Rieselfelder Spandau - Sonnenuntergang (Foto: Ralf Salecker)

Übernehmen die Berliner Stadtgüter die Spandauer Rieselfelder?

16. Januar 2013
19:00bis21:00

Lösung für Karolinenhöhe in Sicht?

Rieselfelder Spandau - Sonnenuntergang (Foto: Ralf Salecker)
  • facebook
  • Google+
Rieselfelder Spandau – Sonnenuntergang (Foto: Ralf Salecker)

Mit den Gatower Rieselfeldern verfügt Spandau über ein Landschaftsschutzgebiet, um das viele den Bezirk beneiden. Ausgedehnte Flächen flacher Landschaft, die von kleinen Baumansammlungen, Alleen und Büschen dominiert wird, erlauben einen für die Großstadt ungewohnten und ungestörten Blick in die Ferne. Nun scheint die Übernahme der Rieselfelder durch die Berliner Stadtgüter GmbH in ernsthafter Diskussion zu sein. Anscheinend gab es schon erste Gespräche darüber, berichtete der Tagesspiegel am 4. Januar.

Bei der Vorstellung eines möglichen Nutzungskonzeptes für die Spandauer Rieselfelder im Bürgersaal des Rathaus Spandau am 16.1.2013 um 19 Uhr werden neben Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank, Baustadtrat Carsten Röding und Vertretern der Berliner Wasserbetriebe auch Vertreter der Berliner Stadtgüter anwesend sein.

Interessant ist auch, dass die Berliner Wasserbetriebe bisher gerade einmal 10 Prozent der Fläche der Rieselfelder untersucht haben sollen. Aufbauend auf diese Untersuchungsergebnisse soll entschieden werden, ob und wie der Rest im darauf folgenden halben Jahr untersucht wird. Die chemischen Untersuchungsergebnisse hätten schon längt fertig gestellt sein müssen. Von diesen hängt schließlich auch ab, wie eine mögliche landwirtschaftliche Nutzung des ehemaligen Rieselfeldgeländes zukünftig aussehen könnte.

So, wie es ausschaut, würde sich der Gastronom Josef Laggner ausschließlich auf die Nutzung des früheren Betriebshofs Karolinenhöhe an der Potsdamer Chaussee beschränken wollen. Dazu wollte dieser sich aber bisher nicht eindeutig äußern. Ein Verhalten, welches nicht gerade Vertrauen in seine Absichten schafft. Der Verkauf der Gesamtfläche der Rieselfelder an ihn scheint zu 99% ausgeschlossen.

Wer sind die Stadtgüter Berlin

Vorgeschichte

Im 19. Jahrhundert, also mit Beginn der Industrialisierung, nahm die Bevölkerung Berlins sprunghaft zu. 1825 hatte Berlin 220.000 Einwohner, soviel, wie Spandau heute aufweist. 1852 waren es schon 439.000, 1867 700.00 und 1877 über eine Million Menschen. 1920 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 2 Millionen.

Epidemien sorgten immer wieder für zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung. Mit dem dramatischen Anstieg der Bevölkerung wuchs der Bedarf nach frischer Nahrung und einer Lösung der Wasser- und Abwasserprobleme.

Der Ingenieur James Hobrecht (s. a. Rieselfelder Hobrechtsfelde) schuf in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, unterstützt von dem Arzt und Politiker Rudolf Virchow, in Berlin ein geschlossenes System zur Wasserversorgung, welches auch die Ableitung und Reinigung des entstehenden Schmutzwassers bedachte. 12 unabhängige Radialsysteme, jeweils mit eigenem Pumpwerk ausgestattet, leiteten das Berliner Abwasser zu den Rieselfeldern. Epidemien mit ihren unzähligen Opfern traten von nun an deutlich seltener auf.

Ende des 19. Jahrhunderts begann Berlin mit dem Erwerb von landwirtschaftlichen Flächen (den Berliner Stadtgütern) im nahen Umland. Der „Startschuss“ fiel 1875 mit dem Erwerb der beiden Rittergüter Osdorf und Frederikenhof. Diese und alle folgenden Flächen rings um Berlin dienten der Nahrungsproduktion für die Metropole und waren Erholungs- und Rieselfläche. Der Volksmund machte aus dem Ring von Stadtgütern um Berlin herum den ,,Speckgürtel von Berlin“. Heute verstehen wir etwas ganz anderes darunter.

Mit ihrer Gründung 1922 waren die Berliner Stadtgüter nicht nur Verwalter von Rieselflächen für Berlin. Von ganz besonderer Bedeutung war ihre Tätigkeit als landwirtschaftlicher Produzent von Nahrungsmitteln.

In den 20er Jahren des 19. Jahrhundert besaß Berlin 51 Stadtgüter mit einer von 25.000 Hektar, also 250 Quadratkilometern Die Hälfte davon wurde von Berlin selbst landwirtschaftlich (Obst, Gemüse, Milch …) genutzt (50 % davon waren Rieselfläche), die andere Hälfte wurde an private Nutzer verpachtet. Eigene Mühlen und Molkereien verarbeiteten die Erzeugnisse direkt vor Ort und eine eigens angelegte Schmalspur-Bahn sorgte für den Transport der Waren nach Berlin. In Hobrechtsfelde, im Norden Berlins, sind noch einige Spuren dieser Vergangenheit zu entdecken. Während dieser Zeit entwickelte sich die Landwirtschaft zu einer modernen Wissenschaft, deren Erkenntnisse die Berliner Stadtgüter intensiv anwendeten.

Die Berliner Stadtgüter, ein kurzer historischer Überblick

19. Oktober 1922: Gründung der „Berliner Stadtgüter GmbH“, als öffentlich-rechtliche Gesellschaft mit Berlin als einzigem Gesellschafter

1. Juli 1935: Die Berliner Stadtgüter sind Eigenbetrieb der Stadt Berlin

Nach 1945:

  • Ost-Berliner Stadtgüter stehen unter Verwaltung der Sowjetarmee; nach Bildung der DDR sind sie „Volkseigentum“
  • West-Berlin:  Die Stadtgüter werden bis zur dessen Auflösung 1976 vom Eigenbetrieb „Berliner Stadtgüter“ bewirtschaftet

1958: Die Domäne Dahlem wird formal in die Berliner Stadtgüter eingegliedert.

1976: Die letzten West-Berliner Stadtgüter Dahlem und Marienfelde werden aufgelöst.

1991: nach der Wiedervereinigung gelangt Berlin in den Besitz der der ehemals „volkseigenen“ Stadtgut-Flächen

1991: Gründung der Betriebsgesellschaft Stadtgüter Berlin mbH (BSB) als Agrargesellschaft. Aufgabe: „die Stadtgutflächen des Landes Berlin im Umland zu betreuen und sich auf wirtschaftliche Geschäftsfelder zu konzentrieren, zu denen insbesondere die Milchviehhaltung und Landschaftspflege gehörten.“

1. Januar 2001: Abspaltung der Liegenschaftsgesellschaft Berliner Stadtgutliegenschafts-Management GmbH &Co. Grundstücks KG (BSGM) als Grundstücksgesellschaft von der BSB. Der BSGM, im Eigentum des Landes Berlin, gehören die Stadtgüter (z.B. Rieselfelder) außerhalb Berlins. Sie verpachtet die Fläche an die Agrargesellschaft, die Personal, landwirtschaftlichen Anlagen und die Tiere der Güter übertragen bekommt.

Die große Koalition in Berlin will mindestens 76 % der BSB an private Betreiber veräußern, wobei der landwirtschaftliche Betrieb mit der „Orientierung an den Zielen der ökologischen Landwirtschaft und der artgerechten Tierhaltung“ weiterhin erhalten bleiben soll. Ein Eigenanteil des Landes Berlin soll bei max. 24,9 % bleiben, um immer noch einen Einfluss auf das Geschehen haben zu können. Die Brandenburger Flächen, um die es geht sind sehr groß, sie entsprechen etwa einem Viertel Berlins.

Interessant für private Käufer, vor allem Molkereien, sind die Stadtgüter, weil sie mit 9500 Kühen Deutschlands größter Milchlieferant sind. Dazu kommen noch tausende Rinder.

2002: Aus „Der Rabe Ralf“ zum 100. Todestag des Stadtplaners James Hobrecht

Die BSGM als Eigentümerin der ehemaligen Rieselfelder ist sich den Verpflichtungen, die sich aus dem Bundesbodenschutz- und dem Bundesnaturschutzgesetz ergeben, bewusst.

Die Sicherung und Schaffung naturnaher Biotope als Rückzugsräume und Pufferzonen innerhalb der Kulturlandschaft dienen unter anderem dem Schutz gefährdeter Tierarten. Weite Teile der Stadtgüterflächen sind gesetzlich als Natur- und Landschaftsschutzgebiete, Naturpark oder auch im Rahmen von Vertragsnaturschutzprojekten unter Schutz gestellt. (…)

Die Sicherung des kulturhistorischen Wertes der Flächen wird überwiegend durch gezielte Anpflanzung der charakteristischen Vegetation erreicht, um die zurzeit noch vorhandenen Rieselfeldstrukturen zu erhalten bzw. landschaftlich aufzuwerten.

Kulturlandschaft bedeutet auch Erholungslandschaft. Die Mitarbeiter der BSGM setzen in enger Zusammenarbeit mit der Betriebsgesellschaft Stadtgüter Berlin mbH alles daran, die Attraktivität der Flächen zu erhöhen und Räume für Freizeit und Naherholung zu erschließen. Spaziergänger, Radwanderer und Reiter nutzen ein umfangreiches Wegenetz, das durch die wechselvolle Landschaft mit Feldern, Wiesen und Wäldern sowie brachliegenden Rieselfeldern führt.

(Quelle: „Der Rabe Ralf“, Extraausgabe IV 2002; 13. Jahrgang, zum 100. Todestag des Stadtplaners James Hobrecht; S. 8+9;Heike Thierbächer, Stadtgüter Berlin mbH)

Februar 2004: 8 Berliner Stadtgüter mit einer Gesamtfläche von 22.600 Hektar (Albertshof, Birkholz, Großbeeren, Joachimshof, Schönerlinde/Lanke, Sputendorf, Wansdorf und Waßmannsdorf) stehen erneut zum Verkauf. Sie sollen nur gemeinsam veräußert werden.

Februar 2004: Der Verkauf soll neu ausgeschrieben werden – nun in drei Paketen.

Mai 2004: Die bisherigen Anstrengungen, die Betriebsgesellschaft Stadtgüter Berlin mbH an private Investoren zu veräußern, haben nicht zum Erfolg geführt. (…) Nunmehr steht nicht mehr der Verkauf der Berliner Stadtgüter als komplette Gesellschaft im Vordergrund, sondern es sollen einzelne Güter oder Gruppen von Gütern zum Verkauf ausgeschrieben werden. Die Umstellung von mindestens zwei Gütern auf ökologischen Landbau wird nicht mehr als Bedingung, sondern als Option vorgegeben. Die Berliner Stadtgüter selbst werden Ausschreibung und Verkauf durchführen. (Pressemitteilung des Landes Berlins vom: 25.05.2004)

Oktober 2005: Süd-Stadtgüter Großbeeren, Sputendorf und Waßmannsdorf wurden für 8,5 Millionen Euro an den niederländische Milchunternehmer Gerrit Vrieling verkauft.

Dezember 2005: Die nördlichen Stadtgüter sollen in vier Partien verkauft werden: Albertshof, Joachimshof und Schönerlinde bilden ein Paket, welches ebenso an einen Milchunternehmer gehen soll Birkholz, Lanke und Wansdorf sollen einzeln angeboten werden.

Frischer Wind für Spandau? Berliner Stadtgüter und die regenerative Energie

„Heute liegt die besondere Aufgabe der Berliner Stadtgüter darin, Grundstücke und Immobilien im Rahmen eines umfassenden, vorausschauenden Managements einer wirtschaftlichen Nutzung zuzuführen und dabei die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Naturerhalt zu finden.“ (Quelle: Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv)

Die Berliner Stadtgüter GmbH plant an unterschiedlichen Standorten in Brandenburg die Errichtung von Windkraftanlagen (u.a. in Schönwalde-Glien und bei Stahnsdorf). An anderen Orten gehen sie gerichtlich gegen mögliche Behinderungen beim Bau solcher Anlagen vor. Sie rufen damit den Widerstand einiger Bürgerinitiativen hervor.

In einer Studie zum Berliner Energiekonzept, genauer in der Anlage 6 (Potenziale erneuerbarer Energien in Berlin 2020) ist ein interessanter Punkt zu finden:

„Da Berlin voraussichtlich auch langfristig Endenergie und Energierohstoffe aus dem Umland beziehen muss, wird schließlich auch die gezielte Erschließung der Biomasse-, Wind- und Solarpotenziale der Berliner Stadtgüter empfohlen.“ (…)

Ab Seite 73: „In einer von der umweltplan projekt GmbH für die Berliner Stadtgüter GmbH erstellten Studie (siehe auch 4.1.1.1) werden neben Potenzialen für Freiflächenphotovoltaik auch solche für die Nutzung von Windenergie untersucht (umweltplan 2008).“ (…)Die Ersteller der Studie kamen in einem Interview (…) jedoch zu der Einschätzung, dass sich aufgrund einiger einschränkender Aspekte (Naturschutzbelange, zukünftige Baugebiete etc.), die im Rahmen der Studie nicht betrachtet werden konnten, das Zubaupotential in der Praxis wahrscheinlich um ca. ¼ reduzieren würde. Unter Annahme dieser Einschränkung könnte langfristig mit ca. 169 MW installierter Leistung eine Stromerzeugung von ca. 329.725 MWh/a – und damit die Deckung von 3,5 % des Berliner Strombedarfs 2050 – realisiert werden.

Im Bundesland Brandenburg wurden im Rahmen der gemeinsamen Landesentwicklungsplanung der „Hauptstadtregion“ Vorrangflächen für die Windkraftnutzung ausgewiesen. Die noch nicht erschlossenen, für die Windenergienutzung geeigneten Flächen der Stadtgüter GmbH befinden sich, wie bereits erläutert, jedoch zum größten Teil außerhalb dieser Vorrangflächen – aus rechtlichen Gründen können daher dort im Moment keine Windenergieanlagen errichtet werden. Durch eine Änderung/Ausweitung dieser Flächen oder den Übergang zu Einzelfallprüfungen könnte jedoch in Zukunft auf den Flächen der Berliner Stadtgüter eine deutlich stärkere Nutzung der Windenergie möglich werden.

In der Vergangenheit war es bereits mehrfach zu Streitigkeiten in Bezug auf die Verhinderung des Windkraftausbaus der Berliner Stadtgüter gekommen. So wurde beispielsweise der geplante Bau von Windkraftanlagen nahe des Schönefelder Kreuzes durch die Planungsgemeinschaft Lausitz-Spreewald aufgrund der Nähe zum Flughafen BBI untersagt (Jacobs 2009), die Errichtung von 25 Windrädern in Stahnsdorf wurde durch das Streichen einer Vorrangfläche aus dem „Teilregionalplan Windenergie“ durch die Regionale Planungsstelle Havelland-Fläming verhindert (Potsdamer Neueste Nachrichten 2008). Von Seiten der Berliner Stadtgüter wurden bereits Klagen angedroht, falls es zur weiteren Verhinderung von Windenergieprojekten kommen sollte (Jacobs 2009).

September 2010: Die Stadtgüter können sich in einem Gerichtsprozess durchsetzen. Dem geplanten Windpark bei Stahnsdorf, mit über 20 bis zu 175 Meter hohen Windrädern, dürfte jetzt kaum mehr etwas im Wege stehen.

Oktober 2011: Offizieller Baubeginn für den Solarpark auf dem ehemaligen Flughafen Staaken. Der Investor pachtete das Gelände von den Berliner Stadtgütern für 20 Jahre.

2011: Die Berliner Stadtgüter GmbH klagt gegen die Unterschutzstellung eines 120 Hektar großen Rieselfeldareals im Süden des Teltower Ortsteils Ruhlsdorf, weil sie befürchten, dort keine Windräder mehr aufstellen zu dürfen. Ferner könnten sich damit zu viele Pflichten für den Eigentümer ergeben, so ihre Befürchtung: „Diese können wir nicht tragen.“ (…)  „Problematisch ist aber, dass wir uns dann dort nicht mehr wirtschaftlich betätigen können.“

2012: Die Berliner Stadtgüter GmbH plant Windenergieanlagen in der Gemeinde Schönwalde-Glien  und in der geschützten Notte-Niederung („Möglicherweise werde ein Teil der Flächen aus dem Landschaftsschutzgebiet ausgegliedert“, so Brandenburgs Umweltministerin Tack.).

Weitere Info´s zu den Rieselfeldern

Verwandte Texte

Ein paar Links zu Untersuchungen und Forschungsprojekten zu den Rieselfeldern im Allgemeinen und den Rieselfeldern Karolinenhöhe im Speziellen

 

 

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.