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Luftbrücke – Flugplatz Gatow und die Havel wird zur Landebahn

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 10

Lebensmittelkarte 1945

Lebensmittelkarte 1945

Die Lebensmittel die wir auf Karten bekamen änderten sich gewaltig, es war die „Trockenzeit“ angebrochen, es gab: Trockenmilch, Trockenkartoffeln, Trockengemüse und auch Trockenobst. Um Transportraum in den Flugzeugen zu sparen wurden diese getrockneten Lebensmittel zur Versorgung verwendet. Kartoffeln gab es auch fertig gekocht in Konservenbüchsen, oder in Pulverform, genannt „Pom“, entfernt vergleichbar mit dem heutigen „Pfanni-Produkten“.

Pom mit Wasser angerührt, gab eine graue Masse die sich hervorragend als „Tapetenkleister“ eignete. Die Berliner hatten in Anspielung auf die Russische Besetzung auch gleich wieder eine witzige Bemerkung dazu, die hieß: „Lieber Trockenmilch und Pom, als Uri, Uri und Frau komm“! Die Lebensmittel blieben jedenfalls knapp und rationiert. Wir Jugendlichen (ich war mit der Zeit 14) hatten ein neues Betätigungsfeld, wir fuhren mit dem Fahrrad zu den Landebahnen des Flugplatzes Gatow. Dort landeten die Airlift- Maschinen der britischen „Royal-Airforce“ in Abständen von ca. 3 Min. Die Briten hatten ihre alten Weltkrieg 2-Bomber, vom Typ „Lancaster“, „Halifax“ oder „Blenheim“ als Transportmaschinen Umfunktioniert und setzten sie jetzt zur Versorgung Berlins ein.

Diese Maschinen starten und landen zu sehen löste bei uns ein eigenartiges Gefühl aus, es waren die gleichen Flugzeug die uns vor 3 Jahren noch mit Bomben bepflastert haben. Zur Versorgung mit Kohlen setzten die Briten Flugboote vom Typ „Sunderland“ ein, sie wasserten auf der Havel in Höhe der Großen-Badewiese. In Kladow hatte man extra eine Rampe gebaut um die Maschinen zu entladen.

Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit auf dem Flugplatz-Gatow in der Autowerkstatt. Die vielen LKWs die die eingeflogenen Versorgungsgüter in die Stadt bringen mussten, wollten schließlich gewartet werden. Ein Vorteil hatte diese Arbeitsstelle meines Vaters für uns, wenn mal Konservendosen kaputt gingen oder mal ein Sack mit Mehl oder auch Trockenkartoffeln platzte und diese Sachen noch verwertbar waren, wurden sie an die dort Arbeitenden verteilt. Ich kann mich noch erinnern, dass mein Vater öfter mal einen Beutel mit Mehl mit nach Hause brachte. Da diese Schäden meistens auf den LKWs passierten, war dieses Restmehl auch manchmal mit etwas Sand in Berührung gekommen. Aber da damals alles verwertet wurde gab es dann eben „Knirsch-Suppe“, bei Hunger ist man nicht wählerisch.

Es ist auch ein paar Mal vorgekommen, dass ein Flugzeug schon vor der Landebahn aufsetzte und in der Gatower-Heide zu Bruch ging. Es lag dann die Ladung verstreut im Wald. Die wurde dann bewacht und wieder eingesammelt. Manchmal gelang es uns aber doch, auf Schleichwegen an die herumliegenden Schätze zu kommen. Einmal hatte ein zu Bruch gehendes Flugzeug Rohkaffee geladen und es lagen viele Kaffeebohnen verstreut im Wald. Da uns keiner daran hinderte, fingen wir an zu sammeln und mühselig bekamen wir auch ein oder zwei Hände voll zusammen. Für meinen Vater, der ohne Bohnenkaffee nicht leben konnte war das ein Geschenk des Himmels. Die Bohnen wurden in einem Kaffeesieb über dem Herdfeuer geröstet und es ergab einen trinkbaren Kaffee. Zwar keine Tchibo-Qualität, aber trinkbar.

Jedenfalls brummten die Flugzeuge Tag und Nacht über unseren Köpfen und es war für die Berliner immer beunruhigend wenn die Maschinen mal nicht zu hören waren. Es gab übrigens zu dieser Zeit keine Aktion „Gegen Fluglärm“ oder ähnliche Proteste. Die Schule hatte 1948 ein großes Thema und das hieß: „100 Jahre Revolution von 1848“. Wir Jugendliche waren von Krieg, Bomben und Hunger noch so gezeichnet, dass wir eigentlich gar nicht recht begriffen haben worum es hier eigentlich ging. Unsere Lehrer waren aber pädagogisch so einfühlsam, dass sie uns die Begriffe Revolution, Freiheit und Demokratie verständlich machen konnten.

Der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Gedenken an die Revolution war ein Schulfest, hierzu sollte jede Klasse ein Beitrag leisten. Unser Lehrer hatte sich für unsere Klasse etwas Großes vorgenommen, wir wollten ein Theaterstück aufführen. Ausgewählt hatte er „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann. Obwohl die 5 Akte gekürzt wurden, war es immer noch ein gewaltiges Unternehmen. Für die weiblichen Rollen „borgten“ wir uns einige Mädchen von der gegenüberliegenden Mädchenschule aus. Es gab viel zu lernen aber alle waren bei der Sache und es machte Spaß, zumal die Fächer die bei uns nicht so beliebt waren jetzt in den Hintergrund traten. Aufführungsort sollte unsere Turnhalle werden.

 

Jörg Sonnabend

 

Ende von Teil 10

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

Nur Weihnachtsbäume kamen nicht mit der Luftbrücke

Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49

Teil 12

Short Sunderland excc

Short Sunderland excc

Aber weiter zu den Hilfen der Westalliierten, so haben sie z. B. über Jahre hinweg die Schulspeisung ermöglicht. Die Engländer haben Weihnachten 1948, also während der Blockade, für die Kinder der bei ihnen Beschäftigten eine große Weihnachtsfeier veranstaltet, mit allen Köstlichkeiten die man sich als Kind damals erträumen konnte. Die Amerikaner richteten, während Blockade auf der Großen-Badewiese in Hohengatow, ein Zeltlager für Spandauer Schulklassen ein.

Mehrere Klassen konnten immer gleichzeitig das Zeltlager, oder Camp wie die Amis sagten, für 14 Tage belegen. Auch meine Klasse (9. und Abschlussklasse) bezog im September 48 für 2 Wochen dieses Zeltlager. Begleitet wurden wir von unserem Rektor Herrn Hofschläger. Die Unterbringung erfolgte in Amerikanischen Armeezelten zu je 10 Mann. Wir schliefen in Feldbetten, die direkt auf der Wiese standen denn die Zelte hatten keinen Boden. Jeder bekam 2 Decken und einen Schlafsack aus Krepppapier der aussah wie eine Zementtüte. Wir weigerten uns in diese „Tüten“ zu kriechen und schliefen in der ersten Nacht nur mit den Decken, und haben fürchterlich gefroren.

In der 2. Nacht haben wir diese Tüten dann doch benutzt und wohlig und warm geschlafen.

Papier wärmt eben doch, die Armee wird das ausprobiert haben. Da wir direkt am Wasser lagen, fand unsere morgendliche Wäsche in der Havel statt. Im Hintergrund landeten die Britischen Sunderland-Flugboote der Luftbrücke. Die Verpflegung war für Nachkriegsverhältnisse hervorragend. Mittags gab es zwar meistens Eintopfgerichte, aber immer mit viel Fleisch. Morgens und abends konnten wir uns ein Stapel Stullen im Verpflegungszelt abholen. Als Getränk war Coca-Cola angesagt, mit der uns die Amis reichlich versorgten.

Die Tage verbrachten wir mit Sport und Spiel, abends wurden im Gemeinschaftszelt Filme, meistens Zeichentrickfilme, gezeigt. Hier machte ich meine erste Bekanntschaft mit Mickey-Mouse und dem Spinat essenden Seemann. Wir alle haben diesen Aufenthalt genossen, war er doch ein Lichtblick in dieser immer noch von Mängeln beherrschten Zeit. Das Jahr 48 ging ohne weitere Höhepunkte dahin, die Luftbrücke ging weiter und wir staunten, was man alles in einem Flugzeug transportieren kann. So wurde z.B. der komplette Turbinensatz für das neue Kraftwerk-West (später Kraftwerk-Reuter) in Einzelteilen eingeflogen, um hier montiert zu werden. Dieses Kraftwerk musste unbedingt errichtet werden um in Westberlin eine eigne Stromversorgung aufzubauen.

Das anstehende Weihnachtsfest brachte für mich eine zusätzliche Einnahmequelle. Da es so gut wie keine Weihnachtsbäume gab, musste der am Ende der Scharfen-Lanke liegende Wald, der damals noch eingezäunt und bewacht war, als Lieferant herhalten. Im Bekanntenkreis, zu dem auch Kollegen meines Vaters gehörten, machte ich etwas Propaganda und nahm Bestellungen entgegen. Da ich pro Abend immer nur eine Tanne besorgen konnte zog sich die Aktion etwas hin. Wenn ein Abnehmer da war, zog ich abends, bewaffnet mit einer Säge, los. Da wir immer wussten wie man durch diesen Zaun kommen konnte, war das Reinkommen kein Problem. Die Tanne, die ich mir am Tage schon ausgesucht hatte wurde angepeilt, der Rest der Arbeit wurde möglichst lautlos erledigt und dann schnell wieder weg. Am nächsten Tage dann erfolgte die Auslieferung.

Ich glaube 10 Weihnachtsbäume habe ich so an den Mann gebracht und pro Baum 4 Deutsche Mark kassiert. Wie gesagt, konnte man sich während der Blockade noch nicht allzu viel dafür kaufen, aber irgendwelche Quellen für Süßigkeiten und benötigte Fahrradteile gab es immer. Heute hört sich dies alles etwas kriminell an, aber in dieser schweren Zeit musste jeder sehen wo er bleibt, keiner hat sich etwas dabei gedacht und der Wald hat alles gut überstanden. Da wir gerade von Geld sprachen, das Hartgeld war äußerst knapp. Es gab daher Geldscheine für 2 DM, 1 DM, 50 Pfg. und 10 Pfg.

Es kam das Jahr 1949 und viele Ereignisse standen an. Am wichtigsten für Berlin war das Ende der Blockade. Am 12. Mai rollten die ersten LKWs und Busse wieder über die Autobahn nach Berlin, sie wurden von den Berlinern mit Jubel und Blumen empfangen. Zur Sicherheit wurde die Luftbrücke aber noch einige Zeit aufrechterhalten. Die Zeiten wurden jedenfalls besser, nach und nach wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft und man konnte beinahe alles schon wieder kaufen, sofern man das nötige Geld hatte.

Nur Volksschule …?

Das zweite wichtige Ereignis im Jahre 1949 war im Juli unsere Entlassung aus der Schule. Wir waren nach Einführung des 9. Schuljahres für Volksschulen in Berlin, der erste Jahrgang der die 9. Klasse absolvierte, also aus der neunten Klasse entlassen wurde. Wenn jetzt hier einer abfällig denkt: „nur Volksschule besucht“, dann möchte ich mal hier eine Lanze für diese unsere alte Schule brechen. Wir hatten sehr engagierte Lehrer, die uns eine Fülle von Wissen und Allgemeinwissen mitgegeben haben, von denen ein heutiger Hauptschüler (wenn man die Volksschule mit der Hauptschule vergleicht) nur träumen kann. Wir haben z.B. im Deutschunterricht Deutsche Dichter besprochen, Gedichte gelernt und Theaterstücke gelesen. Im Rahmen des Theaters für Schulen, das damals gerade ins Leben gerufen wurde, haben wir Aufführungen besucht. Wir hatten ausführlichen Geschichtsunterricht, Mathematik, Physik und in den letzten 2 Jahren Englisch. Unser Lehrer hat uns an klassische Musik rangeführt und mit uns Opernaufführungen besucht. Heute kann ein Hauptschüler nicht mal seinen Namen vernünftig schreiben. Bedenken muss man noch, dass die Umstände unter denen im Kriege und nach dem Kriege der Unterricht stattfand, doch teilweise sehr primitiv und mit Mängeln behaftet war. Mir war es nicht vergönnt, bedingt durch Kriegs und Nachkriegswirren und auch einer überforderten Mutter eine Oberschule zu besuchen.

Nach Absolvierung einer Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG, machte ich im Rahmen des 2.Bildungsweges (wie es damals hieß) an der „Staatlichen Ingenieurschule Beuth“ meinen Fachschulingenieur, aber die Grundlage meines Wissens habe ich in der damaligen Volksschule erworben. Da einem mit zunehmendem Alter die frühen Ereignisse immer klarer ins Gedächtnis kommen, war es für mich ein Bedürfnis dies alles einmal zu Papier zu bringen. Wenn auch von meiner damaligen Clique leider schon viele nicht mehr leben möchte ich ihnen doch zurufen: Es war eine harte, entbehrungsreiche aber für uns Jungs auch eine abenteuerliche Zeit.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende von Teil 12 – Schluss

 

Kindheitserinnerungen von Jörg Sonnabend 1945 bis 1949

  1. Der Krieg war zu Ende. Aber die Leiden und Entbehrungen sollten für uns erst beginnen.
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 1
  2. Ein Abenteuerlicher Schulweg in der Spandauer Nachkriegszeit
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 2
  3. Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nach Kriegsende
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 3
  4. Schlusengeld – 1000 Reichsmark für ein Fahrrad
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 4
  5. Sicher stellen von Heizmaterial und Nahrungsbeschaffung nach Indianer-Art
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 5
  6. Schwarzmarkt und Wintervergnügen in Spandau
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 6
  7. Zwischen grenzenloser Freiheit und Schuldisziplin
    Spandauer Kindheits-Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1945-49 – Teil 7

Paddelbootsbau im Spandau der Nachkriegszeit – 1953

Erinnerungen von Jörg Sonnabend

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Im September 53 hatte ich meine Lehre als Werkzeugmacher bei der AEG beendet und arbeitete als Junggeselle im Vorrichtungsbau der AEG-Maschinenfabrik Brunnenstraße.

Gerd Langner, ein ehemaliger Lehrkollege der ebenfalls dort arbeitete, hatte eines Tages eine Idee. Er sagte, du wohnst doch in Spandau am Wasser, auf der Lanke-Werft, meine beiden Freunde und ich wollen uns Paddelboote bauen, wenn du dich daran beteiligst, könnten wir 4 Boote auf Kiel legen.

Ich war begeistert und da wir im Garten genug Platz hatten, stimmte ich zu. Es begann also die Planungsphase. Zuerst wurde ein Bauplan besorgt. Wir entschieden uns für ein Boot in Schapi-Bauweise, d. h. ein einfaches Boot mit einem flachen Boden. An ein geklinkertes Boot, mit überlappenden Planken haben wir uns doch nicht ran getraut. Die Boote hatten eine Länge von ca. 4,10 m und eine Breite von ca. 90 cm.

Start mit kleinen Schwierigkeiten

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Die Vorarbeiten begannen mit der Materialbeschaffung. Das Material kauften wir natürlich immer nach und nach je nach Bauphase. Zuerst benötigten wir das Leistenmaterial für die Spantenrahmen und die dazugehörigen Kupfernieten, wie sie im Bootsbau verwendet werden. Da es schon Spätsommer war, der Herbst stand vor der Tür, konnten wir diese Arbeiten im Freien nicht mehr ausführen.

Wir hatten aber eine Lösung: Gerd wohnte in der Luxemburger Straße, in der Nähe des Leopold Platzes und hatte einen geräumigen Keller mit Werkbank und Schraubstock. Also konnten wir unsere Vorarbeiten während des Winters dort ausführen.

Wenn ich hier immer nur Gerd beim Namen nenne, so muss ich sagen die Namen der anderen beiden fallen mir nicht mehr, es waren ja Freunde von Gerd, ich weiß nur noch dass der eine Viktor hieß.

Wir begannen also mit den Vorarbeiten. Es mussten immerhin 36 Spantenrahmen gefertigt werden, pro Boot 9 Stück. Mühsam war das Ausarbeiten der gebogenen Decksbalken, es gab noch keine Elektrowerkzeuge aus dem Baumarkt, alles wurde in Handarbeit gefertigt.

So trafen wir uns, je nach Verabredung, ein bis mehrmals in der Woche nach der Arbeit und verwandelten den Keller in der Luxemburger Straße in eine Bootswerft. Die Arbeit machte Spaß, zog sich aber beinahe den ganzen Winter hin, wir fieberten dem Frühling entgegen um im Garten zu weiteren Aktivitäten zu kommen.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ein kleines Problem hatten wir nicht bedacht: die 4 Stapel Spanten mussten nach Spandau transportiert werden. Heute, wo jeder ein Auto besitzt, kein Problem, wir aber mussten auf Fahrrad oder BVG zurückgreifen. Wir entschieden uns für die BVG.

Da wir damals noch sonnabends arbeiten mussten, trafen wir uns an einem Sonnabend-Nachmittag in unserem „Werkstattkeller“, bündelten unsere Spanten und zogen so bepackt mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus nach Spandau. Da die U-Bahn nach Spandau erst 20 Jahre später eröffnet werden sollte war die Fahrerei zu dieser Zeit noch etwas komplizierter.

Materialbeschaffung und Vorarbeiten

Bei uns im Garten wurden die vorgefertigten Teile erst einmal eingelagert, denn wir mussten uns mit der Planung der weiteren Schritte befassen. Mein Vater, in seiner Jugend selbst begeisterter Wassersportler und im Bootsbau sehr versiert, gab uns hier manch wertvollen Tipp.

Der nächste Schritt, der jetzt anstand war die Berechnung und Bestellung des weiteren Materials. Im Bauplan vorgeschrieben war die Verwendung von wasserfestem Sperrholz, damals eine teure Variante.

Da unsere Mittel aber nicht unbegrenzt waren, unser Wochenlohn betrug gerade mal ca. 50,- DM, mussten wir eine andere Lösung finden. Unsere Lösung hieß: wasserfeste Hartfaserplatten, 5 mm dick. Dieses Material war gerade neu auf dem Markt, ließ sich leicht verarbeiten und war, wie sich auch später herausstellte, auf Dauer haltbar. Wir bestellten also die Platten, die etwas über 4m lang und etwa 2 m breit waren und ließen sie uns anliefern.

Wenn ich mich recht erinnere, benötigten wir 6 solcher Hartfaserplatten. Da wir mit den über 4 m langen Leisten für Kiel, Stringer und Deck nicht im Bus fahren konnten, mussten wir sie uns auch anliefern lassen. Für die Montage entschlossen wir uns einen damals üblichen 2-Komponenten Bootsbauleim und Messing-Holzschrauben zu verwenden.

Da wir bei den Planken, Deck und Boden alle 5 cm eine Schraube setzen mussten, benötigten wir an die 2000 Messingschrauben. Bei den damaligen Materialkosten war das der größte Kostenfaktor. Soweit die Materialbeschaffung und die Vorarbeiten.

Erste Arbeiten

Der Frühling war gekommen und an einem warmen Sonntag konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Um den Tag richtig zu nutzen, begannen wir immer schon ziemlich früh mit der Arbeit. Wobei ich es hier am bequemsten hatte, ich brauchte praktisch nur aus dem Bett fallen und war im Garten. Meine drei Kumpels hatten es etwas schwieriger, sie mussten immer erst vom Wedding aus „anreisen“. Da sie sportliche Typen waren bewältigten sie den Weg meistens mit dem Fahrrad.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Unsere Arbeit begann damit, dass wir uns eine Helling errichteten. Wie auf Bild 1 zu erkennen ist wurden dazu 4 Pfähle, in einem bestimmten Abstand, in die Erde gerammt. Um den Sprung bzw. die Durchbiegung der Kielleiste zu berücksichtigen, wurden die beiden mittleren Pfähle demensprechend tiefer gelegt. Auf diese so errichtete Helling wurde die Kielleiste geschraubt und die vorgefertigten Spantenrahmen, in den entsprechenden Abständen, befestigt. Auch der Vor- und der Achtersteven wurden auf die Kielleiste geschraubt, siehe. Bild 1.

Im nächsten Arbeitsschritt mussten, wie auf Bild 2gut zu sehen ist, die Stringerleisten angebracht werden. Die Arbeit wurde jetzt schon etwas schwieriger. Da ich auf einer Werft groß geworden bin, meine Kindheit und Jugend auf und zwischen Booten verbracht habe, hatte ich hier die meiste Erfahrung und habe auch hier etwas die Führung übernommen.

Die Boote nehmen Form an

Da wir alle Handwerker waren, wussten wir immer, was zu tun war und es klappte. Es gab natürlich auch kleine Pannen oder Missgeschicke, die aber immer mit Humor und etwas Lästerei überwunden wurden.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Mit der Anbringung der Steven und der Deck- und Kimmstringer hatten wir den ersten Aufbau fertig. Wir bezeichneten dieses Gebilde nicht ganz fachmännisch als „Gerippe“, sehr schön auf Bild 3zu bewundern. Dieses „Gerippe“ konnten wir jetzt von der Helling lösen und in der gleichen Weise mit dem Bau des nächsten Aufbaues beginnen. Dreimal mussten wir diese Arbeitsschritte noch wiederholen dann lagen die 4 „Gerippe“ vor uns und wir konnten mit der Beplankung beginnen.

Da uns die Arbeit zu langsam vorankam, trafen wir uns jetzt auch manchmal am Sonnabendnachmittag um das Ganze etwas zu beschleunigen. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück, es gab nur wenige Wochenenden an denen wir nicht draußen arbeiten konnten. Mit dem Frühaufstehen am Sonntag hatte ich zu dieser Zeit sowieso immer ein Problem. Ich war damals 19, John Travolta gab es noch nicht aber das „Saturday Night Fever“ hatten wir schon erfunden.

Der Spaß kam nie zu kurz

Diese Nacht gehörte uns, d. h. meinen Freunden und mir. Kino, Tanzen oder auch Jazzkonzerte, je nach dem was geboten wurde. Außerdem machte ich zu dieser Zeit selbst noch Musik, ich spielte Schlagzeug. Also Schlaf war in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag immer Mangelware. Ich ließ mir aber nichts anmerken, am Sonntagmorgen stand ich immer wieder pünktlich an der Helling bzw. an den Böcken. Wie ich aber bald merkte, ging es den Mitstreitern ebenso.

Die Beplankung der Boote begann mit der Anbringung der Bodenplanke. Das Material wurde mit Aufmaß zugeschnitten, alles wieder von Hand mit der Säge, der Boden wurde aufgeleimt und verschraubt und das überstehende Material mittels Raspel und Hobel entfernt.

Wie ich schon erwähnte wurden die einzelnen Arbeitsschritte immer erst an allen Booten durchgeführt, ehe wir einen neuen Arbeitsschritt begannen. Nachdem die Bodenplanken angebracht waren, begannen wir in ähnlicher Weise mit der Seitenbeplankung, wie auf Bild 4gut zu sehen ist.

Bjavascript:;ootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Um nach der Seitenbeplankung das Deck aufbringen zu können, mussten die mittleren Decksbalken für die Einstiegsöffnung aufgeschnitten werden und mit Leisten begrenzt werden (auf Bild 5 gut zu sehen).

Alle, mit gleicher Sorgfalt

Die Arbeit machte uns großen Spaß, wir kamen auch gut voran und unser Ziel noch im Sommer die erste Bootstour zu unternehmen rückte näher. Damit keiner sagen konnte, ihr habt in mein Boot diesen oder jenen Fehler eingebaut, hatten wir vor die im Rohbau fertigen Boote zu verlosen. Das hatte zur Folge, dass alle Boote mit der gleichen Sorgfalt gefertigt wurden. Nach der Verlosung sollte jeder an sein Boot die fertigstellenden Arbeiten allein ausführen.

Zu diesen Arbeiten gehörten der Einbau der Reling und der Rückenlehnen, die Anbringung der Zierleisten und natürlich die Lackarbeiten. Aber soweit waren wir noch nicht, es mussten jetzt erst einmal die Bootsdecks aufgebracht werden.

Es war eigentlich die komplizierteste Arbeit, weil wir das mit Aufmaß ausgeschnittene Deck geschlossen aufschrauben mussten und dann erst den Ausschnitt für die Plicht, sprich Einstieg, ausschneiden konnten. Aber da wir als Werkzeugmacher an präzises Arbeiten gewöhnt waren gelang uns auch diese Arbeit, wie auf Bild 6 gut zu sehen ist.

Nach diesem Arbeitsschritt hatten wir die Boote im Rohbau fertig. Im Bild 6 rechts unten ist eins der Boote im Rohbau zu sehen. Das Boot, das wir im Übermut senkrecht zum Fotografieren aufs Heck gestellt haben, hat bereits eine Reling.

Jetzt folgte die bereits angekündigte Verlosung der Boote. Jeder kennzeichnete sein Boot und es begann der Endspurt. Wir hatten jetzt eine „Parallelfertigung“, denn jeder werkelte jetzt allein an sein Boot, wobei gegenseitige Hilfe natürlich immer noch Bestand hatte und auch nötig war.

Schlussarbeiten, der Sommer naht

Einige Wochenenden gingen natürlich noch drauf, denn es gab noch einiges zu tun. Die Sitzlehnen und die Bodenbretter mussten angefertigt werden und die Boote bekamen eine Scheuerleiste. Wie auf Bild 7 zu sehen ist, brachte jeder je nach Geschmack auch noch ein paar Zierleisten an, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und jeder hatte eine andere Vorstellung wie ein Boot auszusehen hat.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Ich hatte mein Boot (auf Bild 7 rechts) betont schlicht gehalten, es sollte mehr nach Kajak aussehen und die sportliche Note sollte betont werden. Der Vorteil den ich jetzt hatte, war, dass ich an mein Boot jetzt auch Wochentags nach Feierabend arbeiten konnte. So hatte ich Zeit, am Wochenende den anderen zu helfen.

Die wichtigste Arbeit hatten wir noch vor uns: die Boote mussten lackiert werden und natürlich einen Unterwasseranstrich bekommen. Zuerst wurden die Boote geschliffen und mit Leinölfirnis gestrichen. Nach dem Trocknen erfolgte abermals ein leichtes Anschleifen. Jetzt erfolgte der für Paddelboote traditionelle grüne Unterwasseranstrich. Danach wurden das Deck und die Seitenwände mit Bootslack zweimal lackiert. Wir hatten Glück mit dem Wetter, denn wenn man ein Boot im Freien lackieren muss ist man sehr vom Wetter und besonders von der Staubentwicklung abhängig, ich kannte das von größeren Booten. Aber wir hatten Glück und bald konnten wir unsere fertigen Boote präsentieren.

Stapellauf

An einem schönen Sommertag des Jahres 1954 trugen wir stolz unsere Boote einzeln zum Wasser, ein Weg von ca. 150 m. Wir freuten uns eigentlich sehr über unsere gelungene Arbeit denn trotz aller Erfahrung die vor allem ich mit Booten hatte, waren wir doch alle Laien.

Jedenfalls gratulierten wir uns gegenseitig und es erfolgte der langersehnte „Stapellauf“. Wie auf Bild 8 gut zu sehen ist, lagen die Boote gut im Wasser und vor allem, sie waren dicht. Damit war die Arbeit der kleinen „Bootswerft“ bei uns im Garten beendet.

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Bootsbau in der Spandauer Nachkriegszeit (Foto: Jörg Sonnabend)

Rückschauend möchte ich sagen, es war für Jugendliche eine sinnvolle Beschäftigung. Den Begriff „Teamwork“ gab es damals noch nicht, aber wir hätten ihn erfinden können. Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche heute auf die gleiche Idee kommen würden.

Ein Wort noch zu den Kosten, sie lagen pro Boot bei ca. 120,- DM, bei unserem damaligen Verdienst waren das ca. 2 ½ Wochenlöhne. Die Boote haben sich bewährt, ich habe mit meinem Boot viele Touren unternommen und konnte es 1962 noch verkaufen.

 

Jörg Sonnabend

2012

 

 

Anmerkung der Reaktion:

Unterwegs in Spandau sucht weitere Erinnerungen an Spandaus vergangene Zeiten.

Wer gerne Begebenheiten aus seinen Erinnerungen weitergeben möchte, der ist auf Unterwegs in Spandau herzlich willkommen. Auch fragmentarische Stichpunkte sind wichtig. Ich erstelle gerne einen fertigen Text aus Ihren Notizen.

Werfen Sie alte Fotos und Postkarten nicht weg!

Weihnachten und Bombenalarm an der Scharfen Lanke

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 5

Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Jörg Sonnabend vor dem Rathaus Spandau 1949

Nur Einige, aus meiner Sicht besonders heftige, verfolgen mich seit meiner Kindheit. Da war der 1. März 1942, unsere erste Bekanntschaft mit Bomben (ich habe bereits darüber berichtet), der 16. Dezember 1943, auf den ich noch eingehen werde und der legendäre 6. Oktober 1944, ein Tagesalarm bei dem der Turm der Nikolai-Kirche ausbrannte. Es war der 16. Dezember 1943, also kurz vor Weihnachten. Wieder eine Kriegsweihnacht, bereits die fünfte.

Große Höhepunkte waren nicht zu erwarten, aber meine Mutter, zusammen mit den Großeltern, versuchte doch immer das Weihnachtsfest zu gestalten. Einige Überraschungen waren immer noch drin. Also am 16. 12. 43 verzichteten wir auf unseren Aufenthalt im Bunker, in der Hoffnung dass es keinen Alarm gibt und meine Mutter wollte die Wohnung auf „Weihnachtsglanz“ bringen. Da meine Mutter tagsüber arbeitete, ging abends das Großreinemachen los. Das ganze Programm, mit Staubsaugen usw..

Es kam dann doch anders als wir es uns gedacht haben, am späten Abend heulten die Sirenen: es war Fliegeralarm. Die Frage war jetzt wohin? Der Luftschutzstollen, der gegenüber dem Werfteingang, in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig und unseren etwas unsicheren Hauskeller wollten wir nicht mehr benutzen. Da fiel uns ein, dass man am Ende der Scharfen Lanke, also direkt neben uns vor dem Segelklub S.V. U. H. einen kleinen Luftschutzbunker in den Sand hinein gebaut hatte.

Es waren hölzerne Balkenrahmen zur Hälfte ins Erdreich versenkt mit Holzbohlen verbunden und das Ganze mit ca. 2 m Sand bedeckt. Das ganze Gebilde war ca. 15 m lang und hatte an jedem Ende eine Holztür. Entgegen aller Vorschriften hatte dieser kleine Splittergraben in der Mitte keine Abknickung, die Druckwellen der Sprengbomben und Luftminen konnten uns also ungehindert um die Ohren pfeifen. Die Druckwelle einer Luftmine z.B. war noch in 1000 m Entfernung zu spüren. Wir 4 Personen, mein Freund Horst mit Mutter und ich mit meiner Mutter, wir waren an diesem Abend die einzigen Personen im Hause, suchten also schleunigst diesen kleinen Splittergraben auf denn das Flakfeuer setzte schon ein.

Es wurde, soweit ich mich erinnern kann, der schlimmste Luftangriff den unsere Gegend abbekommen hat. Vom Anfang bis zum Ende des Angriffes lagen wir auf den Holzfußboden des Bunkers, die Türen wurden aufgerissen und die Druckwellen schossen durch den Splittergraben. Über die Länge des Angriffes kann ich heute keine Angaben mehr machen, aber dieses Feuerwerk aus Bombeneinschlägen und Flakfeuer hielt mindestens über eine Stunde an.

Nach der Entwarnung, also nach Beendigung des Angriffes krochen wir buchstäblich aus dem Splittergraben und stellten als erstes fest, dass unser Haus noch stand. Fenster und teilweise auch Türen waren raus bzw. eingedrückt, der Putz war in großen Flächen von der Wand gefallen, aber man konnte alles wieder notdürftig reparieren.

Wie überhaupt die Werft etliche Bombentreffer abbekommen hatte aber die Hallen und Gebäude blieben stehen und konnten nach Aufräumungsarbeiten wieder benutzt werden. Viele der Bomben sind, trotz der überall brennenden Häuser, offensichtlich in die Havel oder in den Sand der Haveldüne gefallen. Wir haben in den Kriegsjahren viele schreckliche Bombennächte und später auch Tage erlebt, aber dieser 16. Dezember 1943 wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

Nach dieser schrecklichen Bombennacht zogen wir es vor, die Nächte wieder im Bunker zu verbringen, denn unser im Bau befindliche Luftschutzbunker, der gegenüber dem Werfteingang in den Sand der Haveldüne hinein gebaut wurde, war noch nicht fertig. Für mich persönlich waren die Bombennächte ab Februar 1944 erstmals zu Ende. Mit anderen Spandauer Jungs, alle zwischen 10 und 14 Jahre, wurde ich im Rahmen der Kinderlandverschickung in ein KLV-Lager in die Slowakei verschickt. Dort hatten wir andere gefährliche Abenteuer, vor allem bei unserer überstürzten Rückkehr und Flucht im September 1944, zu bestehen.

Ab Ende 1944 hatten uns die Luftangriffe wieder voll im Griff, die ja auch während meiner Verschickung unvermindert angedauert hatten. Da jetzt auch vermehrt Tagesangriffe geflogen wurden hatte sich die Situation noch verschärft. Auf unserem Schulweg und auch während des Unterrichts wurden wir oft von den Alarmsirenen überrascht und mussten dann versuchen irgendeinen in der Nähe liegenden Luftschutzkeller oder Bunker aufzusuchen. Während meiner Kinderlandverschickung ist auch unser lang ersehnter, in die Haveldüne hineingebauter, Luftschutzbunker fertig geworden.

Dieser Bunker, gebaut mit dicken Eichenbalken und mit mehreren Metern märkischen Sand darüber, bot uns endlich den Schutz, den wir uns in den davor liegenden Jahren immer gewünscht hatten. Gegen Ende des Krieges wurden die Angriffe unregelmäßiger und auch heftiger. Aber auch diese schwere Zeit musste überstanden werden. Bei aller Schrecklichkeit, die uns das Jahr 1945 mit Kriegsende und Besetzung noch brachte, waren wir letztendlich froh dass wir ab Mai 45 wenigstens wieder nachts durchschlafen konnten. Es gab jetzt andere Widrigkeiten und Notsituationen die überwunden werden mussten.

 

Jörg Sonnabend

2011

 

Ende Teil 5 von 5

Luftschutzbunker an der Heerstraße

Spandauer Erinnerungen von Jörg Sonnabend 1942-1945 – Teil 4

Jörg Sonnabend mit Mutter und deren Kollegen, 1944

Jörg Sonnabend mit Mutter und deren Kollegen, 1944

In unserer Nähe, wie z.B. Weinmeisterhöhe, Weinmeisterhornweg oder im vorderen Teil der Scharfen Lanke, wurden aber doch etliche Häuser zerstört. Unser Schulweg führte uns dann immer an brennende Trümmer vorbei, es lag ein ekliger Brandgeruch in der Luft. Am schlimmsten war der Geruch wenn Phosphorbomben, die sog. „Phosphorkanister“ abgeworfen wurden. Unser Hobby hieß jetzt „Granatsplitter sammeln“. Der Weg zur Schule war lang und die Ausbeute dementsprechend. In der Schule wurde die Ausbeute begutachtet und die größten Funde bewundert. Bedauert haben wir nur, dass unsere Schule nie vollgetroffen wurde.

Es entstanden jetzt im Stadtgebiet immer mehr Luftschutzbunker aus Beton. Der nächst gelegene von uns ein sog. Flachbunker also nur ebenerdig, befand sich an der Gatower Ecke Heerstraße, ungefähr hinter der heutigen Esso-Tankstelle. Da wir uns in unserem Luftschutzkeller nicht mehr sicher genug fühlten bemühten wir uns um einen Platz in diesem Bunker.

Da die Schlafplätze hier sehr begehrt waren kamen wir erst mal auf eine Warteliste. Wir mussten uns damit begnügen den Bunker bei Sonnenuntergang aufzusuchen und wenn bis ca. 23.00 Uhr kein Fliegeralarm erfolgte wieder den Heimweg anzutreten um wenigsten noch etwas zu schlafen. Es war immerhin ein Fußweg von ca. 30 Min., wobei wir uns immer der Gefahr aussetzten unterwegs von einem späteren Angriff überrascht zu werden.

Alles strapaziös und gefährlich. Man hatte aber bald ein Einsehen mit uns und wir bekamen Bunkerschlafplätze zugewiesen. Der Bunker war in Schlafkabinen mit je 6 Schlafplätzen eingeteilt. Wie viel Kabinen der Bunker hatte, weiß ich heute nicht mehr, wir hatten jedenfalls die Kabine 16. Der Platz war sehr beengt, in der Mitte ein schmaler Gang und rechts und links je ein 3 stöckiges Bett. Meine Mutter, ich, mein Freund Horst mit Mutter und noch 2 fremde Personen schliefen in diesem „Kaninchenstall“, wie wir unsere Schlafstätte immer nannten. Es ging gut, wir störten uns nicht, wir waren alle froh dass wir ohne von der Luftschutzsirene gestört zu werden, durchschlafen konnten.

Wenn nachts bei Alarm Bomben fielen und Flakbeschuss den Himmel erhellte, hörten wir im Bunker nichts. Da ich im obersten Bett, kurz unter der Decke schlief und sich in meiner Nähe das Lüftungsgitter befand, hörte ich durch die Lüftung immer nur ein leises Grummeln. Die hygienischen Zustände waren natürlich stark eingeschränkt. Man zog sich ja zum Schlafen auch nie ganz aus. Alles war praktisch Notbetrieb.

Uns Kinder störte dies alles natürlich nicht und wie die Erwachsenen dies empfanden kann ich heute leider nicht mehr sagen. Wir gingen jedenfalls dann von hier aus zur Schule und die Erwachsenen an ihre Arbeitsstätten. Da unsere Schule erstaunlicher Weise von Bomben nie voll getroffen wurde hatten wir bis kurz vor Kriegsende, so ca. bis Ende März 45, einen verhältnismäßig regelmäßigen Schulbetrieb.

Es gab natürlich auch Nächte an denen wir unseren Betonklotz nicht aufsuchten, z. B. am Wochenende, oder wenn die Großeltern aus Berlin-Kreuzberg zu Besuch kamen, oder mein Vater hatte Fronturlaub. Bei Alarm mussten wir dann wieder unseren Hauskeller aufsuchen, wo wir dann wieder das ganze Feuerwerk erlebten. An Daten der Angriffe bzw. der schweren Angriffe kann ich mich nicht mehr im Einzelnen erinnern.

 

 

Jörg Sonnabend

Ende Teil 4 von 5