Tiefwerder Wiesen, Klein Venedig (Foto: Ralf Salecker)

Paddeln durch Klein-Venedig und um Pichelswerder

Auf dem Wasser unterwegs von den Tiefwerder Wiesen über die Havel

Klein Venedig in den Tiefwerder Wiesen (Foto: Ralf Salecker)
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Klein Venedig in den Tiefwerder Wiesen (Foto: Ralf Salecker)

Wer Venedig hört, denkt nicht unbedingt an Spandau. Vielmehr entsteht sofort ein Bild von der Stadt der Kanäle in Italien, manch einer denkt dabei noch an Köpenicks Ortsteil Neu Venedig. Ein wenig versteckt liegt Spandaus Klein Venedig in den Tiefwerder Wiesen. Kleine Känäle verlocken zu einer Bootstour, die Natur, Geschichte, Geschichten und Erholung miteinander verknüpft.

Nach all den kleinen Touren an Land und entlang der Uferwege, begeben wir uns endlich einmal aufs Wasser. Wir schnappen uns ein Paddelboot und erkunden den Bezirk aus einer anderen Perspektive.
Ein schöner Startpunkt für dieses Vergnügen ist Klein-Venedig auf der Halbinsel Tiefwerder im Spandauer Ortsteil Wilhelmstadt. Vor Ort kann man sich gleich das passende Boot mieten.

Vom lautstarken Verkehr der Heerstraße verabschieden wir uns, wenn wir in den Brandensteinweg einbiegen. Am Stößensee entlang führt der Weg bis zum Bootsladen von Axel Sauer. Hier mieten wir uns unseren Kanadier oder Kajak und können sofort im Hauptgraben starten.

Klein-Venedig, ein guter Ort für Paddelanfänger und Naturliebhaber

Märchenhafte Gebäude am Jürgengraben auf Tiefwerder (Foto: Ralf Salecker)
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Märchenhafte Gebäude am Jürgengraben auf Tiefwerder (Foto: Ralf Salecker)

Klein-Venedig ist ein Gebiet mit weitläufigen Wiesenflächen, Havel-Altarmen und röhrichtbe­standenen Ufern sowie auwald­ähnlichen Gehölzen. Genau richtig, um in den ruhigen Wasserläufen die ersten Paddelversuche zu unternehmen. Größeren Booten ist hier der Zugang verwehrt.

Am Schulzenwall, einem Teilstück des Hauptgrabens, lassen wir unser Boot zu Wasser. Zuerst paddeln wir gemütlich in Richtung Norden und genießen den schmalen Wasserlauf. Viel Verkehr oder heftige Wasserbewegungen sind hier nicht zu erwarten. Perfekte Bedingungen, um mit dem Boot vertraut zu werden. Ein Gefühl von Dschungel kommt auf. Dichtes Grün überall. Kleingärten sind das einzige Zeichen von Zivilisation. Ab und an ist ein Boot am Ufer zu sehen.

Viele Parzellen sind leergeräumt und verwildern. An anderen Stellen geht die aktive Umgestaltung der Landschaft ihrem Ende entgegen. Das Ergebniss ist sehenswert. Nun gelangen an wenigen Stellen auch Spaziergänger direkt ans Wasser, ein Umstand, der vorher nicht möglich war. Anderswo grasen in abgesperrten Arealen asiatische Wasserbüffel und Galloway-Rinder. Beide dienen im Bereich der Tiefwerder Wiesen als biologische Rasenmäher. Später landen sie als Bio-Fleisch in der Pfanne. Bis dahin führen sie aber ein glückliches Leben.

Eine versunkene Insel

Malerische Landschaft am Zusammenfluss von Jürgengräben und Faulem See (Foto: Ralf Salecker)
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Malerische Landschaft am Zusammenfluss von Jürgengräben und Faulem See (Foto: Ralf Salecker)

Vom Hauptgraben wollen wir nach rechts in den Faulen See einbiegen. Eine Insel kurz davor verführt uns zu einer kleinen Umrundung – jetzt fehlen nur noch die Krokodile. Unseren stauenenden Augen präsentiert sich eine größere Wasserfläche. Kleiner Jürgengraben, Großer Jürgengraben, Fauler See (Rest eines Havelaltarms) und der Hauptgraben treffen hier zusammen. Seerosen bilden einen dichten Teppich in der Mitte des „Sees“.

Wir paddeln hier auf historischem Boden. Am Ostufer des Faulen Sees bestand vom 6. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts eine frühslawische Siedlung. Wenn dies zutrifft, wäre diese Siedlung älter, als der Spandauer Burgwall, der „Urzelle“ Spandaus.

Betreten verboten, steht auf einem Schild, mitten im See. Dies soll kein Hinweis für mögliche Hobbyarchäologen sein. Eine Geschichte, die eher an einen Schildbürgerstreich erinnert, erzählt von einer versunkenen Insel an dieser Stelle. Kein mystisches Geheimnis verbirgt sich hier. Vielmehr schüttete man hier vor vielen Jahren eine künstliche Insel auf. Die Natur wollte es anders. Die Insel versank. Umgerechnet 1,3 Millionen Euro gingen hier unter.

Wir nehmen den Großen Jürgengraben und bewegen uns weiter, begleitet von Entenfamilien, die sich nicht in ihrer Ruhe stören lassen. Dieser Weg führt uns direkt ins Herz von Tiefwerder. Unter der Tiefwerder Brücke hindurch geht es direkt in den Spandauer Südhafen (errichtet 1906 bis 1911), oder auch Unterhafen, einem Altarm der Havel. Die alten Öltanklager existieren schon seit vielen Jahren nicht mehr. Der Hafen selbst, mit eigenem Bahnanschluss, wird rege genutzt.

Wir wollen Klein Venedig noch nicht verlassen, sondern biegen nach etwa 400 Metern links in den Kleinen Jürgengraben ein. Deutlich schmaler und kurviger geht es voran, bis wir rechts einschwenkend in den uns schon bekannten Hauptgraben gelangen. Diesem folgen wir bis in den Stößensee.

Über Stößensee und Stößenseebrücke in die Havel

Über 100 Jahre alt ist die Stößenseebrücke zur Überbrückung der Havelniederung (Foto: Ralf Salecker)
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Über 100 Jahre alt ist die Stößenseebrücke zur Überbrückung der Havelniederung (Foto: Ralf Salecker)

Dicht an dicht drängen sich die Bootsvereine. Beeindruckend erhebt sich die vor einigen Jahren restaurierte Stößenseebrücke mehr als 20 Meter hoch über unseren Köpfen. Ein technisches Meisterwerk, welches 1908/09 unter erheblichen Schwierigkeiten in den schlammigen Boden gebaut wurde. Seine Schönheit erschließt sich dem Besucher nur von unten. Für den Autofahrer erscheint sie von oben wie jede andere gewöhnliche Brücke. Manchmal seilen sich hier Kletterer ab, um ihre Fähigkeiten zu trainieren.

Die filmreifen Kletterübungen passen gut zu einem Stück Filmgeschichte in Spandau. Nicht nur in Haselhorst und Staaken hatte Spandau Filmstudios. Wenige wissen es, bis 2002 entstanden hier am nördlichen Ufer des Stößensees Spielfilme. Der umgebaute Saal des 1911 als Ausflugsgaststätte gebauten „Seeschloss Pichelswerder“ diente nach dem zweiten Weltkrieg als Filmstudio.

Gasspeicher am Stößensee

Moderne Wohn-Bauten an den Hängen der Havel (Foto: Ralf Salecker)
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Moderne Wohn-Bauten an den Hängen der Havel (Foto: Ralf Salecker)

Berlins sichere Reserve für kalte Zeit liegt mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche. Der Versuch vor mehreren Jahrzehnten unter dem Spandauer Boden Gas oder Erdöl zu finden, war nicht von Erfolg gekrönt. Bei den Bohrungen, die in über 4000 Meter Tiefe vordrangen, entdeckte man dagegen Sandsteinschichten, die als Gas-Speicher geeignet waren.

Im Osten des Stößensees liegt ein unterirdischer Gasspeicher mit einem Fassungsvermögen von Anfangs 700 Millionen und heute um 1 Milliarde Kubikmetern. Gespeichert wird das Gas nicht in Hohlräumen, sondern in den Poren des sog. Detfurth-Sandstein aus denen das Wasser verdrängt wurde. Ton-, Salz- und Kalkschichten sorgen dafür, das kein Gas an die Oberfläche entweicht. 1992 wurde der Edgasspeicher in Betrieb genommen. Die Baukosten betrugen ca. 80 Millionen Euro. Der Speicher war die notwendige Voraussetzung des Anschlusses West-Berlins an das russische Gasnetz. Andere begründeten dies mit einer Angst vor einer neuerlichen Blockade West-Berlins…

Im kalten Winter 2013 sank die Reserve auf nur noch 1,5 Millionen Kubikmeter Erdgas. 2004 kam es bei Reinigungs- und Wartungsarbeiten es auf dem Sondenplatz des Gasag-Erdgasspeichers zu einer Explosion mit mehreren Schwerverletzten. 30 Meter hoch soll die Stichflamme gewesen sein. Die Heerstraße wurde aus Sicherheitsgründen über Stunden vollständig gesprerrt.

Der Erdgasspeicher in rund 800 Meter Tiefe hat messbare Auswirkungen auf seine direkte Umgebung. Der Boden hebt und senkt sich in Abhängigkeit des Füllstandes. 2009 wurde bei Messungen durch die Radarsatelliten ERS-1 und ERS-2 eine Anhebung des Bodens um 8 cm festgestellt.

2008 wunderten sich viele Spandauer über seltsame Geräte und kilometerlange Kabel, die im Bezirk verlegt wurden. Dabei handelte es sich um spezielle Rüttelgeräte, die ein dreidimensionales Schallbild des Bodens erstellen sollten. Mit diesem Vorarbeiten sollten erkundet werden, wie weit der unterirdische erdgasspeicher noch ausgebaut werden kann.

Russisches Militärflugzeug stürzt in den Stößensee

Um die Spitze von Pichelswerder geht es weiter in das Pichelsdorfer Gmünd (Foto: Ralf Salecker)
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Um die Spitze von Pichelswerder geht es weiter in das Pichelsdorfer Gmünd (Foto: Ralf Salecker)

Dramatisch wurde es am Stößensee in den 60er Jahren des letzten jahrhunderts. Am 22. April 1966 stürte ein russisches Militärflugzeug vom Typ Yak 28 (Yakowlew) in den Stößensee. Der Kampfjet war auf dem Militärflughafen in Eberswalde zu einem Übungsflug gestartet. Solche Flüge führten in der Zeit des kalten Krieges auch immer wieder über die Stadt Berlin.

In 4000 Metern Höhe verlor der Pilot die Kontrolle über die Maschine. Der Pilot und ein Besatzungsmitglied bekamen den Befehl, erst über DDR-Gebiet den Notausstieg zu betätigen. Als der Absturz sich nicht mehr verhindern ließ, wählte der Pilot den gelenkten Abturz in den Stößensee, um nicht mitten im Stadtgebiet aufzuschlagen und opferte so beider Leben. Er wendete damit möglicherweise eine große Katastrophe ab.

Der damalige Bürgermeister Willy Brand sprach für diese mutige Entscheidung seinen tief empfundenen Dank aus. Britische Militärs sperrten sofort das Gelände ab und verwehrten den hinzugekommennen Sowjets den Zugriff auf das Wrack. Eine Woche dauerte die Bergung. Die Westalliierten gelangten durch diesen Zwischenfall zu bisher geheimen Militärinformationen.

Pichelswerder, eine waldige Halbinsel

Hier ging gerade Rotkäppchen entlang (Foto: Ralf Salecker)
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Hier ging gerade Rotkäppchen entlang (Foto: Ralf Salecker)

Nun wird das Wasser etwas unruhiger. Über eine schmale Durchfahrt geht es unter der Brücke hindurch vorbei an der Ostseite der Halbinsel Pichelswerder. Dicht bewaldet mit Laub‑ und Nadelbäumen ist sie seit 1936 Landschaftsschutzgebiet. Früher einmal kam halb Berlin hierher, um hier lustzuwandeln und in einem der unzähligen Lokale den Tag zu genießen. Als Turnvater Jahn 1818 das Gebiet besuchte, ertrank einer seiner Schüler im Stößensee. Die Halbinsel Pichelswerder galt als einer der schönsten Plätze in und um Berlin. Es gab Pläne für ein großes Sport- und Theaterforum, welches in gigantomanischer antiker Manier entstehen sollte.

Kurz bevor wir die Landspitze umrunden, gönnen wir uns eine Picknickpause am kleinen Badestrand. Diesen muss man sich mit Hunden teilen. Auf Pichelswerder ist eines der großen Hundeauslaufgebiete Spandaus. Der Aufenthalt lohnt sich. Fast wie ein großer See liegt die Havel vor uns. Im Südosten, Richtung Havelchaussee, sehen wir das Restaurantschiff Alte Liebe am Ufer liegen. Rechter Hand, kurz vor dem Pichelsdorfer Gmünd, lag einst das Restauranschiff Sabine.

Pichelsdorfer Gmünd

Zwei Leuchtfeuer markieren die Einfahrt in das schmale Pichelsdorfer Gmünd. Hier sollten wir uns tunlichst immer nahe am Ufer halten. Frachtschiffe, Ausflugsdampfer und schnell daherbrausende Motorboote lassen uns kräftig hin und herschaukeln. Größere Wellen sollten nach Möglichkeit nicht längst „mitgenommen“ werden. Anfänger könnten dabei leicht kenten. Es empfiehlt sich, das Boot lieber im 90-Grad-Winkel in die Welle zu richten, dann kann nichts passieren.

Nach 250 Metern verbreitert sich das Gewässer zum Pichelssee. Gleich rechts lädt eine rustikale Kneipe direkt am Wasser zu einer weiteren Pause ein. Sie ist über einen kleinen Steg direkt vom Wasser aus erreichbar. Bei einem Gläschen und einem rustikalen Happen genießen wir den Blick auf den regen Schiffsverkehr.

Das Pichelsdorfer Sackwunder

Zwei Leuchtfeuer markieren das Pichelsdorfer Gmünd (Foto: Ralf Salecker)
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Zwei Leuchtfeuer markieren das Pichelsdorfer Gmünd (Foto: Ralf Salecker)

Während auf Tiefwerder der menschliche Versuch, eine Insel für viel Geld in den See zu setzen in die Hose ging, kam es vor mehr als 200 Jahren zu einem umgekehrten, dafür aber kostenlosen Ereignis. Am 17. Mai 1807 tobte ein besonders heftiges Gewitter über Spandau, welches quasi über nacht Land entstehen ließ. Im Bereich des Pichelsees, früher einmal prosaisch Sack genannt, erhob sich eine etwa 50 Meter lange Landmasse aus den Fluten der Havel. Tausende Berliner strömten nach Spandau, um das Pichelsdorfer Sackwunder zu bestaunen.

Weiter in Richtung Freybrücke

Weiter geht´s dann die kanalisierte Havel entlang Richtung Norden. Auch hier gibt es noch einmal den Tanz auf dem Wasser. Nicht nur die direkten Wellen der großen Kähne treffen uns; von den Kanalwänden zurückgeworfen schütteln sie uns gleich wieder durch. Wer mit dem Paddelboot nicht vertraut ist, sollte hier sehr vorsichtig sein.

Freybrücke über die Havel (Foto: Ralf Salecker)
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Freybrücke über die Havel (Foto: Ralf Salecker)

Diesmal unterqueren wir die Heerstraße unterhalb der Freybrücke, die bald durch eine neue ersetzt wird. Derzeit ragt die Ersatzbrücke schon über die Havel. Der Neubau wird gerade am Südhafen zusammengebaut. Bevor wir wieder rechts den Unterhafen – und damit Klein-Venedig – erreichen, sehen wir linker Hand einen schmalen Zugang zum Grimnitzsee und dem Grimnitzsee-Park. Wer Zeit und Muße hat, sollte auch diesen kleinen bstecher „mitnehmen“. Der Park selbst ist ein durchaus lohnenwertes Ziel für einen kleinen Spaziergang in der Wilhelmstadt.

Unsere Endstation erreichen wir kurz vor dem Spandauer Südhafen. Ein Havelaltarm zweigt rechts von der Havel ab. Hier finden wir die beiden Zugänge zum Kleinen und Großen Jürgengraben, die wir Anfangs schon einmal befahren hatten. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zur Bootsvermietung.

Bootsvermietung auf Tiefwerder

Der Bootsladen – Das Kanufachgeschäft in Berlin Spandau

  • Axel Sauer
  • Brandensteinweg 37
  • 13595 Berlin
  • E-Mail: info@der-bootsladen.de
  • Telefon: 030 3625685
  • www.der-bootsladen.de

Ein paar passende LINKS zum Ortsteil Wilhelmstadt

Fotoimpression Klein Venedig, Tiefwerder, Pichelswerder

 

About Ralf Salecker

Ralf Salecker, freier Fotograf und Journalist

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