, dass entweder Hamburg oder Berlin „Maß genommen“ wird.

Hieß es dann später: „Schwere Bomberverbände im Raum Hannover Braunschweig“, dann wussten wir, dass Berlin das Ziel war. Das funktionierte natürlich nur in den Abendstunden oder auch später am Tage. Nachts wurde man von der Luftschutzsirene aus dem Schlaf gerissen, oder wenn man die Sirene nicht gehört hatte, von den Nachbarn geweckt. Das notdürftige Anziehen und greifen des Notfall-Koffers, hier waren immer die wichtigsten Papiere drin, musste dann innerhalb von Minuten geschehen. Es setzte dann schon das Flakfeuer ein.

Der erste schwerere Angriff, der unsere Gegend erreichte und an den ich mich gut erinnern kann, war der 1. März 1942. Unser erster Luftschutzkeller unter dem Haus war noch nicht fertig, wir mussten also in den Wohnungen bleiben. Da ja geteiltes Leid bekanntlich halbes Leid ist, versammelten sich die vier Familien, die das Haus bewohnten in einem Raum des Hauses. Es heulte und knallte und zwischendurch die Detonationen der Flakabwehr. Wie lange der Angriff gedauert hat kann ich heut nicht mehr sagen, man hat in der Gefahr kein Zeitgefühl. Jedenfalls kauerten wir uns auf den Fußboden und warteten buchstäblich, dass uns die Decke auf den Kopf fällt.

Dass wir diesen Angriff heil überstanden haben und dass sogar die Fensterscheiben überwiegend ganz geblieben sind haben wir dem Umstand zu verdanken, dass bei den ersten Angriffen noch nicht die schweren Sprengbomben und Luftminen eingesetzt wurden, sondern überwiegend Stabbrandbomben. Diese Brandbomben waren sechseckig, ca. 60 cm lang und hatten einen Durchmesser von ca. 5cm (alles nur geschätzt). Beim Aufschlag versprühten sie brennendes Magnesium und setzten die Umgebung in Brand. Wenn man schnell zur Stelle war konnte man sie noch löschen, allerdings nur mit Sand, Wasser war wirkungslos.

Die Werft und auch unser Wohnhaus bekamen an diesem 1. März etliche von diesen Brandbomben ab, die aber sämtlich von der Luftschutzwache gelöscht werden konnten. Trotzdem sind aber in unserer Nähe, in der Siedlung Weinmeisterhorn und Weinmeistergrund zwei Häuser abgebrannt. Unser erster Luftschutzkeller unter dem Haus, musste also schnellstens fertiggestellt werden. Fertigstellen hieß, er musste luftschutzmäßig hergerichtet werden.

Es wurden Holzbalken zur Unterstützung der Kellerdecke eingesetzt, Löschutensilien wurden deponiert. Dazu gehörten: ein Sandkasten, Wasserbehälter, eine Feuerpatsche und ein Einreißhaken. Auch ein großer Verbandskasten wurde an der Wand befestigt. Wenn ich mir heute die Statik dieses Kellers vor Augen führe so kann ich nur sagen, dass wir Glück hatten dass unser Haus nicht von schweren Bomben direkt getroffen wurde. Der Keller war weder bombensicher noch hätte er die Last des einstürzenden Hauses getragen, außerdem war er eine Mausefalle denn einen zweiten Ausgang gab es nicht. In diesem Keller haben wir die schweren Angriffe 1942/43 überlebt.

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 2 von 5